PRO: Den öffentlich-rechtlichen Rundfunk halten 61 Prozent der Deutschen für vertrauenswürdig. Zwar steigt der Wert derer, die es genau anders sehen. Aber im Verhältnis zu anderen Medienformen genießt der öffentlich-rechtliche Rundfunk das größte Vertrauen. Ist das ein beruhigender Befund für die Sender, gerade angesichts der oft lauten Kritik an ihnen?
Annika Sehl: Man muss hier differenzieren. Es ist zwar positiv, dass der öffentlich-rechtliche Rundfunk im Vergleich zu anderen Mediengattungen das höchste Vertrauen genießt. Gleichzeitig handelt es sich um den niedrigsten Wert seit Beginn der Mainzer Langzeitstudie Medienvertrauen. Anlass zur Selbstzufriedenheit besteht also nicht. Zudem zeigen Daten des Reuters Institute Digital News Reports für mehrere Länder, dass die im Vergleich relativ hohen Vertrauenswerte nicht für alle Bevölkerungsgruppen gleichermaßen gelten. Menschen mit populistischen Einstellungen bringen den Nachrichtenformaten des öffentlich-rechtlichen Rundfunks deutlich weniger Vertrauen entgegen.
Kritik an den öffentlich-rechtlichen Sendern wird auch in einer breiteren Öffentlichkeit geübt. Wo ist die Grenze zu populistischer Kritik?
Hier ist eine wichtige Unterscheidung nötig: zwischen legitimer und delegitimierender Medienkritik. Legitime Medienkritik ist unverzichtbar. Sie trägt dazu bei, Fehler sichtbar zu machen, und sorgt dafür, dass Qualitätssicherungsmechanismen überprüft oder weiterentwickelt werden. Delegitimierende Medienkritik hingegen diskreditiert den öffentlich-rechtlichen Rundfunk systematisch und stellt seine Legitimität grundsätzlich in Frage. Dabei werden auch tatsächliche Fehler häufig instrumentalisiert. Es ist ein grundlegender Unterschied zwischen sachlich notwendiger Kritik und Kampagnen, die primär auf eine Schwächung der Institution zielen.
Thema vieler Debatten um den öffentlich-rechtlichen Rundfunk ist der Rundfunkbeitrag. Der Zukunftsrat, der Reformvorschläge gemacht hat und dem Sie angehörten, hält an dieser Finanzierungsform fest, auch wenn er ein anderes Verfahren vorschlägt. Was spricht dafür, eine Haushaltsabgabe beizubehalten?
Die Haushaltsabgabe stellt sicher, dass der öffentlich-rechtliche Rundfunk durch einen solidarischen Beitrag aller Haushalte finanziert wird. Zwar gibt es in einigen anderen Ländern Modelle, den öffentlich-rechtlichen Rundfunk beispielsweise über Steuern zu finanzieren. Diese bergen jedoch, abhängig von der konkreten Ausgestaltung, ein tendenziell höheres Risiko staatlicher Einflussnahme.
Deutschland leistet sich eines der teuersten öffentlich-rechtlichen Rundfunksysteme Europas. Weitere Beitragserhöhungen sind da schwer vermittelbar. Aber die Sender argumentieren, sie könnten sonst ihren Auftrag nicht umsetzen. Könnte es einen öffentlich-rechtlichen Rundfunk geben, der auch mit insgesamt weniger Geld oder zumindest stabilen Beiträgen auskommt?
Dafür muss man zwei Ebenen unterscheiden. Zum einen legt die Politik in den Staatsverträgen den Auftrag und die Rahmenbedingungen des öffentlich-rechtlichen Rundfunks fest. Im Reformstaatsvertrag, der seit Dezember 2025 in Kraft ist, wurde beispielsweise die Verringerung der Anzahl der Spartensender festgeschrieben. Die konkrete Entscheidung, welche Sender eingestellt oder zusammengeführt werden, oblag dabei den Anstalten selbst, wie jüngst geschehen. (Anm. d. Red.: Am 7. März haben ARD und ZDF bekannt gegeben, ARD-alpha, tagesschau24 und One einzustellen sowie drei weitere Angebote gemeinsam zu veranstalten.) Auf dieser strukturellen Ebene kann die Politik eingreifen, ohne direkten Einfluss auf Programm und Inhalte zu nehmen. Der Abbau von Mehrfachstrukturen, allerdings insbesondere in programmfernen Bereichen wie der Verwaltung, ist für Einsparungen ein wesentlicher Ansatzpunkt.
Auf Basis der staatsvertraglichen Vorgaben ermittelt die Kommission zur Ermittlung des Finanzbedarfs (KEF), wie viel Geld die Rundfunkanstalten benötigen, um ihren Auftrag zu erfüllen. Das Verfahren läuft in mehreren Schritten: Die Anstalten melden zuerst ihren Finanzbedarf bei der KEF an, die Kommission überprüft und ermittelt danach den Finanzbedarf und spricht eine Empfehlung zur Beitragshöhe aus. Schließlich entscheiden die Landesregierungen und Länderparlamente über die Beitragsempfehlung der KEF.
Wenn man einen günstigeren öffentlich-rechtlichen Rundfunk wollte, müssten Politiker also den Auftrag so reduzieren, dass man weniger Geld bräuchte.
Es betrifft, wie gesagt, eher Rahmenbedingungen und Strukturen. Viele dieser Mehrfachstrukturen sind historisch gewachsen und insbesondere eine Folge der föderalen Organisation der ARD mit den Landesrundfunkanstalten. Die föderale Organisation ermöglicht eine stärkere Regionalität, was einen wichtigen Mehrwert darstellt. Gleichzeitig trägt sie jedoch auch zu den Kosten des Gesamtsystems bei.
Im aktuellen Reformstaatsvertrag werden ARD, ZDF und Deutschlandradio deshalb beispielsweise zur intensiveren Zusammenarbeit verpflichtet. Auch müssen die in der ARD zusammengeschlossenen Landesrundfunkanstalten nun ein Federführungsprinzip umsetzen. Dabei wird für einen Bereich, zum Beispiel in der Gesundheitsberichterstattung, eine leitend und koordinierend verantwortliche Anstalt festgelegt, um Mehrfachstrukturen zu reduzieren.
Annika Sehl
Prof. Dr. Annika Sehl forscht am Lehrstuhl für Journalistik der Katholischen Universität Ingolstadt-Eichstädt unter anderem zu öffentlich-rechtlichen Medien. Sie gehörte dem Zukunftsrat an, der im Auftrag der Bundesländer Empfehlungen für Reformen des öffentlich-rechtlichen Rundfunks erarbeiten sollte. Einige dieser Empfehlungen sind in den Reformstaatsvertrag eingegangen, der im Dezember 2025 in Kraft trat. Dieser sieht unter anderem einen Medienrat vor; der soll zukünftig überprüfen, wie ARD, ZDF und Deutschlandradio ihren Auftrag erfüllen. Diesem Expertengremium wird Annika Sehl ebenfalls angehören. Sie ist Mitherausgeberin der Fachzeitschrift „Communicatio Socialis“ für Ethik der Medien und der digitalen Gesellschaft.
Wozu braucht es in einer pluraleren Mediengesellschaft mit unzähligen privaten und auch digitalen Angeboten überhaupt noch den öffentlich-rechtlichen Rundfunk? Würde es nicht ausreichen, nur die ARD mit ihren regionalen Programmen beizubehalten?
Zwar hat die Zahl der Medienangebote durch das Internet deutlich zugenommen. Das bedeutet jedoch nicht automatisch eine größere publizistische Vielfalt – und auch nicht, dass verlässliche, journalistisch geprüfte Informationen in dem Umfang verfügbar sind, der für eine demokratische Öffentlichkeit notwendig ist.
Ein entscheidendes Merkmal des öffentlich-rechtlichen Rundfunks ist seine Unabhängigkeit vom Markt. Anders als privatwirtschaftliche Medien, die sich über Werbung oder über Bezahlsysteme finanzieren und daher stärker auf hohe Reichweiten oder zahlungskräftige Zielgruppen angewiesen sind, muss der öffentlich-rechtliche Rundfunk nicht ausschließlich ein Massenpublikum bedienen. Dadurch kann er neben reichweitenstarken Angeboten auch Nischenthemen, anspruchsvolle Kultur oder Angebote für kleine Zielgruppen bereitstellen.
In einer Medienumgebung, in der kommerzielle, algorithmusgetriebene Plattformen Aufmerksamkeit bündeln und die Verbreitung von Desinformation begünstigen, kann der öffentlich-rechtliche Rundfunk, der nicht auf Klickzahlen angewiesen ist, ein wichtiges Gegengewicht bilden, wenn er sorgfältig recherchiert und verifizierte Informationen bereitstellt. Dann kann er zu einer gemeinsamen Informationsbasis in der Gesellschaft beitragen und eine wichtige Integrationsfunktion erfüllen. Voraussetzung ist allerdings, dass er alle Bevölkerungsgruppen erreicht, auch die jungen Menschen.
Worin sehen Sie das größte Potenzial, wie der öffentlich-rechtliche Rundfunk wieder Vertrauen gewinnen kann?
Ein großes Potenzial liegt darin, den direkten Dialog mit den Bürgerinnen und Bürgern zu suchen und ihre Erwartungen und Bedürfnisse besser zu verstehen. Ebenso wichtig ist, dass deutlich wird: Es handelt sich um öffentlich-rechtliche Medienangebote, die für die Bürgerinnen und Bürger da sind und Informationen, Bildung, Beratung, Unterhaltung und Raum für gesellschaftlichen Diskurs bereitstellen. Der öffentlich-rechtliche Rundfunk muss seine Aufgabe gut erfüllen und, wenn Fehler passieren, transparent dazu stehen, sie aufarbeiten und künftig möglichst vermeiden.
Angesichts der Vielzahl anderer Medienangebote steht der öffentlich-rechtliche Rundfunk heute auch stärker als früher unter Druck, seine Rolle und seinen Mehrwert zu erklären. Dazu gehört nicht zuletzt zu vermitteln, warum er durch Beiträge aller Haushalte finanziert wird und welche Bedeutung diese Finanzierungsform für seine Unabhängigkeit gegenüber Staat und Markt hat.
Vielen Dank für das Gespräch!