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Hilfe für Ukraine-Flüchtlinge: Ein Lächeln, ein Stück Brot, ein Bett

Miriam Becker arbeitet als Assistentin der Geschäftsführung bei der Christlichen Medieninitiative PRO. Und sie hilft ehrenamtlich ukrainischen Flüchtlingen. Hier schildert sie ihre Erlebnisse.
Von PRO

Foto: PRO/Miriam Becker

Seit Kriegsbeginn sind unzählige Ukrainer nach Deutschland geflohen

Als ich die ersten Nachrichten vom Krieg in der Ukraine hörte, konnte ich es – wie viele andere auch – nicht fassen. Diese Hilflosigkeit. Ich wollte gerne etwas tun, wusste aber nicht was. War wie gelähmt und tieftraurig. 

Dann las ich im Mail-Verteiler vom Sanitätsdienst des Bundes Freier evangelischer Gemeinden, bei dem ich seit über zehn Jahren mehr passiv als aktiv Mitglied bin, dass in Zukunft Helfer in der Betreuungsstelle für Flüchtlinge in Wissenbach bei Dillenburg (Hessen) gebraucht werden. Das konnte ich mir vorstellen. Ich bin keine sonderlich erfahrene Sanitäterin, aber „pflastern und kümmern“, das kann ich. 

Als an einem Sonntag Anfang April der zweite Bus aus Rumänien ankam, der geflüchtete Menschen aus der Ukraine hierher brachte, war ich dabei. Ich war unsicher, wie ich mich verhalten sollte, und fragte mich, was das Leid dieser Menschen mit mir machen würde. Könnte ich wirklich helfen? Wie so oft im Leben hat Gott mich da überrascht.

Unsere Betreuungsstelle ist ein großer Raum, den wir mit Bauzäunen, Planen und Feldbetten so wohnlich wie möglich gemacht haben. Wir haben Platz für etwa 50 Personen, bieten ihnen ein Dach über dem Kopf, eine Dusche, medizinische Erstversorgung, eine warme Mahlzeit und gehen so weit wie möglich auf ihre emotionalen Bedürfnisse ein. Für ein paar Tage oder auch mal zwei bis drei Wochen.

Die umliegenden Gemeinden unterstützen uns dabei, Betten zu beziehen, Essen zu kochen oder sauberzumachen. Wenn es möglich ist, berücksichtigen wir bei der Vermittlung der Unterkünfte auch, ob die Gäste einer christlichen Gemeinde angehören.

Nachdem wir die Neuankömmlinge willkommen geheißen und sie auf Covid getestet hatten, konnten sie essen und ihr Übergangsquartier beziehen. 

Und dann? Nach einem Tag voller Eindrücke wollte ich eigentlich nach Hause. Es kam anders.

„Kann jemand eine der Ukrainerinnen ins Krankenhaus fahren?“ Eine junge Frau, Anna*, Anfang 30, hatte Symptome, die wir nicht unbehandelt lassen konnten. Also habe ich die freundliche Übersetzerin und Anna ins Auto gepackt und bin ins 40 Kilometer entfernte Krankenhaus gefahren. Im Wartezimmer der Klinik hatten wir drei ausreichend Zeit uns anzufreunden. Via Übersetzerin, mit Händen und Füßen, per Bilder auf unseren Handys. 

Anna war erstaunt und dankbar für die Hilfsbereitschaft: „Zu Hause werden unsere Häuser zerstört und ihr kennt uns nicht und trotzdem kümmert ihr euch.“ Per WhatsApp habe ich mit meinen Kollegen in Wissenbach Kontakt gehalten. Es war ein ziemliches Hin und Her. Nach etlichen Stunden war klar, dass wir die junge Frau über Nacht im Krankenhaus lassen mussten. Wir wussten sie aber gut versorgt. Um zwei Uhr nachts war dann auch ich wieder zu Hause.

Ein paar Wochen später habe ich Anna und ihre Familie in einer Gemeinde in der Nähe besucht, wo sie zu neunt untergebracht sind. Sie wohnt mit Ihrer Mutter und der Familie ihrer Schwester in einer Wohnung der dortigen Gemeinde. Es war so schön zu sehen, wie gut sie sich schon eingelebt hatten und wie gut sich die Gemeinde – unter Wahrung der Eigenständigkeit der Familie – um sie kümmerte.

Annas Mutter, die ich vorher schon kurz gesehen hatte, umarmte mich, als ob sie mich schon immer kennt.

In dieser Umarmung lag alles, was wir beide gerne gesagt hätten. So viel Liebe, Freundlichkeit und Dankbarkeit habe ich noch nie in einer Umarmung gespürt!

Es freut mich, wenn ich auf meinem Handy immer wieder mal Statusmeldungen von Anna sehe. Es tut gut zu wissen, dass sie und ihre Familie schon so gut integriert im Ort sind. Ab und zu schicken wir uns noch Nachrichten, die wir dann im Internet übersetzen. Ich will sie gerne nochmal besuchen.

Dann war da noch Diana*, ein paar Wochen später. Wir haben sie und ihre drei Kinder vom Bahnhof abgeholt. Irgendwie war sie bei uns gestrandet. Sie war so müde und erschöpft von der langen, beschwerlichen Reise und dem Kümmern um ihre Kinder. 

Eine Woche später war sie immer noch in Wissenbach, da ihre nächste Unterkunft noch nicht ganz bezugsfähig war. Da lernte ich eine ganz andere Diana kennen: Sie strahlte, als sie mich sah, und fragte per Handyübersetzer: „Darf ich dich umarmen?“ Aber natürlich durfte sie! Die Ruhe, der Schlaf und erst mal ankommen zu können, haben ihr gutgetan. Ich bin dankbar, dass ich diese Veränderung sehen durfte – sie gibt mir Hoffnung für die vielen erschöpften, traumatisierten Menschen.

An einem Samstag im Mai durfte ich eine Mutter und ihre neun Kinder (ein bis elf Jahre alt) zum Bahnhof in Frankfurt begleiten. Sie wollten sich am Abend in Magdeburg mit ihrem ältesten Sohn und ihrem Mann treffen, die im Auto auf dem Weg waren. Also sind wir mit einem Kleinbus und einem Familienkombi nach Frankfurt gefahren, haben einen Parkplatz gesucht und haben mit Kristina* und ihren neun Kindern im Bahnhof auf ihren Zug gewartet.

Die zwei Kleinen hatte ich sofort ins Herz geschlossen. Die Mutter hat kein einziges Mal geschimpft, sie haben alle nur geduldig abgewartet. Hut ab! Ich bin immer noch davon beeindruckt. Eine freundliche Schaffnerin bat ich darum, doch bitte zu schauen, dass die Familie in Berlin in den richtigen Zug steigt.

Das sind nur kleine Einblicke in das Leben der vorwiegend Frauen und Kinder. Sie deuten an, wie viele Einzelschicksale dahinterstecken. Ein paar der Details kenne ich nur von Annas beschwerlicher Flucht. Die ganze Familie hat Dinge gesehen, die kein Mensch sehen sollte. Ich ahne, was ich nicht weiß. Und ich ahne, dass ich es nicht verkraften würde, wenn ich alle Details ihrer Geschichten kennen würde. Meine Befürchtung, dass ich das Leid nicht ertragen kann, hat sich jedoch ins Gegenteil gewandelt – ich wurde durch die Begegnungen mit diesen bemerkenswerten Frauen so beschenkt! Gott ist ziemlich kreativ in dem, wie er uns überrascht und gebrauchen kann. 

Im Moment haben wir weniger Gäste in der Aufnahmestelle des FeG Sanitätsdienstes. Trotzdem erreichen uns in der Betreuungsstelle mancherlei Sorgen und Probleme der Gäste und der Gastgebenden – Privatpersonen wie Gemeinden –, zum Beispiel bei medizinischen Fragen. Hier können wir oftmals beratend oder mit Kontakten weiterhelfen.

Als ich an einem Tag zurückfahre, denke ich: „Ist ja irgendwie nur ein Tropfen auf dem heißen Stein. Aber halt auch ein Tropfen.“ Ein Tropfen ist ein Tropfen und viele Tropfen bilden irgendwann einen See. Die Welt können wir nicht retten, das ist auch nicht unsere Aufgabe. Aber wir können helfen hier ein wenig anzukommen und die ersten Grundbedürfnisse zu stillen: Ein Dach, ein Essen, ein Bett, ein offenes Ohr, ein Lächeln, eine Umarmung und, wenn es in die Situation passt, auch mal ein Gebet.

Falls Sie eine Unterkunft zur Verfügung stellen können, können Sie sich gerne hier eintragen: Webseite der FeG-Ukrainehilfe.

Die FeG-Ukrainehilfe ist eine Kooperation unter dem Dach des Bundes Freier evangelischer Gemeinden in Deutschland KdöR zusammen mit seiner FeG Auslands- und Katastrophenhilfe, dem FeG Sanitätsdienst und den FeG-Bundeswerken Allianz-Mission und der Diakonie Bethanien.

*Namen geändert

Miriam Becker ist Assistentin der Geschäftsführung bei der Christlichen Medieninitiative pro.

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Eine Antwort

  1. Danke für ihren Einsatz.
    Die “Großen” machen Krieg. Die “kleinen Leute” leiden darunter. Wie immer.

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Kommentare sind geschlossen.

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