Kinderseelen in Gefahr

Krieg und Krisen dominieren die Nachrichten. Das hat Folgen: Ausgerechnet die Jüngeren in der Gesellschaft machen sich die größten Sorgen. Wie begegnet man ihren Ängsten?
Von Anna Lutz
Kind traurig Stoffhase

„Die Kinderseelen sind in Gefahr“, sagt Marion Pothmann. Sie ist Kinder- und Jugendpsychotherapeutin und kümmert sich in ihrer Hamburger Praxis um Menschen „zwischen null und 21 Jahren“, wie sie selbst sagt. Im Vergleich zur Zeit vor sieben oder acht Jahren haben sich die Hilfsanfragen an sie vervielfacht. „Ich muss tatsächlich vielen Leuten absagen“, bedauert sie. Ihre Kapazitäten reichen nicht. Warum kommen heute so viele junge Menschen in ihre Praxis? Das hat unterschiedliche Gründe, doch unter anderem spielen einerseits die „Nachwehen von Corona“ eine Rolle, sagt Pothmann. Auch die Klimakrise bereite vielen Angst, „bis dahin, dass sie denken, sie sterben deshalb“. Hinzu kämen Krieg und Inflation, sodass sich viele Kinder und Jugendliche in einer ständigen allgemeinen „Unruhesituation“ befänden. Die gefühlte und vielleicht auch tatsächliche Unsicherheit prägt den Blick auf die Zukunft. Das geht so weit, dass einige Jugendliche, so berichtet Pothmann, selbst gar keine Kinder bekommen wollen.

18 Prozent fühlen sich einsam

Ähnliches stellt auch Wolfgang Büscher fest. Er ist Sprecher des christlichen Kinderhilfswerks „Die Arche“. Er macht sich „massive Sorgen“, denn viele Kinder, die in die Einrichtungen seiner Organisation kommen, „leben in einer dauerhaften Stresssituation“. Gestiegene Lebensmittelpreise machen vor allem Geringverdienern zu schaffen, denen also, deren Kinder die „Arche“ für Hausaufgabenhilfe oder kreative Angebote mehrheitlich aufsuchen. „Die Kinder bekommen den Stress der Eltern mit, die ständig schlechten Nachrichten ausgesetzt sind“, sagt er. Oder sie haben Leid und Tod hautnah erfahren. Denn 60 Prozent der „Arche“-Kinder haben laut Büscher einen Migrationshintergrund, manche sind aus aktuellen Kriegs- und Krisengebieten geflohen. Jüngst habe ihm ein Mädchen erzählt, dass sein Onkel von Extremisten umgebracht worden sei. „Unsere Kinder sind sehr belastet“, sagt Büscher.

Was auf die Kinder in Marion Pothmanns Klinik und auf die der „Arche“ zutrifft, stimmt auch für viele andere. Studien zeigen: Junge Menschen in Deutschland leiden in besonderer Weise unter den aktuellen Krisen, der wackeligen Weltlage, den wirtschaftlichen Engpässen und nicht zuletzt auch noch immer unter den Nachwirkungen der Coronazeit und der Angst vor dem fortschreitenden Klimawandel. Die COPSY-Studie (Child Outcomes in PSYchology) des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf etwa zeigte 2025, dass aktuelle gesellschaftliche Diskussionen und Krisen einen spürbaren Einfluss auf Kinder und Jugendliche haben. Demnach setzen sich junge Menschen intensiv mit Themen wie Kriegen (70 Prozent), Terrorismus (62 Prozent), wirtschaftlicher Unsicherheit (57 Prozent) und der Klimakrise (49 Prozent) auseinander und erleben diese Entwicklungen als belastend. Befragt wurden mehr als 3.000 Familien mit Kindern und Jugendlichen im Alter von sieben bis 23 Jahren. Die Sorgen, so warnen die Forscher, bringen ein 3,4-mal höheres Risiko für psychische Auffälligkeiten, Ängste, depressive Symptome und Einsamkeit mit. Besonders Mädchen und Frauen ab 14 Jahren seien stark von psychischen Belastungen betroffen. 17 Prozent berichteten von depressiven Symptomen, im Jahr 2024 waren es noch elf. Angstsymptome schilderten sogar 31 Prozent, davor waren es 20. 

Glaube kann Sicherheit geben

Die Trendstudie „Jugend in Deutschland“ aus diesem Jahr kommt zu ähnlichen Ergebnissen. Sie nimmt 14- bis 29-Jährige in den Blick und zeigt: Seit der Corona-Pandemie leben junge Menschen mit einem hohen psychischen „Belastungsniveau“. Das gelte zwar auch für ältere Bevölkerungsgruppen, die berichteten aber seltener von Symptomen wie Stress, Erschöpfung, Selbstzweifeln, Antriebslosigkeit oder Depressionen. Leicht gestiegen sei die Zahl derer, die Suizidgedanken haben: von sechs auf acht Prozent. Die Forscher erklären: „Wirklich beachtlich ist, dass mit 29 Prozent fast ein Drittel der jungen Generation angibt, aktuell das Gefühl zu haben, aufgrund der psychischen Belastung eine Behandlung zu benötigen.“

Foto: Kinderprojekt Arche
Wolfgang Büscher arbeitet für das Kinderprojekt „Arche“: „Die Kinder bekommen den Stress der Eltern mit, die ständig schlechten Nachrichten ausgesetzt sind.“

Verstärkt wird das Ganze laut Forschung durch Soziale Medien. Das hält etwa die COPSY-Studie fest. Junge Menschen seien oft ungefiltert mit negativen Inhalten konfrontiert. Medienkompetenz sei daher gefragt. Das bestätigt auch Pamela Heer von der Organisation „klicksafe“, die sich für eben diese Kompetenz starkmacht. „Kinder verarbeiten ganz anders“, sagt sie, sie seien emotional weniger gereift, schneller überfordert, etwa, wenn sie Inhalte über aktuelle Kriege in ihren Timelines sähen. Vor allem Jugendliche informierten sich über Social Media, und da sei es immer schwer zu wissen, was wahr ist. Die Expertin gibt Tipps: „Klare Regeln und Gespräche über Medieninhalte schaffen die Basis für eine gute Medienerziehung.“ Eltern sollten die Sorgen und Ängste ihrer Kinder ernst nehmen, auch wenn sie selbst oft in terminlichen Zwängen steckten oder sich überfordert fühlten. Wichtig sei es, authentisch zu sein: „Manchmal kann ‚Ich weiß es auch nicht‘ eine richtige Antwort sein.“ Heer rät Eltern, den eigenen Medienkonsum zu bedenken: „Denn sie hängen häufig selbst zu viel am Smartphone.“ Medien und Schule könnten deren Platz aber nicht einnehmen: „Ich muss als Elternteil ein verlässlicher Ansprechpartner sein, auch wenn die Gespräche zäh sein können und lange dauern.“ Außerdem rät sie zu Medienauszeiten für Groß und Klein: „Jede halbe Stunde weniger hilft.“

Doch nicht nur das Ausschalten und Zuhören hilft Kindern. Die Wissenschaft zeigt: Der Glaube kann in Zeiten der Unsicherheit Sicherheit bieten. So bezeichnet eine Erhebung von Forschern der Ruhr-Universität Bochum „religiösen Glauben“ als einen „entscheidenden Schutzfaktor für die psychische Gesundheit von Kindern und Jugendlichen“. Um das nachzuweisen, verglichen die Forscher Daten aus 70 Ländern auf allen Kontinenten in den vergangenen drei Jahrzehnten. Überall sei insbesondere eine Abnahme an Religiosität in der Erziehung der entscheidende Risikofaktor für Angststörungen – „vermutlich, weil Religiosität das Zusammengehörigkeitsgefühl fördert und dem Leben eine Richtung gibt“, so Leonard Kulisch, Autor der Studie. Wo Religion als Ressource allmählich verschwinde, entstehe möglicherweise eine Lücke. Er rät dazu, diese zu füllen, und zwar mit wie auch immer gearteter Gemeinschaft: „Aktivität in Vereinen und Gruppen sowie zivilgesellschaftliches Engagement könnten wichtige Faktoren sein, um der Entstehung von Angststörungen entgegenzuwirken.“

Auch die Expertin für Suizidprävention, Ute Lewitzka, bestätigt gegenüber PRO: „Die Gemeinschaft und eine feste Struktur schützen, wobei ich davon ausgehe, dass ein Glaube auch entlasten kann und Stabilität stärkt.“ Das weiß auch die Kinder- und Jugendtherapeutin Marion Pothmann. Sie rät dazu, Kindern und Jugendlichen mit Ängsten dabei zu helfen, sich an die guten Dinge zu erinnern. Für sie persönlich ist das der Glaube, und darüber spricht sie auch in den Therapiesitzungen, wenn die Klienten offen dafür sind. Freundschaften, Familie, Vereine, aber auch Kirche könnten Sicherheiten bieten. Und: „Wir können mit Unsicherheit leben, so ist das Leben nun einmal, aber wir sind bei Gott sicher.“ So hält es auch Wolfgang Büscher in der „Arche“. In der christlichen Einrichtung sprechen die Betreuer mit den Kindern offen über ihren Glauben  auch dann, wenn sie einen anderen religiösen Hintergrund haben. Büscher ist überzeugt: Der Glaube macht einen Unterschied. „Wir vermitteln: Da ist jemand, der dich liebt.“

Der Artikel ist erstmals in der Ausgabe 3/2026 des Christlichen Medienmagazins PRO erschienen. Das Heft können Sie hier kostenlos bestellen.

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