Gundula Gause: Glaube ist stabilisierend

Seit 30 Jahren steht Gundula Gause als Co-Moderatorin des „heute-Journals“ im ZDF vor der Kamera. Im Interview verrät sie, welche Nachrichten ihr besonders nahegehen.
Von PRO
Gundula Gause

Foto: ZDF/Klaus Weddig

Gundula Gause ist als Moderatorin bei den „heute“-Nachrichten, im „heute-journal update“ sowie seit 30 Jahren im „heute journal“ zu sehen.

PRO: „Und jetzt: das ‚heute-journal‘ mit Gundula Gause und …“ – die Stimme aus dem Off kündigt seit 1993 das ZDF-Nachrichtenmagazin gegen 21.45 Uhr häufig genau so an. Und hinter dem „und“ folgten viele Jahre die Namen zweier prägender Moderatoren: Wolf von Lojewski (bis 2003) und Claus Kleber (bis 2021). Immer noch sind Sie im „heute-journal“ die „Co“, und doch hat sich seit Anfang 2022 etwas für Sie verändert …

Gundula Gause: Ja, fast 30 Jahre war ich „nur Co“ – da musste eine Veränderung her. Und so bin ich Bettina Schausten, unserer ZDF-Chefredakteurin, sehr dankbar für die Chance, nun auch das „heute-journal update“ moderieren zu dürfen.

Über viele Jahre habe ich mich stark mit meinem Posten als Co-Moderatorin identifiziert, das „heute-journal“ war quasi das Auto, das ich als Co-Pilotin gut fahren konnte. Als Nachrichtenredakteurin mit Herzblut war und bin ich absolut zufrieden mit dieser Position. Diese 30 Jahre sind für mich im Rückblick allerdings auch ein Phänomen, denn einerseits ist die Zeit wie im Flug vergangen.

Und andererseits bin ich tatsächlich eine Frau, die Spaß an Kontinuität, Verlässlichkeit und Langstrecke hat. Dieses Zusammenspiel von Hauptmoderation, die auch Meinung einbringen und Dinge gewichten darf, und der sachlichen Nachrichtenposition hat ja eine eigene, spannende Dynamik. Im „heute-journal update“ nun selbst auch Interviews führen zu können, ist natürlich eine gute Ergänzung und eine schöne Herausforderung.

Zur Person

Gundula Gause, geboren 1965 in Berlin, ist seit 1989 beim ZDF tätig. Als Co-Moderatorin des „heute-journals“ feierte sie in diesem Jahr ihr 30-jähriges Jubiläum. Seit Anfang 2022 präsentiert sie zudem als eine der Moderatorinnen das „heute-journal update“, auch „heute“-Nachrichten gestaltet sie mit. Ehrenamtlich engagiert sie sich unter anderem beim katholischen Missionswerk missio. Zum 500-jährigen Reformationsjubiläum trat sie als Reformationsbotschafterin auf. Gause ist verheiratet und hat zwei Kinder.

Sie sind aktuell in gleich drei Dienstplänen vertreten. Kommt Ihnen das entgegen?

Ja, diese Varianz in der Tagesgestaltung gefällt mir schon gut. Die Randbereiche der alten, linearen Fernsehzeiten kannte ich bereits: In den 1990ern habe ich mehrere Jahre auch das ZDF-Morgenmagazin mit moderiert. Jetzt also rund um Mitternacht das „heute-journal update“.

Hochinteressant ist übrigens auch, im Tagesdienst aktuelle Entwicklungen quasi gleichzeitig mit unseren Korrespondenten zu besprechen. Die Kolleginnen und Kollegen der „heute“-Redaktion und von „ZDFheute“ verfolgen die Geschehnisse am Tag rund um die Uhr. Die Welt steht ja nie still. Und so freue ich mich, über die verschiedenen Redaktionsschichten jeweils ganz anders in die Nachrichtenlage eingebunden zu sein. 

Fernsehen ist Teamarbeit. Wir leben vom Bild, wir leben von den Geschichten unserer Korrespondenten und Reporter. In der Redaktion auf dem Mainzer Lerchenberg schauen wir sehr genau danach, was wir wie verarbeiten wollen, welche Bilder wir dem Zuschauer auch zumuten können. Es geht uns darum, auf sachlicher Ebene ausgewogen, unabhängig und kritisch zu informieren.

Wo fällt es Ihnen schwer, die Objektivität und Sachlichkeit zu wahren und angesichts oft erschütternder Bilder, die Contenance zu halten?

Wenn Gewalt unschuldige Zivilisten trifft, macht mich das immer besonders betroffen. Seit einem Jahr nun ganz besonders mit Blick auf den Krieg in der Ukraine. Ich frage mich auch, was in Selbstmord-­attentätern vorgeht, die in Moscheen ­gehen und dort im Namen des „Islamischen Staates“ Anschläge verüben. Sie reißen Gläubige in den Tod – im Moment des Gebets. Ich verstehe diese Gewalttäter nicht.

Insofern bedrückt mich jede dieser Meldungen von sinnloser Gewalt. Als ich in den ersten Tagen nach dem verheerenden Erdbeben in der Türkei und in ­Syrien Bilder sah, die zeigten, wie Menschen nach über 100 Stunden noch gerettet werden konnten, da hat es mich im Studio plötzlich heftig mitgenommen.

Zu sehen, wie nach vielen Stunden des ganz vorsichtigen Grabens an einer Stelle jemand lebend gerettet wurde, das hat mich so bewegt, dass ich mich wirklich ganz bewusst zusammenreißen musste. Und das war ja ein Glücksmoment, das war etwas Positives, eine gute Nachricht!

„Jede Meldung von sinnloser Gewalt bedrückt mich.“

Was hilft Ihnen beim Verarbeiten dieser Nachrichten, die besonders unter die Haut gehen?

Im Grunde meine Arbeit als Redakteurin im Team und im Studio. Die Auseinandersetzung mit den Themen, das Lesen und Schreiben, der Versuch, die richtigen Worte zu finden, die Vorabtelefonate mit den Korrespondenten, bei denen ich frage „Wie beginnst du deinen Bericht? Was kannst du uns erzählen?“. All das ist die Basis meiner Arbeit und trägt auch dem Verarbeiten bei.

Angesichts der zumeist erdrückenden und belastenden Nachrichtenlage hilft es mir auch, mich durch meine Ehrenämter wieder in den Einklang zu bringen. Es kann sich nur im Tun etwas bewegen. Und deshalb engagiere ich mich – auch im Bereich der Religionen. Ich empfinde meinen christlichen Glauben als etwas Stabilisierendes.

Sie setzen sich – als Protestantin – für das katholische Hilfswerk missio ein.

Ja. Bei missio sehe ich, wie Ordensleute in Afrika Gutes tun. Sie sind in persönlicher Bescheidenheit für Andere da. Im Senegal, in Südafrika und in Kenia habe ich erlebt, wie die Ordensbrüder und -schwestern dort arbeiten. In Nairobi zum Beispiel leben sie mitten im Slum. Einige junge Seminaristen begleitete ich durch den Dschungel der Slumhütten zu einer großen Kinderfamilie, die ohne Eltern, aber mit einer aidskranken Tante in einer der zehntausenden Wellblechhütten lebte.

Gemeinsam stellten sie sich mit den Kindern im Kreis auf und beteten das ­Vaterunser, mit den Händen zum Himmel. Da hat man Gemeinschaft gespürt. Sie haben nicht nur Mut zugesprochen, Lebensmittel und Medizin gebracht, sondern den Kindern auch Interesse geschenkt und Anerkennung gegeben. Das hat etwas sehr Sinnstiftendes.

Wenn Sie Dienst haben …

… dann bin ich quasi rund um die Uhr online. Ich lese viel Zeitung, im Netz  – und höre darüber hinaus am laufenden Band Radio: Deutschlandfunk oder hr-info. Auch wenn ich das späte „heute-journal“ update moderiere, bin ich ab dem späten Vormittag in Kontakt mit der Redaktion.

Inwiefern hat sich Ihr Arbeitsalltag im Laufe der Jahrzehnte verändert?

Wir stecken in einem irren Wirbel. Die Digitalisierung nimmt immer wieder neuen Anlauf, bekommt regelmäßig neuen Schwung. Zum Beispiel, wenn wir jetzt sehen, was mit ChatGPT (ein Chatprogramm, hinter dem eine Künstliche Intelligenz steckt; Anm. d. Red.) möglich ist. Wir arbeiten beim ZDF schon seit Jahren mit digitalen Systemen, in einem digitalen Studio, mit digitalen Workflows, um Bildmaterial zu erhalten oder Schalten zu machen.

Die Pandemie hat dann noch einmal einen neuen Dreh gebracht: So schalten wir Gesprächspartner seither nicht nur per Satellit ins Nachrichtenstudio, sondern auch über verschiedene Plattformen. Das organisieren die Kolleginnen und Kollegen von Produktion und Technik perfekt – und ich freue mich am Ende immer wieder, dass sie aus meiner Sicht Unmögliches möglich machen.

Ein Trend im Medienjournalismus ist es, Geschichten fast nur noch mit ­Bildern zu erzählen. Der Text ist dann sehr reduziert. Bleibt da eine kritische, ausgewogene Berichterstattung nicht auf der Strecke?

Hier verändert sich tatsächlich etwas, auch und vor allem im Zusammenspiel der Generationen. Es gab ja zuvor schon „Reverse Mentoring“. Wenn zum Beispiel der Azubi dem Chef erklärt, wie der Online-Auftritt besser funktionieren würde oder wie man über Instagram und andere Kanäle neue Kunden gewinnen könnte. Und das dreht sich jetzt alles immer noch schneller.

Es ist unsere Aufgabe, junge Kolleginnen und Kollegen zu gewinnen, die dann über Volontariate, Praktika und Hospitanzen unsere Form von kritischem Journalismus erlernen. Denn oberstes Gebot bleibt für uns eine ernsthafte, tiefgründige, unabhängige Befassung mit Inhalten. Es geht darum, den Dingen mit Kenntnissen und kritischer Distanz auf den Grund zu gehen, sich nicht vereinnahmen zu lassen von irgendeiner Seite. Es geht darum, immer nochmal anders zu denken, um auch verschiedene Aspekte in einem großen Geschehen beleuchten zu können.

Wo sehen Sie in diesem Zusammenhang die Nachrichtensendungen des öffentlich-rechtlichen Fernsehens besonders gefordert?

Die Welt ist schon hochkomplex und wird in diesen Jahren noch komplexer. Die Gesellschaft verändert sich und wird immer heterogener. Im westlichen Europa gab und gibt es über Jahrzehnte Strukturen, die funktionieren, die tragfähig sind. Wir leben in der EU und insbesondere in Deutschland in einer Zeit des sozialen Friedens, des Wohlstands, eines guten gesellschaftlichen Miteinanders.

Diesen gesellschaftlichen Frieden gilt es zu erhalten. Wir bemühen uns, diese komplexe Realität sachlich und umfassend darzustellen, zu erklären, und verschaffen vielen Seiten Gehör, bringen sie miteinander ins Gespräch. Damit leistet, meine ich, das öffentlich-rechtliche System einen Beitrag zur Stabilisierung der Demokratie.

Vielen Dank für das Gespräch!

Von: Claudia Irle-Utsch

Das Interview mit Gundula Gause erschien zuerst in der Printausgabe von PRO. Bestellen Sie das Magazin kostenlos online.

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