Kampf im Iran: Mit Filmen gegen das Regime

Die Proteste im Iran gegen das Mullah-Regime sind einmal mehr laut und deutlich. Nicht nur auf der Straße, sondern auch im Film.
Von Anna Lutz und Jörn Schumacher

„Tod dem Diktator!“, rufen Menschen auf den Straßen des Irans derzeit einmal mehr. Oder „Frau, Leben, Freiheit!“ Es sind Slogans, die seit vielen Jahren immer wieder im Iran zu hören sind, wirklich verstummt waren sie nie, auch wenn die Medienöffentlichkeit sich ihnen mal mehr, mal weniger stark widmet. 

Es passt in diese Zeit, dass ausgerechnet ein iranischer Film nun die Goldene Palme, den Hauptpreis der Filmfestspiele von Cannes, gewonnen hat. Jafar Panahis „Ein einfacher Unfall“ beginnt mit einem solchen. Als der Fahrer das Auto in die Werkstatt bringt, glaubt der Mechaniker, ihn als Gefängniswärter zu identifizieren. Und zwar als jenen, der ihn in seiner eigenen Haftzeit gefoltert hat. Er beschließt, ihn zu entführen. 

Foto: Kevin Payravi | CC BY-SA 4.0 International
Regisseur Jafar Panahi in Cannes

So nimmt die Geschichte ihren Lauf. Es ist nicht Panahis erster Filmerfolg, tatsächlich ist der Regisseur eine von vielen regimekritischen Stimmen Irans in der Filmwelt. Und hat dafür mit einem Berufsverbot und jahrelanger Haft bezahlt, aus der er 2023 nach einem Hungerstreik freikam. 

„Taxi Teheran“ gewann bei der Berlinale

Einen großen Erfolg feierte er etwa 2015, als er mit „Taxi Teheran“ den Goldenen Bären der Berlinale gewann. Er selbst spielt darin einen Taxifahrer, der Fahrgäste durch die iranische Hauptstadt kutschiert. Ihnen allen ist gemeinsam, dass sie sich lebhaft mit dem Chauffeur unterhalten. Eine kleine Kamera auf dem Armaturenbrett schneidet alles mit. Die Grenzen zwischen Dokumentation und Spielfilm verschwimmen. Panahi zeichnet so ein lebhaftes Porträt der iranischen Gesellschaft. 

Da sind etwa jene beiden, die mit ihm über Hinrichtungen als Art der Verbrechensprävention diskutieren. Die Frau ist gegen die harten Strafen, der Mann versteht sie als Teil des islamischen Rechts. Schnell wird klar: Islamische Republik hin oder her, Frauen behaupten sich hier durchaus gegen die Männer, zumindest im privaten Gespräch. Ein heimlicher Filmhändler steigt ebenfalls ins Taxi. Ob Woody-Allen-Film, Arthouse-Produktionen oder die US-Serie „The Walking Dead“, er hat all das im Gepäck, was das Regime zensiert. „Kulturarbeit“ nennt er seine Tätigkeit deshalb.

Panahi selbst konnte 2015 nicht zur Preisverleihung in Berlin anreisen, den Film ließ er nach Berlin schmuggeln. Das Regime verbot ihm die Ausreise aus dem Iran – ebenso wie das Filmedrehen überhaupt. Eine Regel, an die Panahi sich nicht hält. Nach Cannes konnte er reisen. Medienberichten zufolge nahm er den Preis selbst entgegen. Obwohl Panahi auch einen Wohnsitz in Frankreich hat, will er weiterhin aus dem Iran heraus wirken. 

Ein kleines Stück vom Kuchen Belrinale Foto: Elena Ternovaja | CC BY-SA 3.0 Unported
(v.l.) Hauptdarsteller Esmail Mehrabi und Lily Farhadpour auf der Berlinale. Sie halten ein Foto der Regisseure Maryam Moghaddam und Behtash Sanaeeha (Foto v.l.)

Seine Kollegen Maryam Moghaddam und Behtash Sanaeeha sind ein weiteres starkes Beispiel für cinematografische Kritik an den Mullahs. Ihr Film „Ein kleines Stück vom Kuchen“ erzählt die Geschichte der gealterten Witwe Mahin, die sich nach einer neuen Liebe sehnt. Doch wie lernt man einen Mann kennen, in einem Land, das Begegnungen und erst recht Berührungen zwischen Frau und Mann als unsittlich einstuft, so sie denn nicht verheiratet sind? Mahin findet einen Weg, lädt einen Taxifahrer zu sich nach Hause ein und die beiden erleben den schönsten Abend ihres Lebens – auch dank des selbstgemachten Weins, den Mahin seit Langem heimlich aufbewahrt. Denn auch der ist illegal. 

„Ein kleines Stück vom Kuchen“ lief 2024 auf der Berlinale. Wie schon Panahi blieb Moghaddam und Sanaeeha die Ausreise aus dem Iran zu diesem Anlass verwehrt. Einen Bären gab es für den Film damals nicht, wohl aber viel Anerkennung aus dem Publikum und den Preis der ökumenischen Jury beim Festival, die besonders darauf schaut, ob die Werte in einem Film das Evangelium widerspiegeln und ob sie für christliche Werte sensibilisieren. Freiheit zum Beispiel. Zu Recht, denn „Ein kleines Stück vom Kuchen“ ist mehr als eine wunderbare Romanze. Er lässt den Zuschauer herzlich lachen, erinnert aber zugleich an das Leid der Tausenden, vor allem Frauen, die im Iran täglich um ihr Leben fürchten müssen. 

Auseinandersetzung mit der Todesstrafe

Auch im Jahr 2020 kam ein Berlinale-Gewinner aus dem Iran. „Es gibt kein Böses“ des iranischen Regisseurs Mohammad Rasoulof räumte den Goldenen Bären ab. Mit, wen wundert es nun noch, Regimekritik. In vier unzusammenhängenden Episoden erzählt der Film kurze Geschichten über die Todesstrafe im Iran. Etwa: In einer kleinen Zelle schläft der junge Soldat Pouya gemeinsam mit Kameraden auf schlichten Pritschen. Sein Gewissen hält ihn vom Schlaf ab. Denn morgen soll er zum ersten Mal eine Hinrichtung vornehmen. Doch er weiß, dass er diese schreckliche Tat nicht vollbringen kann – „den Hocker zu ziehen“ , wie es die jungen Soldaten vereinfachend ausdrücken. Pouya versucht verzweifelt die Nacht über, mit dem Handy eines Kollegen über seine Freundin draußen eine Versetzung in allerletzter Minute zu erwirken. Dieses fast shakespearhafte Dilemma spitzt sich immer mehr zu.

Die Tochter des Regisseurs, Baran Rasoulof (Mitte), nahm den Goldenen Bären am Samstagabend in Berlin stellvertretend für ihren Vater an Foto: Sandra Weller, Berlinale 2020
Sieg für Mohammad Rasoulof: Seine Tochter Baran nahm den Goldenen Bären in Berlin stellvertretend für ihren Vater an

Ein Mitsoldat bietet dem jungen Mann sogar an, seinen Part zu übernehmen, für ihn also „den Hocker zu ziehen“. „Ich habe es schon oft gemacht, auf ein weiteres Mal kommt es nicht an“, sagt er. Doch ein anderer Soldat dieser nächtlichen Runde stellt sich dem entgegen, da werde das Gesetz gebrochen, und er werde es sofort den Vorgesetzten melden, falls die beiden Soldaten diesen Deal abschließen sollten. Für die einen Soldaten ist es ein Job, der erledigt werden muss, weil es Gesetz ist, und ohne Gesetz funktioniert ein Staat nun einmal nicht. Für Pouya aber bleibt es die Tötung eines Menschen. Regisseur Rasoulof fragt in seinen Episoden: Wie unfrei sind Menschen wirklich in einem unfreien Regime? Welche Auswege gibt es vielleicht doch? Auch Rasoulofs Platz bei der Berlinale 2020 blieb leer. Seine Tochter nahm den Preis stellvertretend entgegen. 

Rasoulof, Panahi, Moghaddam, Sanaeeha und viele Filmschaffende mehr aus dem Iran sind nicht nur Regimekritiker sondern auch Mahner in Richtung des Westens. Ebenso wie die Menschen, die derzeit wieder auf den Straßen Teherans und anderer Städte demonstrieren. Ihre Kunst, ihre Rufe, ihre Proteste sagen auch: Vergesst uns nicht!

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