„Glaube trainiert das Gehirn ganzheitlich“

Die Neurowissenschaftlerin Maria Brasser richtet den Blick auf Chancen und die Herausforderungen, denen das Gehirn im modernen Alltag ausgesetzt ist. Sie ist überzeugt: Der Glaube gehört zu den kraftvollsten Ressourcen für ein gesundes Gehirn.
Von Jörn Schumacher
Maria Brasser beschäftigt sich wissenschaftlich intensiv mit dem Gehirn und hilft Menschen, es in verschiedenen Lebensphasen fit zu halten


PRO: Sie sind „Hirncoach“. Was ist das?

Maria Brasser: Während meines Doktorats empfahl man mir das Gehirnjogging-Programm der Uni Bern. Die Neurowissenschaftlerin Barbara Studer, die dort tätig war, hatte die Idee, das Wissen aus unserer Forschung in den Alltag von Menschen zu bringen. Wir fingen an, parallel zur Forschungsarbeit Menschen in ihrer Hirngesundheit zu unterstützen. Es fing mit der Arbeit mit älteren Menschen an, inzwischen übernehmen wir aber auch Schülerinnen und Schüler und gehen in Unternehmen.

Die WHO hat gezeigt: Viele Menschen investieren in die Gesundheit ihres Körpers, aber nicht unbedingt in ihre Hirnfunktionen. Da sahen wir eine Lücke und wir entwickelten verschiedene Impulse und Übungen für den Alltag, und das sehr ganzheitlich. Es nützt nichts, einen Faktor, wie das Gehirnjogging, allein zu unterstützen. Das Gehirn ist sehr anspruchsvoll, man muss es entsprechend ganzheitlich anregen. Unsere Programme sind sehr spielerisch, man darf viel knobeln und kreativ werden.

Welche Rolle spielt der Glaube für Sie?

Von meiner Kindheit an gehörte der Glaube immer zum Alltag dazu – wir gingen in die Kirche, es gab Jugendfreizeiten. Als Teenager hatte ich gewisse Glaubenskonflikte, aber ob es Gott gibt oder nicht, war nie eine Frage. Er war immer in meinem Alltag sichtbar. Auch im Studium wurde der Glaube stark hinterfragt, aber mir wurde klar, dass die Uni nicht die Aufgabe hat, Gott zu begründen; sie erklärt, wie die Dinge sind, nicht, warum die Dinge sind. Ich lernte viele gläubige Wissenschaftler kennen, und ich merkte: Glaube und Wissenschaft müssen kein Widerspruch sein. Im Gegenteil, an dieser Schnittstelle entsteht sehr viel Wunderbares!

Können Sie ein Beispiel nennen?

Forscher untersuchen immer wieder die Frage, welche Faktoren für ein langes, gesundes und glückliches Leben nötig sind. Ein Hauptfaktor ist tatsächlich der Glaube! Das wird oft vernachlässigt. Kirchgänger haben ein gemeinsames Ziel, man singt miteinander, es gibt enorm viel sozialen Austausch, man ist in Bewegung, verlässt immer wieder die eigene Komfortzone, bekommt neuen Input und man betet. Das alles ist eigentlich das beste Gehirntraining überhaupt! Einsamkeit ist schlechter für einen Menschen als eine Schachtel Zigaretten am Tag.

Kirchen haben viele Komponenten, die dem besonders entgegenwirken. Ich sehe hierin eine Aufgabe, den Kirchen zu sagen, welche wunderbaren Tools für mentale Gesundheit sie haben. Heutzutage werden Milliarden für die Erforschung der Frage ausgegeben, wie wir gesund alt werden können. Studien zeigen: Gläubige sind gegenüber Nichtgläubigen nur zu einem Drittel so anfällig für Depressionen. Eine spirituelle Gesundheit gehört zu einer körperlichen Gesundheit dazu!

Hier geht es ja um die sekundären Auswirkungen des Glaubens – also etwa Besuche einer Kirchengemeinde. Spielen auch direkte Auswirkungen eines spirituellen Erlebens eine Rolle in Ihrer Arbeit?

Im Gehirn gibt es das „Fokus-Netzwerk“, das die Aufmerksamkeit steuert, und das „Default Mode Netzwerk“ oder „Traum-Netzwerk“. Letzteres wird aktiv, wenn wir loslassen und zum Beispiel tagträumen. Wir sind dann zwar entspannt, es passiert aber viel im Gehirn. Viele Areale verbinden sich miteinander, in diesem Modus sind wir kreativ, es kommt zu klassischen Aha-Momenten. Gläubige können sehr gut in dieses „Default Mode Netzwerk“ eintauchen, indem sie zum Beispiel beten. Glaube kann wie eine gute Hirnmassage wirken, denn er aktiviert es ganzheitlich. Bei unserem Hirn-Training geht es darum, nicht nur einen Faktor zu trainieren, sondern ganzheitlich. Glaube macht genau das.

Schädel mit Gehirn, Hirnfunktionen Foto: David Matos
„Das Gehirn liebt es, zu denken, selbst zu gestalten und selbst Fehler zu machen.“


Gibt es da Überschneidungen zu Meditation?

Das stimmt, es gibt ähnliche Studien zu Meditation, Achtsamkeit und verschiedenen Religionen. Grundsätzlich scheint jede Form von Spiritualität einen positiven Einfluss auf das Gehirn zu haben. Da geht es darum zu trainieren, bei sich zu sein und zu bleiben. Forschungen zeigen, dass in einer buddhistischen Meditation, die einen Zustand der geistigen Trennung vom Körper anstrebt, der Präfrontalkortex fast nicht mehr aktiv ist. Diese Region im Stirnhirn ist so etwas wie der „Manager“, der alles kontrolliert. Das limbische Zentrum hingegen ist dann sehr aktiv, das für Emotion zuständig ist.

Bei Muslimen ist der Präfrontalkortex häufig sehr stark aktiv, das deutet auf eine sehr starke Regulierung hin. Beim Christentum zeigte sich, dass es so etwas wie das Beste aus beidem zu sein scheint: Einerseits ist der Präfrontalkortex leicht aktiv – das entspricht meiner Meinung nach dem göttlichen Willen, dass wir immer noch selbst Einfluss nehmen und alles steuern können, beim Beten treten wir geistig nicht völlig weg.

Auf der anderen Seite steht das limbische Zentrum für Emotionen, die ja eine wunderbare Kraft darstellen. Wir sind mit Emotionen erschaffen worden, daher ist es völlig natürlich, dass wir eine breite Palette an Emotionen haben. Wenn wir das unterdrücken würden, würde uns diese große Vielfalt abhandenkommen. Bei Christen ist häufig auch der Bereich zwischen dem Präfrontalkortex und dem limbischen System aktiv, der Anterior Cingulare Cortex, damit beide Regionen gut zusammenarbeiten.

Was ist Ihrer Erfahrung nach das häufigste mentale Problem bei den Menschen heutzutage?

Viele verweisen hier auf die Informationsüberflutung, die immer stärker wird. Das hat ja sekundäre Auswirkungen: Schlaflosigkeit, Konzentrationsschwierigkeiten und Überlastung. In der Arbeitswelt beruht mittlerweile jede dritte Krankschreibung auf psychischen Problemen. Man kann irgendwann mit der Informationsflut nicht mehr umgehen. Nun kommt Künstliche Intelligenz hinzu, bei der wir kognitive Prozesse quasi auslagern. Das Gehirn liebt es aber zu denken, selbst zu gestalten und auch selbst Fehler zu machen! Das ist sehr wichtig für das Gehirn.

Kommt in dieser Beziehung also noch mehr auf uns zu?

Absolut. Studien zeigen jetzt schon, dass Menschen, die ohne KI aufgewachsen sind, jetzt schon einen Vorteil gegenüber Jugendlichen haben, die KI stets im Alltag gebrauchen. Lernen bedeutet nichts anderes als kognitive Strukturen im Gehirn anzulegen – das kann man messen, etwa in Form von grauer Substanz im Gehirn. Abgesehen von KI ist Social Media ein riesiges Problem. Bei Jugendlichen ist das Gehirn ja noch im Auf- und Umbau begriffen, und hier werden bereits Süchte aufgebaut. Die Aufmerksamkeitsspanne wird immer kürzer. Multitasking entspricht überhaupt nicht der Arbeit des Gehirns. Es muss die ganze Zeit filtern und priorisieren. Das verbraucht Energie, die ihm woanders fehlt, es geht uns insgesamt schlechter.

Was sagen Sie zur Diskussion um ein Verbot von Smartphones in Schulen?

Ich wünschte mir, es müsste gar kein Verbot geben, weil die Aufklärung gut genug ist. Es sollte in den Schulen neben Aufklärung auch starke Regeln geben. Denn kaum liegt das Handy auf dem Tisch, ist die Aufmerksamkeit schon geteilt. Bei uns in der Schule gibt es einen Handy-Parkplatz, einen Korb, in den zu Beginn des Unterrichts alle Handys hineinkommen. Wenn es nach mir ginge, sollten Handys aber gar nicht erst in die Schule mitgebracht werden. Denn auch in der Pause sind die Schüler oft nur am Handy, anstatt sich mit den Mitschülern zu unterhalten und ja, auch zu streiten.

Vielen Dank für das Gespräch!

Dr. Maria Brasser ist Mitgründerin der „Hirncoach AG“ (hirncoach.ch), einem Start-up der Universität Bern. Es vermittelt Einzelpersonen und Organisationen wissenschaftlich fundierte Kenntnisse und Methoden, um das Gehirn in verschiedenen Lebensphasen fit zu halten. Außerdem ist die Mutter dreier Kinder Lehrerin an einem Gymnasium. Brasser studierte unter anderem Soziologie und Philosophie sowie Psychologie mit Schwerpunkt Neurowissenschaften. Sie promovierte in kognitiven und affektiven Neurowissenschaften und forschte zu Depressionen bei Kindern und zur Demenzprävention bei älteren Menschen.

Der Artikel ist erstmals in der Ausgabe 2/2026 des Christlichen Medienmagazins PRO erschienen. Das Heft können Sie hier kostenlos bestellen.


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