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Kirche am toten Punkt

Als der Münchener Kardinal vorige Woche seinen Rücktritt anbot, sprach er vom „toten Punkt“ der Kirche. PRO-Kolumnist Jürgen Mette hat eine tiefere Botschaft in diesem Bild entdeckt.
Von Jürgen Mette
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Jürgen Mette Foto: PRO/Jürgen Mette
Jürgen Mette weiß aus dem Sägewerk: Der tote Punkt hat etwas mit einem Richtungswechsel zu tun

Kardinal Reinhard Marx hat seinen Rücktritt angeboten, um Mitverantwortung zu übernehmen „für die Katastrophe des sexuellen Missbrauchs durch Amtsträger der Kirche in den vergangenen Jahrzehnten“, schrieb er nach Angaben seines Erzbistums vom Freitag an den Papst. Der „tote Punkt“ sei erreicht. 

Der Ex-Oberhirte aller deutschen Katholiken verwendet ein technisches Bild, das ich als Junge vom Sägewerk nur zu gut kenne. Im Zentrum unserer Maschinenhalle stand das Vertikalgatter, eine große Sägemaschine, deren Antriebsaggregat sich im Keller darunter befand. Vom toten Punkt spricht man, wenn die Pleuelstange, an der der Sägerahmen hängt, und die Kurbel eines Antriebsgenerators eine gerade Linie bilden. Denn dann bewegt sich die Pleuelstange weder vor noch zurück; es ist der Punkt, an dem sie ihre Bewegungsrichtung umkehrt. Und diese Richtungsumkehr braucht die Masse eines Schwungrades. Der geschickte Maschinist verstand es, den Sägerahmen so auszubremsen, dass für den nächsten Start der tote Punkt noch so viel Schwungmasse hatte, dass im Abschwung noch genügend Energie für den nächsten Aufschwung steckte.

Das technische Beispiel zeigt eine Kirche, die im Abschwung so viel Energie, so viel Vertrauen verloren hat, dass keine Kraft zum  Aufschwung mehr parat ist. Ich weiß nicht, ob Kardinal Marx das bei der Wahl des Bildes bedacht hat. In Neusprech würde man sagen: Die Römisch-katholische Kirche hat den „point of no return“ verpasst. Eine immer noch mächtige und unvorstellbar reiche Kirche, von Männern in prächtigen Gewändern geführt, viel Text und noch viel mehr Textil. Statt Kutte tragen die Diener Christi mehrere Prachtgewänder übereinander, Brokat und allerlei Zierrat, dazu mindestens mehrere Mützen, zum Teil übereinander getragen, sowie chice Slipper und für jeden Anlass eine Stola. Alles sola Stola, oder was? Ich gönne dem römischen Klerus Eitelkeit und Freude an scharlachroter Soutane. Ich weiß auch, dass unsere Schwesterkirche diesen äußeren Pomp liebt und braucht. 

Raum für Richtungswechsel mit Jesus

Mir sagte mal eine wackere Katholikin in Bayern nach einem ökumenischen Gottesdienst, in dem ich die Predigt im schlichten grauen Anzug gehalten hatte: „Ihre Predigt war super, aber neben unserer hohen Geistlichkeit sahen Sie in Ihrer Aufmachung wie ein Vertreter aus. Das macht nichts her! Ich sag immer, die Evangelen predigen viel besser, aber wir lieben die Gerüche, die Glöckchen, den farbenprächtigen Kult unserer barocken Kleinpäpste!“ 

Man kann es drehen, wie man will, aber das Bild einer desolaten Kirche, in der Verschleierung zum System wurde, passt immer weniger zu der prächtigen textilen Außenkulisse. Etwas weniger wäre viel mehr. 

Lieber Herr Marx, wenn der Klerus am „toten Punkt“ ist, dann entsteht Raum für Jesus, den lebendigen HERRN der Gemeinde, in der alle zum Priestertum gehören: Der Aufbruch der Laien könnte die entscheidende Richtungsänderung, die römische Kirche jetzt dringend braucht, einleiten und den toten Punkt überwinden. Katholiken entdecken die Bibel, sie beten und arbeiten, weil sie sich nie mit dem toten Punkt abfinden, sondern am toten Punkt Auferstehungsfreude erleben: Christus wird sich seiner Herde selbst annehmen.

Sehr nachdenklich hat mich Bischof Bätzing gestimmt, der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, der von einem „Systemversagen“ spricht. Ein System hat versagt? Dann wären wir Sünder ja fein raus. Nicht Menschen sind schuldig geworden, sondern ein Systemfehler liegt vor, auf den er „systemische Antworten“ geben möchte, „die fundamental sind“.

Das klingt immer noch ziemlich vollmundig, oder?

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8 Antworten

  1. Als evangelischer Christ habe ich mich seit einiger Zeit mit der Katholischen Kirche beschäftigt, höre öfter Messen, Andachten, Lebensberichte, lese mit Interesse “Die Tagespost”. Wir “Evangelen” sollten nicht so voreilig über die Katholische Kirche urteilen. Sicher gibt es da vieles, was mit nicht zusagt, was ich kritisch sehe. Aber das sehe ich auch in meiner Evangelischen Kirche, die mehr und mehr – zumindest von ihrer Leitung her – dem Zeitgeist folg. Als Kardinal Marx seinen Rücktritt anbot, war mir sofort klar, das dieser nicht vom Oberhirten angenommen wird. Ich hege den Verdacht, dies so geplant sein könnte. Kardinal Marx wird gebraucht, um die konservativen Würdenträger auf einen neuen Weg zu bringen.

  2. Menschen haben versagt. Dazu sollten sie stehen, besonders als Leiter. Aber für versagen gibt es Vergebung und Neuanfang. Diese Gelegenheit steht offen.

  3. Beim Nachdenken über die Krise der Volkskirchen und dem klugen Beitrag von Jürgen Mette, drängte sich mir der Gedanke auf, inwieweit entsprechen diese “frommen Gebilde” , diese Supra-Organisationen eigentlich dem Willen Gottes ? Die Katholische Kirche setzte ja einen drauf, sie hat die Globalisierung bereits im Mittelalter vollzogen.
    Entsprechen sie im Ansatz den “Gemeindemodellen ” des Neuen Testaments?
    Wohl eher nicht, dort gab es die örtlichen Gemeinden und eine Vielzahl von Hauskirchen. Das Ganze irgendwie vernetzt und zusammengehalten durch Beziehungen und dem Input von apostolisch begabten Männern. Dreh und Angelpunkt war der Herr selbst und das geteilte Wort.
    Organisation, System und Struktur waren nachgelagert.
    Kann es sein, dass am Ende der Tage alles “Selbstgebastelte” einfällt, und obsolet wird.
    Ist es vorstellbar, dass an den etablierten Strukturen vorbei sich die “wahre Kirche”, der Leib Jesu herausbildet ?
    Ist das Haupt der Gemeinde, nämlich Jesus selbst, dabei das Heft des Handelns wieder in die Hand zu nehmen (hat er vermutlich nie abgegeben) und seine Gemeinde für den Showdown zu bereiten ?
    So mag ich es sehen, so machen für mich diese Erschütterungen Sinn !

    1. Der Weg der “Gemeinde Jesu” von kleinen Hausversammlungen (Acta 2) bis zur Gegenwart war ständig in Gefahr, das vom HERRN der Gemeinde gesetzte Programm zu vernachlässigen: Verharren in der Apostellehre, Gemeinschaft, Gebet, Gütergemeinschaft, Dienst an den Schwachen und Proklamation des Evangeliums. Jesus war ambulant unterwegs, umhergehend! Die KIrchen heute ist stationär präsent. Wer was wissen will muss hingehen. Jesus war bescheiden unterwegs – weit weg von Stola und Soutane. Die ersten Gemeinden waren in monetärer Hinsicht arm. Solange die KIrchen aller Couleur sich mit Protz und Pomp in Szene setzt und genügend Rücklagen aus staatlich garantierten Steuermitteln beziehen, solange wirkt Kirche mächtig und reich und irgendwie immer fremder. Und sie macht sich angreifbar. Je größer die Rücklagen, umso kleiner der Glaube, wir haben das Flehen verlernt. Die verfogte Gemeinde hat gerufen “Komm, Herr Jesus”, weil sie am Ender ihrer Kraft ware. Wir haben ein Tischgebet daraus gemacht.

      Trotzdem bin ich überzeugt, dass Jesus seine Kirche nicht verworfen hat. ER kämpft und bangt um sie, er kann sie mit seiner Liebe überwältigen. Solange ich das weiß, solange werde ich keine Kirche verunglimpfen.

      1. Der komprimierten Version von Kirchengeschichte kann man nur zustimmen !
        Ebenso dem Soll ​ist Vergleich.
        Beim Schlusswort scheint der Wunsch der Vater des Gedankens zu sein.
        Aber natürlich “seine Kirche” hat er nicht verworfen !
        Wer verunglimpft ? ( schmähen, beleidigen; mit Worten herabsetzen; diffamieren, verächtlich machen )

  4. Es sind Menschen, die schuldig werden. Dann braucht es Buße, Umkehr und Vergebung.
    Ein System, ein Lehrgebäude, eine Institution aber kann versagen. Dann braucht es Buße, Umkehr und Erneuerung. Das wird im letzten Absatz leider miteinander verwechselt, damit wird die Aussage zumindest schräg, wenn nicht gar falsch.
    Ich frage dagegen:
    wenn es kein Systemversagen gibt, sondern allein die menschliche Schuld: dann gibt es in der evangelischen Kirche nur einzelne Täter und keinen Blick für Fehler in der Struktur, im System, die den Missbrauch begünstigen?
    Fatal, wenn Christen diese Frage negieren.
    Missbrauch als Schuld einzelner, aber auch Fehler in der Institution gibt es nicht nur bei Katholiken.
    Bitte den eigenen Balken nicht übersehen!

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