Martin Schulz war Kanzlerkandidat, Parteichef und fast Außenminister – nun bleibt ihm nur sein Bundestagsmandat

Martin Schulz war Kanzlerkandidat, Parteichef und fast Außenminister – nun bleibt ihm nur sein Bundestagsmandat

Keine Gnade

Martin Schulz galt als Erlöser seiner Partei. Nun hat die SPD ihren einstigen Wunderknaben abgesägt, um sich selbst zu retten. Er kann einem leid tun. Ein Kommentar von Anna Lutz

Es ist die alte Erlösergeschichte, die wir schon aus der Bibel kennen und der sich Hollywood so gerne bedient: Einer opfert sich selbst, seinen Ruhm und sogar sein Leben, um die Menschheit zu retten. Die SPD versucht gerade alles, um ihr derzeitiges Personalchaos als ähnliche Geschichte zu vermarkten. Nachdem Martin Schulz den Außenministerposten am Freitag der vergangenen Woche aufgegeben hatte, bevor er ihn überhaupt antreten konnte, erklärte die wohl bald auf seinem alten Posten als SPD-Chef agierende Andrea Nahles: „Die Entscheidung von Martin Schulz verdient höchsten Respekt und Anerkennung." Sie gehe davon aus, dass die Partei sich nun voll und ganz auf die inhaltliche Debatte konzentrieren könne.

Schöne Worte sind das für einen Vorgang, der mehr denn je zeigt, wie knüppelhart es in der deutschen Politik zugeht. Tatsächlich haben die Sozialdemokraten ihren ehemaligen Wunderknaben Schulz bis auf die Knochen ausgeschlachtet und nun abserviert. Dem ehemaligen Präsidenten des Europäischen Parlaments ist nach bisherigem Stand nichts mehr geblieben außer seinem Abgeordnetenmandat. SPD-Vorsitz, Außenministerium, Vizekanzlerschaft, EU-Parlamentssitz – all das ist futsch.

Schulzzug ausgebremst

Noch im März 2017 erklärten SPD-Mitglieder in Zeitungsartikeln, der Schulzzug habe keine Bremsen. Die Medien feierten den ehemaligen Bürgermeister von Würselen als Messias der SPD. Politexperten lobten seine direkte, offene und glaubhafte Art. Erstmals seit über zehn Jahren schien eine SPD-Kanzlerschaft greifbar. Dann begann der Abstieg. Der Hype hielt nicht an, Schulz' Wirkung verpuffte, Inhalte sollten her, um den Zauber wiederherzustellen. Das ist der Moment, wo vor allem Spindoktoren und Wahlkampfmanager gefordert sind, um das Bild eines Kandidaten in der Öffentlichkeit zu verbessern. Doch es gelang keinem von ihnen. Der Abstieg ließ sich nicht aufhalten, die Wahl ging verloren.

Im Oktober des vergangenen Jahres erschien im Spiegel eine mittlerweile mehrfach ausgezeichnete und einzigartige Nahbetrachtung des Wahlverlierers Schulz. Ein Porträt des Reporters Markus Feldenkirchen zeigte nicht nur ihn, sondern vor allem die Missstände in der Presse- und Öffentlichkeitsarbeit der Sozialdemokraten. Kann man sich vorstellen, dass etwa die CDU-Pressestelle vor einer Bundestagswahl zustimmt, dass ein Reporter Angela Merkel wochenlang auf Wahlkampftour begleitet, sie also in den angespanntesten und nervenzehrendsten Momenten des Jahres beobachtet, befragt und das Ganze am Ende ohne Wiedervorlage veröffentlichen dürfte? Wohl kaum. Die Verantwortlichen bei der SPD stimmten zu. Schulz selbst drängte sie offenbar dazu.

Menschlichkeit als Makel

Was Feldenkirchens Glück war, wurde zum Desaster für die Sozialdemokraten. Die Reportage offenbarte dramatische Missverständnisse und Strategiefehler des Wahlkampfteams, die tiefe Verunsicherung ihres Kandidaten und nicht zuletzt seine Einsamkeit ab dem Moment, in dem das Blatt sich wendete und der tiefe Fall in den Umfragen einsetzte. Die Geschichte ist deshalb so mitreißend, weil sie in einmaliger Weise zeigt, wie ein Spitzenpolitiker an der eigenen Menschlichkeit scheitert, weil das System um ihn herum – Wähler, Politiker und Medien – sie nicht zulässt.

Schulz, der spätestens seit seinem schlechten Wahlergebnis im September als Parteichef wackelte, galt bis zu seinem endgültigen Rückzug als Verlierer und Wendehals. Es hieß, er habe schlecht verhandelt bei den Koalitionsgesprächen. Dabei beklagen doch gerade die Konservativen im Land nun, der daraus entstandene Vertrag überlasse den Sozialdemokraten die Richtlinienkompetenz. Als klar wurde, dass Schulz sich als Parteichef nicht würde halten können, strebte er das Außenministeramt an. Sigmar Gabriel zögerte nicht, Schulz dafür öffentlich zu demontieren. Schulz habe sich nicht an Abmachungen gehalten, warf er ihm vor. Schließlich habe er ein Ministeramt gleich nach der Wahl abgelehnt. Damals muss er noch geglaubt haben, Parteivorsitzender bleiben zu können. Der amtierende Außenminister nutzte sogar ein Zitat seiner Tochter, um den Kollegen lächerlich zu machen. Diese habe ihn mit den Worten getröstet „Papa, jetzt hast du doch mehr Zeit mit uns. Das ist doch besser als mit dem Mann mit den Haaren im Gesicht“, erklärte Gabriel und entschuldigte sich später dafür. Schulz sah sich nach diesen Angriffen gezwungen, seine Pläne aufzugeben und steht nun vor dem Ende seiner politischen Karriere.

Tiefer als Martin Schulz kann man kaum fallen in der deutschen Politik. Ohne Frage ist er daran auch selbst schuld. Doch heute begehen Christen in Deutschland die Fastenzeit. Eine Phase der Einkehr, Selbstreflexion, der Begegnung mit Gott, der Ruhe, des Verzichts. Die Sozialdemokraten sollten diese 40 Tage vor dem großen Fest der Wiederauferstehung Jesu nutzen, um sich zu fragen, ob sie ihren zum Erlöser stilisierten Kandidaten nicht ebenfalls gnadenlos geopfert haben, um die eigene Ehre wieder herzustellen. Denn eines ist klar: Am Scheitern von Martin Schulz ist neben seinen eigenen Schwächen die mangelnde Professionalität der Partei im Umgang mit der Öffentlichkeit schuld. Und auch für Wähler und Medienschaffende hält die Fastenzeit eine Frage bereit: Wünschen wir uns eine politische Sphäre, in der Menschlichkeit zur Schwäche deagradiert wird und Schwäche die öffentliche Demontage zur Folge hat? Der Fall Martin Schulz demonstriert die Gnadenlosigkeit des Politikbetriebs. Er selbst erklärte am Dienstag, er scheide ohne Groll und Bitterkeit aus dem Amt, gab aber zu: „Natürlich bekommt man Wunden mit. Aber die Zeit wird sie heilen."

Von: Anna Lutz

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