Kommentar

Ist das noch konservativ oder schon rechtsradikal?

Unsere Gesellschaft ist migrationskritischer geworden. Das ist an sich nicht schlimm. Warum wir gerade deswegen auch auf unsere Sprache achten sollten.
Von Nicolai Franz
Grenzzaun auf Ceuta nach Marokko

Unsere Welt dreht sich schnell, das tat sie schon immer. Und die Jahre fahren dahin. Umso wichtiger, dass man ab und zu stehenbleibt und sich fragt: Sind wir noch auf dem richtigen Kurs?

Das dachte ich mir, als ich neulich den Podcast „Machtwechsel“ der beiden Journalisten Dagmar Rosenfeld und Robin Alexander hörte.

Alexander erwähnte einen Text in der „Welt“ über Migration. Der Artikel von Harald Martenstein war eigentlich gar nicht so ungewöhnlich. Und gerade das gab mir zu denken.

Martensteins Text mit dem Namen „Es wird Europa zerstören, für immer. Das ist schade“ beginnt mit dem 1973 erschienenen französischen Buch, das auf Deutsch „Das Heerlager der Heiligen“ heißt.

„Eine Armada aus Handelskähnen bricht, beladen mit 800.000 Armen, in Kalkutta auf und landet in Südfrankreich“, fasst Martenstein zusammen. In dem Buch weigern sich die französischen Soldaten, auf die Migranten zu schießen.

„Invasoren“, „Dschihadisten“, „Kriminelle“

Politik, Medien, Kirche und staatliche Institutionen fallen in dem Roman aus Schuldgefühl, Humanitarismus und mangelndem Selbstbehauptungswillen nach und nach zusammen. Frankreich wird schließlich von den Migranten überrannt, die bestehende gesellschaftliche Ordnung bricht zusammen. Eine Untergangserzählung über Masseneinwanderung.

Martenstein vergleicht diese Dystopie mit der Lage der marokkanischen Migranten von vor zwei Wochen: „Auch der Ansturm Zehntausender junger Männer aus Afrika auf die kleine spanische Stadt Ceuta kam vom Wasser. Es sah ein bisschen wie D-Day aus, Landung in der Normandie, allerdings unbewaffnet.“

Er nennt sie „Invasoren“, vermutet „Dschihadisten“ und „Kriminelle“ unter ihnen, und er spricht von „Eroberungsmigration“. Naive Menschen seien in der Geschichte schon oft von den Stärkeren „ausgerottet“ worden. Harte Worte. Aber es steckt mehr dahinter.

Robin Alexander wertet Martensteins Text in der „Welt“ als Sieg des rechtsextremen Vordenkers Götz Kubitschek. Der hatte das Buch 2015 in seinem Verlag herausgebracht, nachdem die erste deutsche Ausgabe von 1985 weitgehend ignoriert worden war.

Kubitscheks Ziel sei ab 2015 die Radikalisierung der AfD gewesen. Ohne selbst eine wichtige Position dort zu haben. Er wirke von außen auf die Partei ein. Und auch auf den medialen Diskurs. Mit Erfolg.

Mir gab dies zu denken. Für Martenstein sind die jungen Marokkaner nicht etwa Menschen, die ihre Chance gesehen haben, vielleicht betrogen wurden und nun weitgehend gescheitert sind. Die natürlich ein anderes Wertegerüst haben als wir und deren Integration in Europa enorm schwer oder sogar komplett scheitern würde. Eine solche Einschätzung würde ich als konservativ bezeichnen.

Nein, das ist keine Nazikeule

Martenstein zeichnet hingegen das Bild von Invasoren, die Europa erobern, unterjochen und die Einheimischen ausrotten wollen. Diese Erzählung ist, mit Verlaub, rechtsradikal.

Und ich schreibe das in aller Vorsicht. Nein, das ist keine Nazikeule. Man darf migrationskritisch sein, skeptisch gegenüber der Integrationsfähigkeit von Menschen aus bestimmten Kulturen und Religionen, zum Beispiel des Islam. Das bin ich auch.

Aber wer ganze Menschengruppen ohne jeden Beleg als verschworenen Haufen blutrünstiger Eroberer bezeichnet, der spricht nicht mehr von Mitgeschöpfen, die Gott zu seinem Ebenbilde schuf.

Gerade wir als Christen müssen immer wieder zeigen, wo eine Grenze erreicht ist. Konservativ ja, rechtsradikal nein.

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