PRO: Wer ist potenziell von Cyberkriminalität betroffen?
Jana Ringwald: Jeder, der ein Handy hat oder ins Internet geht. Auch ich bekomme immer wieder Phishing-SMS oder Anrufe, die mich unter Druck setzen sollen, damit ich irgendwo draufklicke oder Geld überweise. Straftaten wie Drogen- oder Waffelhandel und die Verbreitung kinderpornografischen Materials haben sich zudem durch das Internet digitalisiert. Andere Taten wiederum gäbe es ohne das Internet nicht, zum Beispiel Ransomware-Attacken mit Erpressungsschadsoftware.
Hat die digitale Kommunikation das Unrechtsbewusstsein verändert?
Wer einen Cyberangriff fährt, hört niemanden brüllen, man sieht kein Blut, niemand rennt weg, es macht nicht „Bumm“. Die Täter bekommen nicht mit, was sie mit ihren Taten anrichten. Das hat die Hemmschwelle sinken lassen.
Das ist auch in der Art und Weise sichtbar, wie Menschen im digitalen Raum miteinander kommunizieren …
Genau. Und auch im Betrugsgeschehen wissen wir: Jemandem ins Gesicht zu lügen, ist viel schwieriger, als wenn man das am Telefon oder über das Netz macht. Vor unserem Rechner lassen wir einen riesigen Raum entstehen, der missbraucht werden kann. Dieses Risiko können sich viele oft nicht vorstellen, bis man merkt, dass im eigenen Namen eingekauft wurde oder eine Überweisung an einen Betrüger ging, der sich als Bank, potenzieller Liebhaber oder Mobilfunkanbieter ausgab.
Wie können wir unser Risiko besser managen?
Es geht bei dem Gedanken los, dass ich meinem Handy nicht trauen darf. Täter nutzen regelmäßig unsere Bequemlichkeit aus, wenn wir etwa unsichere Passwörter vergeben, sie nicht wechseln und keine Mehrfaktorautorisierung nutzen.
Der gesunde Menschenverstand kann in vielen Fällen schon helfen, wenn man per Mail aufgefordert wird, persönliche Daten weiterzugeben, auf einen Link zu klicken oder Geld zu überweisen. Dann lieber noch eine Nacht drüber schlafen, jemandem davon erzählen oder gegenchecken, ob das, worum man da gebeten wurde, üblich und plausibel ist. Der zeitliche Druck ist eines der größten Einfallstore.
Wie man sich vor Cyber-Angriffen schützen kann
- Sichere Passwörter (nicht: Geburtsdaten, Name von Familienmitgliedern, simple Zahlenfolgen z.B.)
- Passwörter regelmäßig wechseln
- Logins durch Zwei-Faktoren-Authentifizierung absichern
- Online-Konten und Profile regelmäßig auf Unregelmäßigkeiten wie unbekannte Abbuchungen überprüfen
- Skepsis ist angebracht, wenn man aufgefordert wird, auf Links zu klicken, Mail-Anhänge zu öffnen, PINs oder Passwörter zu verraten, Geld zu überweisen, oder wenn zeitlicher Druck ausgeübt wird
- Absender von Nachrichten genau checken und Vorgänge auf Plausibilität prüfen: Auch echt wirkende Briefköpfe, Mail-Adressen, Stimmen oder Bilder können gefälscht sein.
- regelmäßige Software-Updates machen, Schutzprogramme installieren
- sparsam mit persönlichen Daten im Netz umgehen
Hilfreiche Informationen zum digitalen Verbraucherschutz bietet das Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI) unter bsi.bund.de.
Sollte der Staat das Internet stärker regulieren oder gar überwachen, um Straftaten im digitalen Raum vorzubeugen und sie aufzuklären?
Das Internet ist eine Begegnungsstätte für alle, auch für Kriminelle. Gleichzeitig halte ich den Menschen für verantwortlich und finde nicht, dass der Staat ihm seine Eigenverantwortung für den Umgang mit den eigenen Daten abnehmen sollte. Aber es gibt natürlich Einfallstore für Cyberkriminalität, die struktureller Natur sind. Der Idee einer altersmäßigen Beschränkung von Social Media kann ich mich als Mutter von Teenagern schon sehr stark öffnen. Die Nachteile von Social Media überwiegen die Vorteile meines Erachtens erheblich. Bis dahin, dass Jugendliche darüber selbst zu Tätern werden können.
Sie haben es mit jugendlichen Tätern zu tun?
Ja, besonders beim Einstieg in die Cyberkriminalität. Gerade bei DDoS-Attacken (dabei werden Server oder Websites mit Anfragen überflutet, sodass sie überlastet zusammenbrechen; Anm. d. Red.) sind einige Täter gerade strafmündig, also über 14. Die finden das witzig, andere zu „dossen“, und ihnen ist gar nicht klar, dass das eine Computersabotage ist, mit der sie richtig viel Schaden anrichten können. Wollen wir das weiter verniedlichen? Warum sprechen wir nicht darüber, was für eine dramatische Lage wir kreieren, indem wir zum Beispiel Kinder acht Stunden am Handy oder in diesem Fall am Computer alleine lassen?
Sie betonen in Ihrem Buch „Digital. Kriminell. Menschlich.“, dass Sie sich in der Justiz und in Ihrem Fachbereich für das Menschliche stark machen wollen. Was genau heißt das?
Im Mittelpunkt des Strafprozesses steht der Täter. Auch wenn wir in einem Einsatz gegen Cyberkriminalität nur Server aus den Racks geholt und Kryptowährungen sichergestellt haben, steckt immer ein Mensch dahinter. Weil wir dieses würdevolle Menschenbild haben, wollen wir, dass er resozialisiert wird, nachdem wir ihn verurteilt und ihm womöglich die Freiheit genommen haben.
Wie schaffen wir es, dass er sein Leben ändert, umkehrt und damit aufhört? Es geht außerdem um die Frage, wieso junge oder auch ältere Menschen überhaupt so etwas machen und wie wir dazu beitragen können, dass diese Gesellschaft resilient ist in dieser Hinsicht. Das beginnt bei der Prävention.
Ein Verurteilter, den Sie vor Gericht gebracht hatten, bedankte sich später für seine Gefängnisstrafe bei Ihnen. Was hat Ihnen das bedeutet?
Das hat mich umgeworfen. Es hat sich vorher noch niemand bei mir dafür bedankt. Teil seines Danks, und das geht auch als Kompliment an meine Kollegen beim Bundeskriminalamt, war: Ihr habt mich zwar von meinem Stuhl gefegt, als das SEK in mein Zimmer kam, und ich sitze jetzt im Knast, aber ihr wart trotzdem respektvoll. Er hat gesagt, dass er wie ein Mensch behandelt werden möchte.
Das fand ich auch als Christin interessant. Denn das Strafgesetz ist durchdrungen von diesem Prinzip, das auch ein christliches ist. Ich verstehe Jesus so, dass er uns allen ins Gebälk gefahren ist, aber mit Liebe. Er sagt: Du bist endlos geliebt, aber trotzdem finde ich nicht alles richtig, was du tust. Nimm dein Kreuz und kehre um.
„Manche Täter erleben im
Gerichtssaal zum ersten Mal einen respektvollen Umgang.“
Wie genau kommt das im Gesetz vor?
Einerseits treten wir Straftätern mit großer Gewalt entgegen. Natürlich bekommen sie Angst, wenn ein Einsatzkommando ihre Wohnung stürmt, so etwas ist wirklich beeindruckend. Gleichzeitig gilt: Die Würde ist unantastbar. Das zeigt sich etwa darin, dass ein Untersuchungshäftling zwar der Freiheit beraubt wurde, aber nicht wie ein Mensch zweiter Klasse behandelt werden darf. Dass der Angeklagte das letzte Wort hat; dass ein Prozess transparent sein muss und der Angeklagte stets Fragen stellen und sich selbst äußern darf. Auch dass seine Lebensgeschichte zum Gegenstand der Hauptverhandlung und des Urteils werden muss, ist Ausfluss dieses Gedankens. Manche Täter erleben im Gerichtssaal zum ersten Mal einen respektvollen Umgang.
Entspringen diese Grundsätze nicht eher allgemeinen humanistischen Überzeugungen?
Sicherlich gibt es große Überschneidungen. Aber dass ich zum Beispiel meinem Feind die Hand reiche und hoffe, dass er umkehrt, also der Resozialisierungsgedanke, den würde ich eindeutig christlich nennen. Denn man könnte ja auch sagen: Wenn du diese Grenze überschritten hast, dann ist es vorbei mit der Geduld.
Aber in unserem Gesetz schwingt immer die Hoffnung auf Umkehr mit, selbst bei schlimmsten Taten. Es muss auch bei langen Haftstrafen noch ein Ziel der Freiheit geben. Eine Strafe, die im Tod endet, ist deshalb nicht mit der Würde vereinbar. So schaut Gott durch Jesus auch auf uns Menschen: Hoffentlich kehrt der Mensch um und ich gewinne ihn noch. Das finde ich einzigartig im christlichen Glauben.
Zur Person
Jana Ringwald, 44, ist seit 2018 Oberstaatsanwältin bei der Zentralstelle zur Bekämpfung von Internetkriminalität der Generalstaatsanwaltschaft in Frankfurt/Main. Zuvor war sie als Wirtschaftsstaatsanwältin tätig. Sie hat neben Jura auch Geschichte studiert. Im November 2023 erhielt sie den „Emotion Award“ in der Kategorie „Frauen in der Digitalisierung“. Im vorigen Jahr erschien ihr Buch „Digital. Kriminell. Menschlich.“ (Murmann), in dem sie über die Hintergründe ihrer Arbeit berichtet. Auf Instagram postet sie unter janas_stimme.
Haben Sie manchmal Mitleid mit Tätern, dass Sie eine bestimmte Strafe beantragen müssen?
Gerade bei menschlichen Tragödien ist es ein sehr undankbarer Job, auch noch eine Strafe zu beantragen. Aber wir können keine Ausnahmen machen. Neulich hatte ich einen Jugendlichen, der mit einem DDos-Angriff eine Webpräsenz lahmgelegt hatte, um 400 Euro zu erpressen. Es stellte sich heraus, dass sich seine Eltern trennten, als er sechs war, mit acht kam er mit seiner Mutter aus Südamerika, ab da hing er nur noch am Computer. Er rutschte da so rein.
Ich habe dann im Plädoyer davon gesprochen, dass ich glaube, dass sein Weg als Kind ein schwieriger war. So etwas ist wichtig, es kann der Grund für ein Leben als Straftäter sein. Ich hatte den Eindruck, das hat etwas mit ihm gemacht. Er hat gemerkt: Sie hat zugehört und erkennt meinen Weg an. Es erspart mir nicht die Strafe, aber ich werde hier gesehen.
Gott wird in der Bibel mit verschiedenen Eigenschaften beschrieben, die aus dem Bereich des Rechts kommen: ein gnädiger, strafender, richtender Gott zum Beispiel. Welches Bild haben Sie von Gott?
Ich habe die Vorstellung von einem Gott, der eine so überschwängliche Liebe hat, dass wir sie uns nicht vorstellen können. Gott ist für mich einer, der auch richten muss, aber der in erster Linie hofft, jedes Herz zu gewinnen. Und der vor allen Dingen bereit ist, uns freizukaufen. Dass man seinen Sohn gibt, um irgendwelche anderen Menschen zu retten, ist ja so unvorstellbar, dass ich diesen gerechtigkeitsfindenden oder strafenden Anteil, den Gott haben muss, im wahrsten Sinne des Wortes gerecht finde. Als Staatsanwältin und als Christin ist mir klar: Dem Straftäter bin ich näher als wir beide Jesus.
„Als Staatsanwältin und als Christin ist mir klar: Dem Straftäter bin ich näher als wir beide Jesus.“
Braucht es in unserer Welt mehr Gnade im Umgang miteinander?
Gnade ist ein göttliches Geschenk. Manche Dinge in meinem Leben empfinde ich als absolute Gnade. Die Frage ist: Kann ein Mensch in diesem Sinne Gnade walten lassen? Wir haben die Möglichkeit des Gnadengesuchs unter engen Voraussetzungen in unserem Rechtssystem etabliert. Im Grunde ist es ein Instrument für ausgleichende Gerechtigkeit, wenn eine Strafe unter besonderen Umständen nicht mehr angemessen erscheint.
Göttliche Gnade ist in meinen Augen viel weitreichender. Ich würde stattdessen für eine Kultur der Vergebung werben. Das ist nicht notwendigerweise etwas Göttliches. Es ist das Instrument eines Menschen, sich selbst zu befreien von der Last, einen Menschen für seine Tat zu hassen.
Ist das etwas, was Sie Geschädigten raten würden, um mit ihrer Situation umzugehen? Denn davon, dass der Täter verurteilt ist, ist ein Schaden oder Verlust nicht wieder gut.
Die Eltern eines getöteten Mädchens bekommen ihre Tochter nicht zurück, wenn der Täter im Knast sitzt. Und sie bekommen keinen Frieden, weil keine Strafe dafür ausreicht. Selbst der Tod des Täters stoppt den Schmerz nicht. Ich würde mir niemals anmaßen, als Staatsanwältin den Opfern etwas vorzuschlagen. Ich weiß nur, dass mich Vergebung oft selbst befreit hat. Wenn ich in Wut und Hass verbleibe, macht mich das selbst unfrei.
Gibt es Dinge, die man nicht vergeben kann?
Ich persönlich habe das noch nicht erlebt. Aber ich glaube, das kann passieren. Eine kluge Frau hat einmal zu mir gesagt: „Du musst das ja nicht alleine machen. So zu tun, als könntest du vergeben, wenn du es nicht kannst, wäre unwahrhaftig. Aber du kannst im Gebet sagen: „Jesus, ich stelle mich an deine Seite und wenn du diesem Menschen vergeben kannst, dann komme ich mit.“ Der Schmerz über einen Verlust bleibt genau der gleiche. Aber durch die Vergebung wird dem Schmerz die Macht genommen.
Vielen Dank für das Gespräch!
Dieser Beitrag erschien in der Ausgabe 3/2026 des Christlichen Medienmagazins PRO. Hier können Sie das Magazin kostenlos bestellen oder online lesen.