Filmkritik

Kirchenfeindliche Comedy in einer Kirche

Die amerikanische Comedian Taylor Tomlinson wuchs in einer christlichen Familie auf. Heute macht sie Witze darüber. Seit kurzem ist sie im deutschen Netflix zu sehen. Unter den vielen ätzenden Witzen geht es aber auch manchmal tiefgründig zu.
Von Jörn Schumacher
Stand-up-Comedian Taylor Tomlinson

Die 32-jährige Stand-up-Comedian Taylor Tomlinson wurde christlich erzogen. Heute ist sie Comedian, und ihr Hauptthema bei ihren Auftritten ist der Glaube. Ihr viertes abendfüllendes Programm heißt „Prodigal Daughter“ (Die verlorene Tochter) und ist seit kurzem im deutschen Netflix zu sehen. Gedreht wurde das Comedy-Special in einer Kirche, die früher eine Baptistengemeinde beheimatete und die nun einer liberalen Gemeinde gehört. Tatsächlich wirkt es etwas schräg, dass hier ausgerechnet in einer Kirche ätzende Witze über das Christentum gemacht werden.

Tomlinson begann im Alter von 16 Jahren mit Comedy, und zwar in Kirchen. In ihrem Netflix-Programm sagt sie dazu: „In Amerika kann man als Kirchen-Comedian arbeiten und gut davon leben. In die Hallen passen 5.000 und mehr Personen.“ Dabei zeigt sie sich ehrlich dankbar dafür, dass ihre Kirche ihr die Grundlage ermöglichte, später als Komikerin arbeiten zu können. Mit 19 Jahren beschloss sie, die Comedy zu ihrem Beruf zu machen.

Bereits 2017 hatte Tomlinson eine Sitcom für den Fernsehsender ABC entwickelt, in der sie eine religiös erzogene Frau spielen sollte. Die Serie wurde jedoch nicht produziert. Unter den zehn umsatzstärksten Comedy-Touren des Jahres 2023 war Tomlinson die einzige Frau, und sie absolvierte mit 132 Auftritten die meisten Shows aller Comedians auf der Liste. Die Tournee generierte einen Umsatz von über 17,5 Millionen US-Dollar. Im Interview mit NPR sagte die Komikerin vor einem Jahr, sie habe in ihrer Kindheit zwar unter Depressionen und Angstzuständen gelitten, doch sei sie im Herzen immer sehr hoffnungsvoll gewesen. „Ich versuche in letzter Zeit, das wiederzuentdecken.“ In einem anderen Interview sagte sie vor fünf Jahren, ihre Eltern seien nach wie vor tief religiös, unterstützten aber die Karriere ihrer Tochter.

„Ich hasse es, wenn Atheisten Gläubige kleinreden“

In ihrem 70-minütigen Netflix-Special geht es zum größten Teil um den Glauben; im Rest um die Probleme einer jungen Frau, um Tod, Partnerschaft, Sexualität und Kinderwunsch. Sehr häufig geht es unter die Gürtellinie – Netflix empfiehlt die Sendung nicht umsonst erst ab einem Alter von 16 Jahren. Vor den großen, extra beleuchteten Kirchenfenstern lästert Tomlinson über arrogante Christen, die anderen lediglich ein schlechtes Gewissen machen wollen, um sich besser zu fühlen, über die Einstellung von Christen zu Sexualität und was Gott wohl über das Treiben seiner Anhänger denkt. Und ja, dieses Programm könnte sie wohl unmöglich vor einem explizit christlichen Publikum vortragen.

Vor allem spricht Tomlinson aber über sich selbst und ihre eigene Einstellung zum Glauben. „Ich bin keine Atheistin“, sagt sie. Weder könne sie verstehen, wie sich Christen der Existenz Gottes so sicher sein können, noch, wie sich Atheisten über dessen Nichtexistenz sicher sein können. „Ich bin nicht schlauer als religiöse Menschen“, fügt sie hinzu und: „Ich hasse es, wenn Atheisten Gläubige kleinreden.“

Manches ihrer Kritik am Christentum können sich Christen vielleicht durchaus sogar sagen lassen. Vieles davon enthält einen Funken Wahrheit. Reiche Pastoren etwa spricht Tomlinson an, die in überteuren Sneakers herumlaufen und Bücher veröffentlichen, die ihr eigenes Konterfei auf dem Cover tragen. Tomlinson: „Ich denke dann immer: Machst du nicht bereits Werbung für ein ganz anderes Buch?“

Von ihren eigenen Eltern sei sie geschlagen worden, sagt sie offen. Gut kommen ihre Großeltern weg. „Sie lebten ein vorbildliches Christentum. Sie waren liebevoll, konnten vergeben und haben nicht über andere geurteilt.“ Auch ihr Onkel sei Pastor, sagt sie. „Ein cooler Typ.“ Sie wisse etwa darum, wie schwer es für einen Pastor sei zu versuchen, „Gelegenheitschristen“, die nur zu Weihnachten in den Gottesdienst kommen, in der Gemeinde zu halten. Der Tod Jesu sei zu einem kleinen Schmuck-Anhänger in Form eines Kreuzes geworden, stellt sie fest. Viele Menschen wüssten inzwischen oft nicht einmal mehr, dass bekannte Geschichten aus der Popkultur eigentlich aus der Bibel stammen. Sie selbst erzählt sehr viele Geschichten aus der Bibel nach – natürlich mit großer Ironie und lediglich zum Zweck einer guten Punchline.

Doch gerade am Ende findet Tomlinson, die von sich sagt, unter einem kindheitsbedingten „religiösen Trauma“ zu leiden, tatsächlich ein paar weise Worte über den Glauben, die im Kern gar nicht so sehr der eigentlichen christlichen Botschaft widersprechen. Vielleicht kommen sie gerade bei einem amerikanischen Publikum gut an. Über den Grund, warum sie so viele Witze über das Christentum macht, sagt sie selbst: „Ich musste vieles aus meiner Kindheit verarbeiten. Und ich war neidisch, dass der Glaube für andere Menschen funktioniert.“ Dann fügt sie, plötzlich ganz ernst, hinzu: „Religion kann als Waffe benutzt werden. Wenn man Religion als Werkzeug benutzt, um Leute zu kontrollieren, zu manipulieren, zu verängstigen, um sich selbst überlegen zu fühlen, dann sage ich: hört auf damit!“ Einen Funken eigenen Glauben oder zumindest die Möglichkeit dazu hat sie sich vielleicht noch erhalten. „Wenn Gott existiert, tut er das nicht, damit sich einige Menschen besser als andere fühlen können. Er existiert, damit du besser für andere bist.“

„Taylor Tomlinson: Prodigal Daughter“, Comedy-Special auf Netflix, 2026, FSK: 16

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