Der gesellschaftliche Zusammenhalt in Deutschland hat sich nach einem deutlichen Einbruch wieder erholt. Zugleich bleiben das Vertrauen in die Bundesregierung und das Gerechtigkeitsempfinden schwach. Der Religionsmonitor 2026 der Bertelsmann Stiftung zeigt zudem: Religiosität geht vielfach mit höheren Zusammenhaltswerten einher – allerdings unterscheiden sich die Befunde zwischen den Religionsgemeinschaften deutlich.
Der gesellschaftliche Zusammenhalt hat sich verbessert. Das ist ein zentrales Ergebnis des Religionsmonitors 2026 der Bertelsmann Stiftung. Der Gesamtindex für gesellschaftlichen Zusammenhalt stieg von 46 Punkten im Jahr 2023 auf 51 Punkte 2026. Damit liegt er allerdings noch unter den Werten von 54 Punkten 2017 und 55 Punkten 2020. Ob der Anstieg eine dauerhafte Trendwende einleitet, müssten künftige Erhebungen zeigen, schreiben die Autoren Yasemin El-Menouar und Klaus Boehnke.
Für die repräsentative Erhebung wurden 5.231 Personen im Alter ab 18 Jahren online befragt. Die Befragung führte das infas Institut für angewandte Sozialwissenschaft im März 2026 im Auftrag der Bertelsmann Stiftung durch. Der gesellschaftliche Zusammenhalt wird mit einem Kurzindex aus neun Indikatoren gemessen. Diese bilden soziale Beziehungen, die Verbundenheit mit dem Gemeinwesen und die Gemeinwohlorientierung ab.
Der Index reicht von 0 bis 100 Punkten; die Marke von 50 Punkten bildet die rechnerische Mitte der Skala, ist aber ausdrücklich keine empirisch bestimmte Grenze zwischen starkem und schwachem Zusammenhalt. Für den Zeitvergleich wurden die Daten früherer Erhebungen von 2017, 2020 und 2023 mit demselben Kurzindex neu berechnet.
Evangelische erreichen höchsten Wert
Ein Schwerpunkt des Religionsmonitors liegt auf der Frage, welche Rolle Religion für den gesellschaftlichen Zusammenhalt spielt. Dabei zeigen sich Unterschiede nach Religionszugehörigkeit. Evangelische Befragte erreichen durchschnittlich 55 Punkte, katholische 53 Punkte, Konfessionslose 49 Punkte und muslimische Befragte 46 Punkte. Der Durchschnitt der Gesamtbevölkerung beträgt 51 Punkte.
Die Unterschiede nach Religionszugehörigkeit erklären für sich genommen bisher nicht, welche Faktoren hinter den unterschiedlichen Zusammenhaltswerten stehen. In einem weiteren Analyseschritt untersucht die Studie deshalb, wie Religionszugehörigkeit und Religiosität mit dem Zusammenhalt zusammenhängen, wenn zusätzlich soziodemografische, sozioökonomische und politische Merkmale berücksichtigt werden.
Auch nach Religiosität zeigen sich Unterschiede. Wenig oder gar nicht religiöse Menschen erreichen durchschnittlich 49 Punkte, mittelreligiöse 53 Punkte und hochreligiöse 52 Punkte. Die Studie stellt auch unter Berücksichtigung weiterer Merkmale einen positiven statistischen Zusammenhang zwischen Religiosität und gesellschaftlichem Zusammenhalt fest.
„Entscheidend ist dabei offenbar weniger die bloße Zugehörigkeit zu einer Religionsgemeinschaft als die gelebte religiöse Praxis und die soziale Einbindung“, erklärte Studienautorin Yasemin El-Menouar. Religiosität sei damit auch in einer zunehmend säkularen Gesellschaft eine „relevante soziale Ressource“.
Besonders hohe Werte bei hochreligiösen Evangelischen
Innerhalb der christlichen Konfessionen fällt der Zusammenhang zwischen Religiosität und Zusammenhaltswerten deutlich aus. Bei evangelischen Befragten steigt der Gesamtindex von 50 Punkten bei wenig oder gar nicht Religiösen über 55 Punkte bei Mittelreligiösen auf 61 Punkte bei Hochreligiösen.
Unter katholischen Befragten steigt der Gesamtindex entsprechend von 46 über 54 auf 56 Punkte. Bei hochreligiösen Evangelischen erreicht die Gemeinwohlorientierung 65 Punkte, bei Katholiken liegt sie mit 56 Punkten deutlich niedriger.
Die Ergebnisse passen nach Einschätzung der Autoren zu früheren Untersuchungen, wonach religiöse Einbindung soziale Beziehungen, Vertrauen und Engagement fördern kann. Einen einheitlichen Effekt von Religiosität über alle Religionsgemeinschaften hinweg zeigen die Daten jedoch nicht.
Das wird besonders bei muslimischen Befragten sichtbar. Ihr Gesamtindex liegt bei wenig oder gar nicht Religiösen bei 47 Punkten, steigt bei Mittelreligiösen auf 49 Punkte und fällt bei Hochreligiösen auf 45 Punkte.
Gleichzeitig steigt bei muslimischen Befragten die Gemeinwohlorientierung mit zunehmender Religiosität: von 46 über 50 auf 52 Punkte. Ein anderes Muster zeigt die Verbundenheit mit dem Gemeinwesen. Sie sinkt von 46 Punkten bei wenig oder gar nicht religiösen Muslimen über 42 Punkte bei Mittelreligiösen auf 28 Punkte bei Hochreligiösen.
Die Autoren diskutieren dafür mehrere mögliche Erklärungen. Dazu gehören die Minderheitenposition muslimischer Menschen, Diskriminierung und mangelnde gesellschaftliche Anerkennung sowie eine stärkere Orientierung an der eigenen religiösen Gemeinschaft. Gegen eine einfache Abschottungsthese spreche jedoch, dass muslimische Religiosität zugleich positiv mit sozialen Beziehungen und Gemeinwohlorientierung verbunden sei.
Soziale Beziehungen erholen sich
Besonders deutlich verbessert haben sich die sozialen Beziehungen. Ihr Indexwert war von 61 Punkten 2020 auf 49 Punkte 2023 gesunken. Im Jahr 2026 erreicht er wieder 57 Punkte. Das zwischenmenschliche Vertrauen liegt ebenfalls bei 57 Punkten, die Akzeptanz gesellschaftlicher Vielfalt bei 55 Punkten. Das Niveau vor dem Einbruch ist damit noch nicht überall wieder erreicht.
Auch die Gemeinwohlorientierung fällt mit 53 Punkten vergleichsweise hoch aus. Das freiwillige Engagement hat gegenüber 2023 zugenommen. Der entsprechende Indexwert für Solidarität und Hilfsbereitschaft stieg von 23 auf 33 Punkte. Das politische Interesse, das im Kurzindex als Indikator gesellschaftlicher Teilhabe dient, erreicht 65 Punkte und damit den höchsten Wert im untersuchten Zeitraum.
Anders sieht es bei der Verbundenheit mit dem Gemeinwesen aus. Sie stagniert bei 44 Punkten. Das Vertrauen in die Bundesregierung liegt wie 2023 bei lediglich 37 Punkten. Noch schwächer fällt das Gerechtigkeitsempfinden aus: Mit 25 Punkten erreicht es den niedrigsten Wert im untersuchten Zeitraum. Der dafür verwendete Indikator erfasst die Zustimmung zu der Aussage, dass wirtschaftliche Gewinne in Deutschland im Großen und Ganzen gerecht verteilt würden .
Die Bertelsmann Stiftung sieht die zentrale Herausforderung deshalb weniger in einem allgemeinen Zerfall des sozialen Miteinanders als in einem anhaltenden Misstrauen gegenüber der Politik und einem wachsenden Ungerechtigkeitsgefühl. Stiftungsvorstand Andreas Pinkwart spricht in einer Pressemitteilung von einem belasteten Verhältnis zwischen Staat und Bürgern und fordert ein „neues konstruktives Miteinander“.
Unterschiede zwischen den Bundesländern
Auch regional unterscheiden sich die Ergebnisse. Hamburg erreicht mit 58 Punkten den höchsten Zusammenhaltswert, Sachsen-Anhalt mit 45 Punkten den niedrigsten. Vier der fünf ostdeutschen Flächenländer liegen unter der rechnerischen Skalenmitte von 50 Punkten.
Die Studie mahnt allerdings zu einer differenzierten Betrachtung. Mecklenburg-Vorpommern erreicht 51 Punkte und damit denselben Wert wie Niedersachsen, Nordrhein-Westfalen und Baden-Württemberg. Die meisten Bundesländer bewegen sich in einem vergleichsweise engen Bereich zwischen 48 und 52 Punkten.
Gemeinden können Brücken bauen
Die Bertelsmann Stiftung leitet aus den Ergebnissen drei zentrale Handlungsfelder ab: das geschwächte Vertrauen in politische Institutionen, die Bedeutung sozialer Beziehungen und gemeinschaftlichen Engagements sowie die gesellschaftliche Anerkennung religiöser Gruppen.
Politik und Verwaltung sollten Entscheidungen nachvollziehbarer erklären und Möglichkeiten wirksamer Beteiligung schaffen. Gleichzeitig sollten Orte gefördert werden, an denen Menschen unterschiedlicher Herkunft, Religion, Generationen und sozialer Milieus einander begegnen. Die Studie nennt unter anderem Nachbarschaftszentren, Bibliotheken, Kultur- und Jugendzentren, Sportvereine, Schulen, Wohlfahrtsverbände und religiöse Gemeinden.
Die Daten zeigen einen positiven Zusammenhang zwischen Religiosität und gesellschaftlichem Zusammenhalt, der auch unter Berücksichtigung weiterer sozialer und demografischer Faktoren bestehen bleibt. Nach Einschätzung der Autoren können Religionsgemeinschaften soziale Beziehungen und Engagement fördern. Für den gesamtgesellschaftlichen Zusammenhalt ist dabei entscheidend, dass zur Bindung innerhalb der eigenen Gemeinschaft auch Kontakte und Brücken zu anderen gesellschaftlichen Gruppen kommen.