Gewalt an Schulen: Wenn religiöse Regeln über schulischen Regeln stehen

Berlin hat als erstes Bundesland das Thema Gewalt an Schulen wissenschaftlich untersucht. Die Ergebnisse zeigen: die Frustrationstoleranz im Alltag sinkt und begünstigt Gewalt. Dabei spielt auch die Religion eine Rolle.
Von Johannes Blöcher-Weil
Mobbing und Gewalt sind an vielen Schulen auf der Tagesordnung

In einer groß angelegten Befragung hat Berlin als erstes Bundesland belastbare Daten zur Gewalt an Schulen erhoben. Für das Konflikt- und Gewaltbarometer wurden die Antworten von 14.000 Schülern und 2.500 Lehrern ausgewertet. Diese zeigen, dass sich Gewalt normalisiert und auch die Religion auf dem Schulhof eine wichtige Rolle spielt.

Das Allensbach-Institut hat die Daten mit Forschern der Universität Bielefeld erhoben und ausgewertet. Jeder dritte Neunt- und Zwölftklässler berichtete, dass bestimmte politische Ansichten nicht geduldet werden. Vor allem im neunten Schuljahr hätten religiöse Regeln Vorrang vor schulischen. Dieser Aussage stimmten rund 30 Prozent der Neuntklässler zu.

Innerhalb dieser Gruppe sind 41 Prozent der Befragten muslimisch und 33 Prozent christlich, 19 Prozent bezeichnen sich als konfessionslos. Der Wert und die Bedeutung religiöser Regeln habe bei Kindern zugenommen, ganz unabhängig davon, ob sie selbst einer Religion angehören, heißt es in der Auswertung der Studie.

Viele rasten schon bei Kleinigkeiten aus

Dass an ihrer Schule ein Druck besteht, bestimmte religiöse Regeln einzuhalten, erklären 11 Prozent der Schüler der Klassenstufen 9 und 12. 7 Prozent berichten, dass man seine Religion gar nicht zeigen oder ausüben darf. Dass religiöse über schulischen Regeln stehen, nehmen 28 Prozent des pädagogischen Personals als großes oder sogar sehr großes Problem wahr.

Mehr als die Hälfte der Lehrkräfte sagt, Gewalt an ihren Schulen sei ein großes Problem. 90 Prozent der Neuntklässler haben im vergangenen Jahr körperliche, verbale, analoge oder digitale Gewalt erfahren. In der neunten Klasse ging es am häufigsten um das Lästern (71 Prozent), knapp zwei Drittel (63 Prozent) beleidigt. Die Hälfte beklagt, dass über sie Gerüchte und Lügen verbreitet wurden.

An Schulen mit sehr großem Gewaltproblem binde der Umgang damit viele Ressourcen und erschwere den übrigen Schulbetrieb in hohem Maße. Auch die Präventionsarbeit bleibe auf der Strecke. Als Ursache für die zunehmende Gewalt werten die Pädagogen, dass die Impulskontrolle und Frustrationstoleranz nachlassen. Viele würden schon bei Kleinigkeiten ausrasten.

Durch die Gewalt an Schulen fühlen sich viele Schüler verunsichert. In der 9. Klasse geben 17 Prozent an, sich an der eigenen Schule weniger oder gar nicht sicher (17 Prozent) zu fühlen, an integrierten Sekundarschulen ohne Oberstufe sind es sogar 27 Prozent. Besonders unsicher fühlten sich geschlechtlich diverse Schüler (30 Prozent in den Klassen 9 und 12) sowie Schüler jüdischen Glaubens (28 Prozent).

„Konflikte im digitalen Raum machen keine Pause“

Die Schulen durften freiwillig an der Umfrage teilnehmen, die die Berliner Bildungssenatorin Katharina Günther-Wünsch (CDU) beauftragt hatte. Um Gewalt einzudämmen, wünschen sich viele klare Regeln der Schule, deren konsequente Anwendung und Einigkeit in der Umsetzung. Die CDU-Politikerin bezeichnete den Anstieg der Gewalt als gesamtgesellschaftliches Problem. Viele Konflikte spielten sich im digitalen Raum ab und machten dadurch keine Pause.

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