Grafitti mit politischen Botschaften in Beirut

Grafitti mit politischen Botschaften in Beirut

„Die Zahl der Christen im Libanon wird schrumpfen“

Vier Monate nach der Detonation in Beirut blicken die Menschen sorgenvoll in die Zukunft. Lukas Reineck vom Christlichen Hilfsbund im Orient hat das Land gerade besucht – und prognostiziert ein schwieriges neues Jahr.

pro: Am 4. August 2020 kam es in Beirut zu einer Explosion von 2750 Tonnen Ammoniumnitrat. Dadurch entstanden Schäden im Umkreis mehrerer Kilometer, viele Menschen verloren ihr Zuhause oder ihre Arbeit. Wie hat sich die Situation generell in Beirut dadurch verändert?

Lukas Reineck: Im Libanon kamen mehrere Ereignisse zusammen. Neben der Detonation war da auch der Start der Revolution im Oktober 2019, mit der man eine Änderung des korrupten Regierungssystems herbeiführen wollte. Die Menschen sind zum ersten Mal gemeinsam als Libanesen auf die Straße gegangen, um als Einheit gegen die Missstände zu demonstrieren. Durch die Detonation und deren Auswirkungen ist der Geist dieser Revolution verpufft. Trotz Aufräumarbeiten sind viele Menschen aufgrund der wirtschaftlichen und politischen Lage hoffnungslos.

Hat diese Katastrophe die Menschen im Land eher zusammengeführt oder eher gespalten?

Am Anfang hat es sie auf jeden Fall zusammengeführt. Es gab einen großen Spirit der Solidarität unter den Menschen.

Hat es auch dazu beigetragen, konfessionelle Grenzen zu überwinden?

Ja, definitiv. Es hat geholfen, konfessionelle Grenzen zu überwinden und sich als Libanesen zu verstehen. Gemeinsam haben Muslime und Christen, die Beirut bewohnen, die Stadt wieder aufgebaut.

Ist dieses Verständnis noch vorhanden?

Das wird sich zeigen. Der Wille in der Bevölkerung ist da, aber eben nicht bei der Regierung. Diese hat nach der Detonation nichts getan, die Ermittlungen gehen nicht voran. Die Regierung interessiert sich nicht für Aufklärungsarbeiten, sodass nach fast fünf Monaten immer noch keine Klarheit herrscht, wie es zu dieser schrecklichen Katastrophe kommen konnte. Hinter vorgehaltener Hand sagen manche Leute, dass es vielleicht einen neuen Bürgerkrieg geben wird. Das will keiner hoffen, aber ganz ausgeschlossen ist es natürlich nicht.

Wie äußert sich die Unzufriedenheit der Menschen mit der politischen Instabilität im Land?

Das Regierungsviertel ist komplett abgeriegelt. Rundum befindet sich jetzt eine Stahl- beziehungsweise Betonmauer, darauf sind Graffiti mit politischen Botschaften der Demonstranten zu sehen. Aber momentan gibt es nicht mehr so große Proteste wie zu Beginn der Revolution. Die Leute sind einfach müde geworden. Der Geist des Zusammenhalts ist verpufft, jeder schaut nur noch, wie er selbst vorankommt. Man geht davon aus, dass es 2021 noch schlimmer wird – auch durch Corona.

Wie hat sich Corona explizit auf Ihre Arbeit im Hilfsprojekt ausgewirkt?

Es war herausfordernd im Zusammenhang mit der Bildungsarbeit, die wir in dem armenisch-evangelischen Internat machen. Wir hatten nicht genügend Laptops, sodass die Kinder teilweise zu zweit oder dritt davor saßen. Dadurch konnte der Stoff natürlich nicht so gut vermittelt werden wie in einer normalen Unterrichtsstunde. Auch konnten nicht immer alle Hygienemaßnahmen eingehalten werden. Das kann im täglichen Kampf ums Überleben untergehen. Es gibt so viele Alltagssorgen. Viele Kinder wurden während des Lockdowns auch wieder zu ihren Familien geschickt, wo sie oft in schwierigen Verhältnissen leben.

Was benötigt der Libanon am dringendsten für die Zukunft, um wieder Stabilität ins Land zu bringen?

Eine Idealvorstellung für den Libanon wäre natürlich ein unabhängiger Kandidat als Premierminister, der das Land von Korruption befreit. Der es auch schafft, eine Perspektive auf Arbeit und zum Bleiben für die Menschen zu schaffen. Die mediale Aufmerksamkeit ist weniger geworden und ich glaube, für die Menschen ist es wichtig, dass sie nicht vergessen werden und man für sie betet.

Wie geht es den Christen im Libanon aktuell?

Die Christen im Libanon schauen schon oft Richtung Westen: Was macht der Westen? Wo können wir Hilfe bekommen? Wo haben wir Beziehungen? Sie sehen die Entwicklung des Landes im kommenden Jahr kritisch. Da viele Christen Kontakt in den Westen haben, wird es in den nächsten Jahren definitiv Auswanderungen geben. Die Zahl der Christen im Libanon wird schrumpfen.Und das ist schade, weil der Libanon ohne die christliche Kultur noch ein ganzes Stück ärmer sein wird.

Vielen Dank für das Gespräch!

Die Fragen stellte Laura Kühn.

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