Das christliche Medienmagazin

Kirche für Andere

Wo sonst Superheldenfilme und Liebesschnulzen über die Leinwand flimmern, feiert die Mosaikkirche moderne Gottesdienste. Doch ab und zu zieht es die junge Gießener Gemeinde auch in die Stille einer Kapelle.
Von Nicolai Franz
Prediger Denis Grams spricht über den Umgang mit Leid

Foto: pro/Nicolai Franz

Prediger Denis Grams spricht über den Umgang mit Leid

Sonntag, kurz vor zehn Uhr morgens. Für einen Film ist es noch zu früh. Trotzdem drängen sich viele Menschen im Foyer des Kinocenters Gießen, grüßen einander, viele kennen sich. Die meisten von ihnen Mittzwanziger, Studententypen, doch auch Ältere mischen sich in die Menge. Der Duft frisch gemahlenen Kaffees erfüllt den Raum. Noch einen Espresso, dann kann es losgehen – mit dem Gottesdienst.

Zweimal im Monat feiert die Mosaikkirche Gottesdienst im Kino, jeweils um zehn und um zwölf Uhr. Das Licht ist gedämpft. Etwa 150 Menschen sitzen in den bequemen roten Sesseln, manche halten ein Baby auf dem Arm. Die Lobpreisband leitet in eine Anbetungszeit. Die Gemeinde singt „Herr, öffne du mir die Augen“ oder „Wie tief muss Gottes Liebe sein“. Auf der großen Leinwand steht „Jedem Anfang wohnt ein Zauber inne“, ein Zitat von Hermann Hesse. Es passt zur aktuellen Predigtreihe, sie heißt „Neuland – Aufbruch in neue Welten“. Heute predigt Denis Grams. Bis vor wenigen Monaten war er Pastor der Mosaikkirche, bis es ihn mit seiner Frau ins pfälzische Landau an eine neue Pastorenstelle geführt hat.

Grams predigt über Apostelgeschichte 16. Paulus und Silas sitzen im Gefängnis. Als sie trotz ihrer misslichen Lage beginnen, Gott Loblieder zu singen, bebt plötzlich die Erde, die Gefängnistüren öffnen sich. Der erschrockene Gefängnisauf­seher will sich das Leben nehmen, doch Paulus kann das verhindern. Überwältigt von der Macht Gottes lässt sich der Aufseher taufen, seine ganze Familie und er finden zum Glauben an Jesus.

Leid fühlt sich oft wie ein Gefängnis an

Grams spricht über das Leid, das Paulus und Silas, beide unschuldig eingekerkert, widerfahren ist. Die Predigt dauert deutlich über eine halbe Stunde. Doch das Thema zieht, und die ungezwungene freie Rede von Grams tut ihr Übriges.

„Leid fühlt sich oft wie ein Gefängnis an.“ Niemand sei davor geschützt, egal ob er an Jesus glaube oder nicht. Dass die beiden Inhaftierten trotzdem Gott loben, zeuge von einem tiefen Vertrauen und Glauben an einen Gott, der es am Ende gut mit ihnen meine. Darum gehe es auch in der Mosaikkirche. „Diese Lieder hier am Anfang, egal ob sie dir gefallen, sie sind die tiefste Essenz von dem, was wir als Kirche machen: Mal weg von uns zu schauen. Wir sind gekommen, um anzubeten, ob du glücklich bist oder gerade als Leidender in einem Gefängnis sitzt.“ Er fordert die Zuhörer auf, den Blick nach oben zu heben: „Sieh diesen Gott an, den Gott, der sich an deinem Lachen freut, aber dem deine Tränen nicht egal sind.“

Alles begann mit einer Hauskirche

Die Predigt, die einladende Ansprache der Moderatoren, die herzliche Atmosphäre – alles wirkt wie auf Gießen zugeschnitten. Die mittelhessische Stadt ist stark durch die Universität geprägt. Die 40.000 Studenten dominieren das Straßenbild der nur 88.000 Einwohner zählenden Stadt. An Kirchen und Freikirchen mangelt es ihr nicht. Warum gibt es hier trotzdem eine so junge Gemeinde?

Roland Franz, heute Pastor der Gemeinde, ist wie Prediger Grams von Anfang an dabei. Er trägt ein offenes Hemd, darunter ein weißes T-Shirt. In der Pause zwischen zwei Gottesdiensten sitzt er in einem kleinen Kinosaal, in dem eben noch die Gemeindekinder getobt haben, und erklärt die DNA der Mosaikkirche. Dass es die Gemeinde gibt, war nicht ge­plant. „Wir haben zwar schlaue Bücher gelesen, wie man am besten eine Gemeinde gründet, aber bei ‚Mosaik‘ spielten sie keine ausschlaggebende Rolle“, sagt Franz.

Klare Verkündigung, kein Kirchensprech

Alles begann mit einer kleinen Hauskirche für Gießener Studenten, die bei einem Gemeindegründungsprojekt des Praktischen Theologen Stephen Beck von der Freien Theologischen Hochschule Gießen mitarbeiteten. Die Hauskirche wuchs und wuchs, bis klar wurde, dass sie mehr ist als ein loses Zusammentreffen von Christen. Sechs Jahre später gehört die Mosaikkirche zum Bund Freier evangelischer Gemeinden.

Etwa 250 Menschen besuchen die Kinogottesdienste. Wer sie miterlebt, dem fällt auf: Hier gibt es eine klare Verkündigung. Sogar ein gemeinsam gesprochenes Sündenbekenntnis hat seinen Platz dort, was für Freikirchen eigentlich ungewöhnlich ist.

Doch gleichzeitig herrscht eine Stimmung, in der sich niemand ausgeschlossen fühlen soll. Wer nicht mitbeten will, kann still für sich das „Gebet für die, die nach Wahrheit suchen“, beten: „Wenn deine Worte wahr sind, dann lass mich dich und deine Botschaft besser verstehen. Lass mich erfahren, dass du real bist.“ Die Mitwirkenden verzichten auf Kirchensprech und fromme Floskeln. Stattdessen bemühen sie sich um einen Ton, den auch religiös bisher unmusikalische Menschen verstehen. Das ist kein Zufall. „Wir haben lange überlegt, was uns so tief begeistert“, sagt Pastor Franz. „Wir haben es heruntergebrochen auf den Slogan: Wir wollen Kirche für Andere sein.“ Das Konzept scheint aufzugehen: Bis zu einem Drittel der Besucher sind laut kircheninternen Umfragen – noch – keine Christen.

Am ersten Sonntag im Monat treffen sich die „Mosaikler“ nicht im Kino, sondern zu Hause zu „Brunchgottesdiensten“ mit Frühstück und geistlichem Teil. Gottesdienst in Wohnzimmer-Atmosphäre. Am dritten Sonntag ist „Kapellengebet“ in der Pankratiuskapelle. Das krasse Gegenprogramm zum hippen Kino­ gottesdienst.

„Wir haben gemerkt, dass es neben dem Kinogottesdienst eine Sehnsucht gibt nach Ruhe, Besinnlichkeit und sakraler Atmosphäre“, sagt Franz.

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Von: Nicolai Franz

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