Jair Bolsonaro ist zum Präsidenten Brasiliens gewählt. Im Januar 2019 tritt er in dem größten Land Südamerikas sein Amt an.

Jair Bolsonaro ist zum Präsidenten Brasiliens gewählt. Im Januar 2019 tritt er in dem größten Land Südamerikas sein Amt an.

Von Freikirchen unterstützter Bolsonaro wird Präsident

Jair Bolsonaro wird neuer Präsident in Brasilien. Die Positionen des rechtsgerichteten Politikers haben den Nerv über die Wut vieler Brasilianer zu Gewalt und Korruption getroffen und decken sich mit denen evangelikal gesinnter Freikirchen in dem Land.

Jair Bolsonaro ist aus der Stichwahl um die Präsidentschaft in Brasilien als Sieger hervor gegangen. Der entfernte Nachkomme italienischer und deutscher Einwanderer setzte sich in am Sonntag mit 55 Prozent der Stimmen gegen Fernando Haddad durch. Bolsonaro wird das Amt am 1. Januar 2019 antreten. Die Wahl Bolsonaros zum Präsidenten wird in den deutschen Medien kritisch bewertet. Verschiedene Medien, darunter Spiegel-Online, haben den Wahlsieger am Montag als „Rechtspopulisten" bezeichnet.

Die Tagesschau hatte am Montag berichtet, dass die Positionen Bolsonaros als „rechtsradikal" beschrieben werden müssten und die „ständige Berufung auf Gott" ein „Zugeständnis an die evangelikalen Pfingstkirchen" des Landes sei, deren „streng konservative Anhänger" die Nachrichtensendung als die „wichtigsten Unterstützer" des neuen Präsidenten ausmacht. Nach Abgaben der Tagesschau war Bolsonaro in der Vergangenheit wegen „gelegentlicher Ausfälle gegen Frauen, Schwarze und Schwule" aufgefallen.

Wut über Korruption und Gewalt

Auch die Tageszeitung Die Welt erkennt in einem Artikel vom Dienstag in den „erzkonservativen Freikirchen" massive Unterstützer Bolsonaros. Der habe sich im Wahlkampf ablehnend zur gleichgeschlechtlichen Ehe und zur Abtreibung geäußert, jedoch für „traditionelle Familienwerte" geworben. Bolsonaro ist in dritter Ehe verheiratet. Verschiedenen Analysen zur Wahl zufolge hatten viele Brasilianer den rechtsgerichteten Politiker aus Wut über die massive Korruption und wegen der enormen Kriminalität und Gewalt in dem Land gewählt. Nach Angaben der Welt sind im vergangenen Jahr mehr als 63.000 Menschen in dem Land getötet worden. Bolsonaro hatte im Wahlkampf angekündigt, das Waffenrecht zur liberalisieren.

Gottfried Holland, Missionsinspektor der Gnadauer Brasilien-Mission, die seit mehr als 80 Jahren in dem Land diakonisch und missionarisch tätig ist, teilt den Unmut der Menschen über Gewalt und Korruption dort. „Auf unser Arbeitsgebiet bezogen höre ich, dass allein in Curitiba, einer Stadt mit rund 3,5 Millionen Einwohnern, jedes Wochenende von 50 Morden ausgegangen werden muss", erklärt Holland auf Anfrage von pro. „In der Praxis sieht dies so aus, dass ich in 15 Jahren, die ich überblicken kann, mindestens von drei Morden sprechen kann, denen Mitglieder aus unserer Gemeinschaft zum Opfer gefallen sind." Holland denkt nicht, dass einer seiner Kollegen Ähnliches aus Deutschland berichten könne. Allein die Verzweiflung der Bürger rufe zu einer Änderung der Politik gegenüber Gewalt auf. Die Liberalisierung des Waffenrechtes hält Holland „für äußerst fragwürdig". Gleiches gelte für den Einsatz des Militärs im Land. Holland erhofft sich von der neuen Regierung, „dass nicht alles Religiöse in der Diakonie per se abgelehnt wird", zugesagte finanzielle Verpflichtungen eingehalten werden und „das lähmende Gift der Korruption" zurückgedrängt wird.

Einfluss evangelikaler Pastoren

Deutschlandfunk Kultur erkennt in einem Beitrag vom Montag einen Zusammenhang zwischen dem Wahlerfolg Bolsonaros und dem Aufstieg der evangelikal gesinnten Pfingstkirche in dem Land. Der Anteil pfingstkirchlicher Christen sei in dem ursprünglich rein katholischen Land auf mehr als 25 Prozent angewachsen, deren Einfluss wachse „unaufhörlich" in Politik und Gesellschaft. Nach Angaben des Radiosenders konnte Bolsonaro im Wahlkampf auf die Unterstützung des privaten Fernsehsenders Record TV zählen, der dem Medienunternehmer und Bischof der evangelikalen „Universal-Kirche des Reiches Gottes“, Edir Macedo, gehört. Dem Bericht zufolge ist Record TV die zweitgrößte Fernsehanstalt in dem Land.

Der Deutschlandfunk misst evangelikalen Pastoren einen starken Einfluss auf Politiker bei. Beim Thema Abtreibung seien „bislang fast alle Präsidentschaftskandidaten eingeknickt", auch Haddad von der Arbeiterpartei, der Gegenkandidat Bolsonaros, habe sich zuletzt gegen ein Gesetz zur Legalisierung von Abtreibungen ausgesprochen. In seinem ersten Interview nach der Wahl hat der künftige Präsident Brasiliens bei „Record TV“ angekündigt, einen prominenten Anti-Korruptionsexperten zum Justizminister zu machen. Nach Einschätzung des Nachrichtensenders n-tv gibt sich Bolsonaro seit seinem Wahlsieg zurückhaltender. Der Sender zitiert am Dienstag aus dem Interview mit dem zukünftigen Präsidenten: „Die Opposition ist immer willkommen und die freie Meinungsäußerung ist heilig.“

Das evangelische Hilfswerk „Brot für die Welt“ konstatiert in einer Pressemeldung vom Montag in dem Wahlsieg des „ultrarechten Kandidaten“ eine Kampfansage an die Zivilgesellschaft. Bolsonaro habe sich „immer wieder abfällig über Arme, dunkelhäutige Brasilianer und Homosexuelle geäußert“ und vertrete offen „die Interessen der Großgrundbesitzer und Holzunternehmen".

Von: Norbert Schäfer

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