Hassan Dicks ist leidenschaftlich gern Pastor

Hassan Dicks ist leidenschaftlich gern Pastor

Der Prinz, der lieber Pastor sein will

Es klingt wie aus einem Märchen: Ein Prinz entscheidet sich gegen den Thron, um bei seiner großen Liebe zu sein. Damit ist nicht seine Frau gemeint, sondern die Kirche. Genauer: die Kirche in Nigeria, die regelmäßig von Gewalt erschüttert wird. Ein Pastor zwischen Kämpfenden: Hassan Dicks.

Eine gewisse Leichtigkeit hat sich Hassan Dicks immer behalten, obwohl es in seiner Vergangenheit viele schwere Zeiten gab. Der 48-Jährige lächelt viel, drängelt sich nicht in den Vordergrund und spricht mit ruhiger Stimme. Er stammt aus der Gegend um die Millionenstadt Jos im Zentrum Nigerias. Dort sind er und seine Familie fest verwurzelt. 17 Jahre lang leitete er als Pastor eine protestantische Gemeinde. Seine „Community“, Familie und Gemeindemitglieder, sind von Terror und Gewalt gebeutelt. Er hat die Konflikte selbst erlebt, ihre Opfer oder deren Angehörige betreut.

Dabei sah es zu Beginn seines Lebens nicht danach aus, als sei er für die Rolle des Hirten und Gottesmannes bestimmt gewesen. Hassan Dicks ist ein Prinz; er hätte eigentlich herrschen sollen.

Die nigerianische Gesellschaft ist zu einem großen Teil in Clans organisiert. Ein Clan ist mehr als eine Familie. Alle Mitglieder verbindet zwar ein familiäres Band, doch das reicht oft viele Generationen zurück. Sie leben in Dörfern von einigen hundert Einwohnern. Die Clanmitglieder gehören in der Regel derselben Religion an; deswegen gibt es einige „christliche Dörfer“. Extremisten wissen darum und greifen solche Orte gezielt an. Der Glaube ist in Nigeria keine Privat­sache. Er entscheidet über soziale Zugehörigkeit und manchmal über das nackte Überleben.

Dicks’ Dorf ist – wie viele im nördlichen Zentralnigeria – mehrheitlich christlich. Missionare hatten den Glauben in die Region gebracht und Dicks’ Vater, zu Lebzeiten König in der Region, hatte sich bekehrt. Nach dem Tod des Königs hätte Dicks dessen Nachfolger werden sollen. Doch er lehnte den Thron ab, der zugleich eine Existenzsicherung bedeutet hätte. Der König ist von Status und Bedeutung etwa mit einem Landrat vergleichbar. Alle Könige benachbarter Clans und Dörfer formen ein Komitee, das für ihren „Wahlkreis“ einen Regionalkönig wählt. In die Politik zog es Dicks nicht – er wollte lieber Pastor sein. Seit seiner eigenen Bekehrung versteht er das Hirtenamt als seine Berufung von Gott.

In seiner nigerianischen Gemeinde kümmert sich Hassan Dicks um Witwen, Kriegsgeschädigte und Hungernde

In seiner nigerianischen Gemeinde kümmert sich Hassan Dicks um Witwen, Kriegsgeschädigte und Hungernde

Beide Ämter zu vereinen, kam für Dicks nicht in Frage. „Die Krönung und das Amt sind mit bestimmten animistischen Riten verbunden, die mit der christlichen Lehre nicht vereinbar sind“, sagt er. Animismus ist ein Sammelbegriff für religiöse Überzeugungen, die voraussetzen, dass Dinge der Natur – etwa Tiere oder Felsen – beseelt oder Wohnsitz von Geistern sind. Auch verstorbene Ahnen spielen oft eine wichtige Rolle. Mit ihnen kann man kommunizieren, gern wollen sie besänftigt oder respektiert werden. Der König soll hier Vorbild sein, zumindest aber auch solche Stammesmitglieder repräsentieren, die den animistischen Traditionen anhängen.

„Die Tradition erwartet von einem, dass man sich als König mit bestimmten Riten und Talismanen gegen die Geister schützt. Als Christen glauben wir aber, dass es Jesus Christus ist, der uns vor Übel bewahrt“, erzählt Dicks. Das genüge ihm. Die theologischen Bedenken seien nicht die einzigen gewesen, die zu seiner Entscheidung gegen den Thron führten. „Meine Frau war strikt dagegen“, sagt er und lacht, wird danach aber direkt wieder ernst. „Ein König hat das Recht, beliebig viele Frauen zu haben, die er will, ob von den Prinzessinnen oder den Jungfrauen. Als Christen glauben wir aber, dass Gott uns dazu bestimmt, unser Leben mit einer Frau zu teilen.“ Seit sein Vater Christ geworden sei, habe auch er sich daran gehalten. Der starb vor drei Jahren – statt Dicks hat dessen Cousin den Königsthron übernommen.

Träume vom Jüngsten Gericht

Dicks wuchs als Muslim auf. Christ ist er, seit er 22 Jahre alt ist. Ein Traum habe ihn zum christlichen Glauben geführt, sagt der Pastor.

In dem Traum habe er das Jüngste Gericht gesehen: „Da standen Menschen aller Farben in einer Reihe – ich konnte auch meine Eltern sehen. Nacheinander mussten alle auf einen Stein auf einer Türschwelle treten. Darunter war eine Sprungfeder, die manche nach links, manche nach rechts geschleudert hat. Meine Eltern waren vor mir dran. Sie kamen auf die rechte Seite. Dort war es so gleißend hell, dass man kaum sehen konnte, wer dort stand. Dann war ich dran. Ich kam nach links.“ Dicks’ Stimme senkt sich, er flüstert fast: „Das war ein Ort des Höllenfeuers.“ Dicks konnte nicht verstehen, wieso er auf dieser Seite landete, bis eine Stimme zu ihm sprach. „Sie rief mich beim Namen und sagte: ‚Hassan, weil du mich verachtet hast.‘ Ich konnte nur sagen: ‚Ich tue alles, was du willst, wenn du mich von diesem Ort wegnimmst.‘“ Als er aufwachte, konnte er zunächst nichts mit dem Traum anfangen. Also schrieb er alles auf und suchte Hilfe bei dem damaligen Pastor, der den Traum für ihn interpretierte. Demnach sei es die Stimme Gottes gewesen, die zu ihm gesprochen habe. Der Stein habe für Jesus Christus gestanden. Dicks entschied sich daraufhin, Gott sein Leben zu widmen. „Ich brach sofort mein Studium ab – ich studierte damals Biologie und Geographie –, um ans theologische Seminar zu gehen und Pastor zu werden.“

Die Kirche und die Gewalt

Seit er im Pastorenamt ist, hat Dicks die religiösen Konflikte zwischen Christen und Muslimen, die Nigeria zerreißen, hautnah miterlebt. In der Außenwahrnehmung sind es vor allem zwei Gruppen, die als Aggressoren gelten: Die radikalislamische Terrormiliz Boko Haram, die in Nigeria einen Gottesstaat nach ihren Vorstellungen ausrufen möchte, und die Volksgruppe der Fulani – ein nomadisches, mehrheitlich muslimisches Hirtenvolk. Nach innen verschwimmen die Grenzen jedoch. „Wir wissen zum Beispiel nicht, ob die Fulani mit Boko Haram zusammenarbeiten oder nicht“, sagt Dicks. Es sei schwierig, in anderen Kategorien zu denken als „Christen“ gegen „Muslime“.

Im Jahr 2001 erlebte Dicks erstmals selbst einen Zusammenstoß zwischen beiden Religionsgruppen, lange bevor Organisationen wie Boko Haram ein klares Profil herausgebildet hatten. Damals befand sich die Stadt Jos praktisch im Kriegszustand. Zwei Jahre zuvor war Nigeria demokratisiert worden; seitdem waren radikalislamische Gruppen auf dem Vormarsch. Christen und Muslime kämpften in den Straßen von Jos und Dicks steckte im muslimischen Teil der Stadt fest. Dort gab es Leute, die ihn kannten, die wussten, dass er Pastor war. „Normalerweise wäre ich dafür direkt getötet worden“, sagt Dicks. „Eine christliche Führungsperson umzubringen ist eine Art Verdienst. Aber diese Muslime versteckten mich und schmuggelten mich in einem Auto aus der Stadt. Zu meiner Überraschung töteten dieselben Leute später andere Christen. Ich glaube, mich haben sie nur gerettet, weil sie mich persönlich kannten. Dass meine Retter später zu Mördern meiner Brüder und Schwestern wurden, war eine hässliche Erfahrung.“

Für Hassan Dicks (Mitte) sind die Ursachen der kriegerischen Auseinandersetzungen in Nigeria komplex. Dennoch sei es schwierig, in anderen Kategorien zu denken als „Christen“ gegen „Muslime“.

Für Hassan Dicks (Mitte) sind die Ursachen der kriegerischen Auseinandersetzungen in Nigeria komplex. Dennoch sei es schwierig, in anderen Kategorien zu denken als „Christen“ gegen „Muslime“.

Solche Zeichen der Milde zwischen den Kämpfenden, wie er sie erlebte, hält Dicks nach fast zwei Jahrzehnten Feindschaft und Entfremdung nicht mehr für möglich. „Das war der allererste Tag des Konflikts. Massentötungen gab es erst am Tag darauf. Unser Sohn war damals zwei Jahre alt.“ Seine Frau suchte mit ihm Schutz auf einer Militärbasis. Dicks blieb wie viele Männer zurück, um das Haus zu bewachen. „Sie hätten es sonst niedergebrannt. Das war nur etwa eine Woche nach den Anschlägen auf das World Trade Center in den USA. Viele Christen vermuteten damals eine Art muslimische Weltverschwörung. Sie sahen eine Verbindung, die es nicht gab.“

2009 trat Boko Haram das erste Mal groß in Erscheinung. Bei Kämpfen zwischen der Gruppe und nigerianischen Sicherheitskräften starben über 1.000 Menschen. Seitdem ist die Terrororganisation trauriger Bestandteil des Lebens in Nigeria. „Boko Haram hat als politische Gruppe angefangen und ist dann terroris­tisch geworden, durch ein Bündnis mit der Terrororganisation Islamischer Staat. Die meisten Christen verstehen nicht, was los ist“, sagt Dicks. „Sie fragen sich: Warum bombardiert diese politische Gruppe Kirchen? Warum tötet sie Christen?“ Seine Stimme wird lauter, leidenschaftlicher, und dann doch ganz nüchtern: „Die Wahrheit ist, es ist ein religiöser Konflikt geworden.“ Es klingt, als habe er sich mit der Situation abgefunden.

Fulani sind „noch tödlicher“ als Boko Haram

Nicht nur Boko Haram, auch die Fulani kritisiert Dicks. Über sieben Millionen von ihnen leben in Nigeria, die größte Konzentration weltweit. Dicks ist mit ihnen aufgewachsen. „Einige von ihnen lebten sogar zeitweise im selben Haus mit mir und meiner Familie. Es war immer eine Beziehung, die für beide Seiten vorteilhaft war. Du ließest ihre Tiere auf deinen Feldern grasen, dafür haben die sie gedüngt.“

Doch 2010 änderte sich alles. „Wir kannten die Fulani immer als friedliebend. Wir wissen nicht, was passiert ist. Inzwischen löschen sie mit Gewalt christliche Dörfer aus und übernehmen das Land.“ In dem christlichen Dorf Dogo Nahawa, unweit von Jos, wurden vor acht Jahren rund 400 Menschen ermordet. „Seitdem ist das Vertrauen weg. Kein Farmer, vor allem kein christlicher, lässt sie mehr auf seine Felder. Wir müssen immer wachsam sein. Das sind nicht mehr die Fulani, die wir kannten. Inzwischen sind sie für uns bloß noch eine Terrorgruppe. Und sie sind noch tödlicher als Boko Haram. Das sagt sogar die Regierung.“

Dicks erklärt, dass Miyetti Allah sich offen zu diesen Taten bekennt. Die „Miyetti Allah Cattle Breeders Association of Nigeria“ (Miyetti Allah Viehzüchterverband Nigerias), ist der Verband der Fulani und ihre politische Interessenvertretung. Obwohl er nur lose organisiert ist, beansprucht er für sich, dass jeder Fulani-Mann Mitglied sei. Er spricht nach eigener Vorstellung für alle – und verteidigt die Gewalt. Miyetti Allah rechtfertigt sie als angemessene Vergeltung für Ausbeutung und Viehdiebstahl.

Dicks gibt ein Beispiel: „Vor Kurzem sind in Jos 200 Christen getötet worden. Miyatti Allah hat sich in den Medien offensiv zu der Tat bekannt. Wenn ihre Führer, die für die ganze Gruppe sprechen, sagen, dass sie als Gruppe diese Dinge tun, wie können wir da sagen, es gehe nur um Einzelne, selbst wenn sich nicht alle aktiv beteiligen?“

Die nigerianische Regierung selbst folge der Vergeltungsrhetorik von Miyetti Allah. „Das bedeutet zwar nicht direkt eine Rechtfertigung, aber wir Christen fragen uns trotzdem seit Jahren: Vergeltung wofür?“, sagt Dicks. Seine eigene Familie musste vergangenes Jahr vor einem Fulani-Angriff fliehen.

„Gewalt ist nicht mit christlichen Werten vereinbar“

Die Regierung sei ohnmächtig, meint Dicks. „Das ist kein Konflikt, der sich dadurch lösen ließe, mehr Soldaten abzustellen. Die wüssten ja gar nicht, wen sie bekämpfen und wen sie beschützen sollten.“ Die Schlichtungsversuche, die es gebe, gingen in die falsche Richtung. „Die aktuelle Regierung will den Fulani Weideflächen für ihre Herden zur Verfügung stellen; diese wollen sie vor allem Farmern im fruchtbaren zentralen Nigeria abnehmen. Die sind mehrheitlich Christen. So wird die Beziehung weiter belastet.“ Letztlich könne nur Gott helfen, glaubt Dicks.

Seine Gemeinde stehe vor besonderen Herausforderungen. Immer wieder werde sie Ziel von Angriffen. Da komme natürlich die Frage nach Selbstverteidigung auf. „Manche sagen: ‚Lasst uns ein Gewehr besorgen und es in der Kirche aufbewahren, oder lasst uns die Jüngeren zur Ausbildung für den Ernstfall schicken.‘ Ich sage dann immer: ‚Christus hat uns dazu berufen, Friedensstifter zu sein.‘ Wir wehren uns nicht; Gewalt ist für uns nicht mit den christlichen Werten vereinbar. Aber das ist oft sehr herausfordernd. Wie soll man dies akzeptieren, wenn Schwestern und Brüder umgebracht werden?“, berichtet Dicks. „Wir sprechen dann davon, die andere Wange hinzuhalten. Aber gerade viele junge Menschen kommen mit ihrer Wut zu mir und sagen ‚Ich habe ihnen die linke Wange hingehalten und sie haben mich geschlagen. Dann habe ich ihnen die rechte Wange hingehalten und sie haben mich wieder geschlagen. Jetzt muss ich doch mal zurückschlagen dürfen‘. Darauf muss ich eine gute Antwort finden.“

Auch wirtschaftlich ergeben sich Herausforderungen. Dicks hat etwa 2.000 Mitglieder in seiner Gemeinde, die meisten davon junge Erwachsene. Von ihnen waren zeitweise bis zu 70 Witwen von Männern, die bei Anschlägen umgekommen sind. Die Gemeinde sorgt für ihre Witwen. Aber bei solchen Zahlen ist die wirtschaftliche Belastung hoch. Auch die Überlebenden können nicht immer mitziehen. „Ich habe Gemeindemitglieder, die Beine bei Explosionen verloren haben, denen Arme mit Macheten abgehackt wurden. Die können dann natürlich nicht mehr auf den Feldern arbeiten. Das ist herausfordernd“, sagt Dicks. Er wirkt dabei nüchtern, für ihn sind solche Überlegungen Alltag.

Was können Christen in Deutschland da überhaupt tun? Dicks zögert. Zum einen sei da natürlich Gebet, nicht nur für, sondern vor allem mit Christen in Nigeria. So entstehe geistliche Gemeinschaft über kontinentale Grenzen hinweg.

Zum anderen sollten sich NGOs und Friedensorganisationen engagieren. „Ich sage bewusst nicht ‚investieren‘. Es braucht das Gespräch.“ Nicht Geld sei wichtig, sondern Verständigung. Man müsse Boko Haram und den Fulani helfen, ihre Denkweise und ihre Theologie zu ändern. Christen und Muslime seien in Nigeria Brüder und Schwestern – manchmal auch im biologischen Sinne. „Es überrascht mich immer wieder, wie nah wir einander trotzdem noch sind. Meine Schwester hat einen Muslim geheiratet. Die Hochzeit haben wir als Familien zusammen gefeiert. Besuchen kann ich sie trotzdem nicht. Auf einmal sind wir Feinde.“

Dieser Text erschien in der Ausgabe 5/2018 des Christlichen Medienmagazins pro. Bestellen Sie pro kostenlos und unverbindlich unter 06441/915-151, per E-Mail an info@pro-medienmagazin.de oder online hier.

Von: Martin Jockel

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