Das christliche Medienmagazin

Meinung

Kinder brauchen nicht nur Betreuer, sondern auch Freunde

Wem bisher noch nicht klar war, wie schlimm die Corona-Pandemie für manche Familien war, dem sei Bernd Siggelkows neues Buch „Kindheit am Rande der Verzweiflung“ empfohlen. Dabei geht er hart mit der Politik ins Gericht. Sie hätten die Kinder alleine gelassen und etliche konstruktive Vorschläge ignoriert.
Von Johannes Blöcher-Weil
Share on facebook
Share on twitter
Share on linkedin
Share on whatsapp
Share on email
Buchcover Bernd Siggelkow

Foto: Claudius Verlag

Der „Arche“-Gründer Bernd Siggelkow wirbt darum, einen Blick hinter die Wohnungstüren der Kinder zu werfen und sie in ihrer desolaten Lage zu unterstützen

„Wir haben eine Bringschuld für die nachwachsende Generation.“ Das fordert der „Arche“-Gründer Bernd Siggelkow – fast schon gebetsmühlenartig. Die Corona-Pandemie habe in der Arbeit des christlichen Kinder- und Jugendwerkes klar gezeigt, wie sehr Kinder und Jugendliche vernachlässigt sind. Mit Beispielen aus seiner täglichen Arbeit mit sozial benachteiligten jungen Menschen macht Siggelkow im neuen Buch „Kindheit am Rande der Verzweiflung“ klar, wo er Nachholbedarf sieht.

Durch die Pandemie und die Schließung der „Arche“-Einrichtungen hätten die Kinder, die diese normalerweise besuchten, von einem auf den anderen Tag kein kostenloses Mittagessen, keine Hilfe bei den Hausaufgaben oder liebevolle Umarmungen erhalten. Kindern sei damit nicht nur eine Betreuungsmöglichkeit, sondern auch Freunde und Partner geraubt worden.

Durch Isolation ist Gewalt vorprogrammiert

Siggelkow verdeutlicht, wie sehr die „Arche“-Klientel unter Hamsterkäufen und leeren Supermarktregalen litt. Diese Umstände hätten bestimmten gesellschaftlichen Schichten eine gute und gesunde Ernährung unmöglich gemacht. Stattdessen seien Chips und Billig-Cola an der Tagesordnung gewesen. Auch die Botschaften von Regierungsbeschlüssen kämen wegen ihrer Komplexität überhaupt nicht in den Kiezen an.

Die „Arche“-Mitarbeiter seien rund um die Uhr im Einsatz und erreichbar gewesen, auch um die Gewalt in den Familien abzufedern. Die Gesellschaft müsse begreifen, dass Kinder ein Geschenk seien: „Wir müssen alles zu ihrem Schutz tun“, schreibt Siggelkow, der selbst als Kind in Armut gelebt hat. Vielleicht ist er deswegen so besessen vom Kampf gegen Kinderarmut und für Chancengleichheit.

Siggelkow belässt es aber nicht bei Kritik, sondern liefert auch konkrete Vorschläge. Er erinnert daran, wie sehr Bildung immer noch abhängig vom Einkommen der Eltern ist. Gerade das aktuelle Bildungssystem sei nicht gegen eine Pandemie gewappnet gewesen. Einer seiner Vorschläge ist es, Lehramtsstudenten in der Unterstützung der Kinder einzusetzen, um die entstandenen Defizite zu kompensieren. Außerdem möchte er das Recht auf Bildung im Grundgesetz verankern.

Die wirklichen Sorgen werden nicht genannt

Die Pandemie habe sich als Brennglas für die Situation der jungen Generation entpuppt. Psychische Probleme, Vereinsamung und Zukunftsängste gehörten zur Tagesordnung. Die jungen Menschen gingen mit ihren Sorgen nicht an die Öffentlichkeit. Für die Arche-Mitarbeiter hat Siggelkow deswegen die Prämisse ausgegeben, dass „jedes Kind sich in der Arche so wohl fühlen sollte, als wäre es das Einzige“.

„Je länger die Krise dauert, desto gravierender sind ihre Auswirkungen auf Bildung, Gesundheit, Ernährung und Wohlbefinden“, schreibt er. Vor allem Kinder mit besonderen Bedürfnissen und Einschränkungen wie ADHS und Legasthenie liefen unter dem Radar. Deswegen hätten sich die Mitarbeiter bei Hausbesuchen dem Risiko einer Ansteckung ausgesetzt – um der Kinder willen. Nicht nur Politiker, auch das Umfeld könne einen Beitrag in der Pandemie leisten: „Der Blick und die Hilfe für den Nachbarn bringen Deutschland enorm vorwärts.“

Siggelkows Bilanz fällt in seinem Bereich ernüchternd aus. Der gesellschaftliche Stellenwert der Kinder sei zu niedrig. Ein Aktionstag gegen Kinderarmut und Ausgrenzung könne zumindest einmal im Jahr auf die desaströse Situation der jungen Menschen hinweisen. Aber die Politik müsse auch Anstrengungen unternehmen, was etwa die Höhe der Grundsicherung betrifft, die er auf 600 Euro anheben möchte: „Die Wünsche und Träume der Kinder werden zu selten gehört. Arme Kinder sind schon lange keine Randgruppe mehr.“

Verzweifelte Eltern und weinende Kinder seien in den vergangenen 18 Monaten für ihn zur Normalität geworden. Enge und Isolation hätten die Emotionen zusätzlich befördert. Viele der 4.500 von der „Arche“ betreuten Kinder hätten aus Neugierde und Langeweile unüberlegte Aktionen durchgeführt. Siggelkow strotzt in seinem Buch trotzdem vor Energie, ausweglose Situationen zu lösen. Das ist seine Triebfeder und die der Arche-Mitarbeiter. Mit seinem Buch hat er – mal wieder – einen manchmal sehr vorwurfsvollen Hilferuf an die Gesellschaft gesendet.

Bernd Siggelkow: „Kindheit am Rande der Verzweiflung“, Claudius, 112 Seiten, 14 Euro, ISBN 9783532628690

Schreiben Sie einen Kommentar

3 Antworten

  1. Wer das Thema lieber anders mag: bei swr1 Leute gab es mit Siggelkow eine sehr gute Sendung vor einigen Wochen, die bestimmt noch in der Mediathek nur mit den Wortbeiträgen ca. 30 Min. Länge abrufbar ist

  2. Was die Kinder am allerwichtigsten brauchen, Eltern, Vater und Mutter, die den Herrn Jesus lieb haben. Wo die Liebe Gottes wirkt, können auch die Schwierigkeiten um Corona herum, gut gemeistert werden.
    L.G. Martin

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahren Sie mehr darüber, wie Ihre Kommentardaten verarbeitet werden.

Offline, Inhalt evtl. nicht aktuell