Fünf christliche Kirchen und Verbände in der Schweiz haben gemeinsame ethische Leitlinien zum Umgang mit Künstlicher Intelligenz (KI) veröffentlicht. Hinter dem Papier „Menschlichkeit im digitalen Zeitalter“ stehen die Evangelisch-reformierte Kirche Schweiz (EKS), die Schweizer Bischofskonferenz (SBK), die Christkatholische Kirche, der Dachverband Freikirchen.ch und die Schweizerische Evangelische Allianz (SEA).
Das Dokument umfasst zehn Leitlinien. Sie reichen von „Würde“ über „Wahrheit“ und „Schöpfung“ bis „Gemeinschaft“. Grundlage ist das Verständnis des Menschen als Geschöpf und Ebenbild Gottes. Die Verfasser wollen weder „naiver Fortschrittsbegeisterung“ folgen noch „pauschaler Technikskepsis“. Die größte Gefahr sehen sie nicht darin, dass Maschinen zu viel können. Gefährlicher sei, dass Menschen Freiheit und Verantwortung aus Bequemlichkeit oder Resignation freiwillig abgeben.
Kein Seelsorgegeheimnis in die KI
In dem Papier lautet es zum Einsatz von KI in Seelsorge, Beratung, Bildung, Sozial- und Migrationsarbeit: „Hier gelten klare Grenzen: keine Eingabe personenbezogener oder sensibler Daten in KI-Systeme, bei denen Speicherort, Weiterverwendung und Löschfristen nicht geklärt und vertraglich geregelt sind; was dem Seelsorgegeheimnis untersteht, gehört in kein KI-System“.
Ratsuchende, Mitarbeitende und Freiwillige dürfen nicht per KI durchleuchtet werden. In sensiblen Bereichen soll keine Maschine allein entscheiden. Wer KI in Verkündigung, Beratung oder Bildung einsetzt, soll das offenlegen. Die Verantwortung trägt stets eine namentlich benannte Person. Auch Predigten sollen nicht ungeprüft von Systemen erstellt werden. Sonst verliere kirchliche Verkündigung an Tiefe und Wahrhaftigkeit.
Chatbots könnten Menschen zwar Worte für ihre Not finden lassen, ersetzten aber kein menschliches Gegenüber. Kinder, Jugendliche und verletzliche Menschen bräuchten geschützte Räume. Kritisch sehen die Kirchen zudem den hohen Verbrauch von Strom, Wasser und Rohstoffen solcher Systeme sowie die Macht weniger Konzerne, vor allem aus den USA und China.
Die Initiatoren verweisen auf die 2025 erneuerte Charta Oecumenica. Sie verpflichtet die Kirchen erstmals, ethische Leitlinien für neue Technologien zu entwickeln. Das Papier richtet sich vor allem an Verantwortliche in Kirchen und Werken, soll aber auch die öffentliche Debatte bereichern. Es versteht sich ausdrücklich als nicht abgeschlossen. Die SEA hatte bereits im September 2025 einen eigenen Vorschlag für KI-Leitlinien vorgelegt.
Erarbeitet hat den Text eine ökumenische Arbeitsgruppe um Manuel Schmid vom Kompetenzzentrum Theologie und Ethik der reformierten Kirche. Die Leitlinien liegen auf Deutsch und Französisch vor, englische und italienische Fassungen sind in Arbeit.