Eine Studie zeichnet ein differenziertes Bild beim Ausmaß von islamischen und islamistischen Hintergründen von Antisemitismus. Diese Art von Antisemitismus habe im Untersuchungszeitraum von 2019 bis 2025 nur 1,8 Prozent aller dokumentierten Vorfälle ausgemacht, teilte der Bundesverband der Recherche- und Informationsstellen Antisemitismus (RIAS) am Mittwoch in Berlin mit. Gleichwohl seien die 564 registrierten Fälle mit dieser Motivation überdurchschnittlich häufig (15,1 Prozent) von Bedrohungen, Angriffen oder extremer Gewalt geprägt gewesen. An den gesamten mehr als 31.000 Vorfällen seit 2019 hatte jene mit Gewalt nur einen Anteil von 6,1 Prozent.
Zudem dokumentierte RIAS einen deutlichen Anstieg der antisemitischen Vorfälle mit islamischem oder islamistischem Hintergrund seit dem 7. Oktober 2023. Knapp 80 Prozent der Vorfälle mit einem solchen Hintergrund seien seit dem Tag des Terrorangriffs der islamistischen Hamas auf Israel erfasst worden. Jedoch gingen die Zahlen auch über alle Vorfallsarten hinweg nach oben: Während im Jahr 2022 noch 2.610 Fälle verzeichnet wurden, waren es 2024 schon 8.713.
Häufiger als islamisch oder islamistisch war der Antisemitismus in den vergangenen Jahren rechtsextrem (3.662 Vorfälle) oder von antiisraelischem Aktivismus geprägt (5.445 Vorfälle). Bei mehr als jedem zweiten Fall blieb der politisch-weltanschauliche Hintergrund allerdings unbekannt. Als islamisch oder islamistisch motiviert wurden Vorfälle mit einem Bezug auf islamische Glaubensinhalte gewertet.
Israelbezogener Antisemitismus dominiert
RIAS habe zudem knapp 80 Prozent aller antisemitischen Vorfälle mit islamischer oder islamistischer Motivation dem israelbezogenen Antisemitismus zugeordnet. Insgesamt machte diese Erscheinungsform 52,9 Prozent aus.
Zugleich zeigte eine ergänzende Studie der Wissenschaftlerin Sarah Demmrich, dass es nach dem 7. Oktober keinen deutlichen Anstieg antisemitischer Zustimmungswerte unter Musliminnen und Muslimen gab. Signifikant gestiegen sei jedoch der Zusammenhang zwischen Antisemitismus und radikalen Haltungen wie religiösem Fundamentalismus oder einem Verständnis für Terror und Gewalt.
Teils gesellschaftlicher Anschluss
Zudem schafften islamistische Akteure teilweise gesellschaftlichen Anschluss. So erreichte die Kampagne „Nie wieder Staatsräson!“ auf „openPetition“ mehr als 500.000 Unterschriften – trotz eines Hinweises der Plattform, wonach der Petent Teil des inzwischen aufgelösten Netzwerks „Realität Islam“ sei, welches in Tradition zur verbotenen Organisation „Hizb ut-Tahrir“ stehe.
» „Nie wieder“ – der Gratismut kostet nun
RIAS-Geschäftsführer Benjamin Steinitz sieht in den Forschungsergebnissen einen Handlungsauftrag. Antisemitismus müsse als „wesentlicher Bestandteil islamistischer Mobilisierung klar benannt und entschlossen bekämpft werden“. Die Auseinandersetzung mit Islamismus dürfe gleichzeitig nicht „rechtsextremen Akteuren und ihrer muslimfeindlichen Agenda überlassen werden“.
In den Bericht flossen Vorfälle aus dem Bundesgebiet und von Meldestellen in mehreren Bundesländern ein. RIAS weist darauf hin, dass von einer hohen Dunkelziffer auszugehen sei. Auch deshalb sei die Statistik nicht repräsentativ.