Berthold Pelster vom katholischen Hilfswerk „Kirche in Not" verantwortet die neue Studie zur Christenverfolgung

Berthold Pelster vom katholischen Hilfswerk „Kirche in Not" verantwortet die neue Studie zur Christenverfolgung

„Militanter Islamismus ist die größte Gefahr für Christen“

Das katholische Hilfswerk „Kirche in Not“ hat eine neue Studie zur weltweiten Christenverfolgung herausgegeben. „Christen in großer Bedrängnis“ nimmt 15 Länder unter die Lupe, in denen Christen unterdrückt werden. Pro hat den Redakteur der Studie, Berthold Pelster, zu seinen Ergebnissen befragt.

Pro: Wie schätzen Sie 2018 die Lage verfolgter Christen weltweit ein?

Berthold Pelster: Das Ausmaß der Verfolgung ist weltweit nach wie vor auf einem hohen Niveau. Besonders schlimm war es im Jahr 2014 und danach, weil der Islamische Staat im Nahen Osten große Teile des Iraks und Syriens erobern konnte. In seinem Herrschaftsgebiet wurden religiöse Minderheiten stark verfolgt. Christen wurden dort vor die Wahl gestellt, zum Islam zu konvertieren, eine Sondersteuer zu bezahlen oder die Region zu verlassen. 125.000 Christen wurden aus Mossul und der angrenzenden Ninive-Ebene vertrieben.

Mittlerweile ist der Islamische Staat weitgehend zurückgedrängt, aber wir erleben die Nachwehen. Der IS hat große Verwüstungen hinterlassen. In der Ninive-Ebene sind rund 13.000 Wohnhäuser und Hunderte von kirchlichen Gebäuden zerstört. Selbst wo die Häuser noch einigermaßen intakt sind, ist es gefährlich, zurückzukehren, weil der IS Sprengfallen gelegt hat. Trotzdem sind die ersten christlichen Familien wieder in der Ninive-Ebene.

In der Vorgängerstudie kamen Sie zu dem Schluss, dass weltweit der militante Islamismus die größte Gefahr für Christen darstellt, größer etwa als atheistische Ideologien. Ist das nach wie vor Ihre Einschätzung?

Sagen wir mal so: Der militante Islamismus fordert weltweit viele Todesopfer und führt zur Vertreibung von Hunderttausenden von Menschen. Nehmen Sie Nigeria: Dort gibt es die islamistische Terrorgruppe Boko Haram, die zwischen 20.000 und 30.000 Menschen auf dem Gewissen hat. Darunter sind Hunderte, wenn nicht Tausende Christen. Die Mehrzahl der Opfer sind allerdings moderate Muslime. Sie leiden mindestens genauso stark unter militantem Islamismus. Ein atheistisches Regime wie in China produziert dagegen zwar keine Toten, aber Christen werden doch schikaniert.

Wenn einem Christen verboten wird, in einem privaten Wohnhaus den Gottesdienst einer Untergrundkirche zu besuchen, dann ist das natürlich auch eine heftige Einschränkung seiner religiösen Möglichkeiten; und eine drakonische Geldbuße kann seine Existenz ruinieren. Aber in China gibt es Gott sei Dank nur ganz selten Todesfälle. Insofern muss man schon unterscheiden. Der militante Islamismus stellt die größte Gefahr für Leib und Leben von Christen dar – das kann man weiterhin so sagen. Christenverfolgung hat eben sehr unterschiedliche Ausprägungen. Sie fängt bei Diskriminierung an und hört bei Folter und Tod auf.

15 Länder von besonderem Interesse ausgewählt

Der Bericht stellt 15 Brennpunktländer vor, in denen Christen es besonders schwer haben – nach welchen Kriterien treffen Sie diese Auswahl?

Erst einmal: Es ist eine Auswahl. Die internationale Zentrale von „Kirche in Not“ gibt auch alle zwei Jahre englischsprachige Berichte zur Religionsfreiheit heraus. Da wird jedes Land der Erde von Experten beleuchtet. Das hier ist hingegen ein Buch der deutschen Sektion für unser deutschsprachiges Publikum.

Die Länder sind grob ausgewählt nach besonderer Schwere und besonderem Interesse. Wir machen keine konkrete Rangliste wie etwa Open Doors. Es sind nicht per se die schlimmsten 15 Länder, sondern Länder, in denen wir Projekte haben oder solche, die von besonderem Interesse sind. In Nordkorea zum Beispiel ist natürlich kein Hilfswerk tätig – das ist nicht möglich. Kein Mensch weiß, wie viele Christen es dort überhaupt noch gibt, weil das Land einfach so abgeschottet ist, dass kaum noch Informationen nach außen dringen. Daher kann man hier nur allgemeine Angaben machen, etwa über die Staatsideologie. Das tun wir in dem Bericht.

Sie stellen zwar nicht wie Open Doors eine Rangliste auf, aber welches Land ist für Sie dasjenige mit den widrigsten Bedingungen für Christen?

Ich stimme mit Open Doors überein, dass es in Nordkorea fast unmöglich ist, als Christ zu leben; aber Saudi-Arabien ist ähnlich. Es gibt dort Millionen von Gastarbeitern, darunter auch sehr viele Christen, etwa von den Philippinen, die ihren Glauben in der Öffentlichkeit nicht praktizieren dürfen. Die Frage ist immer: Welches Kriterium ziehe ich heran? Frage ich, ob Religion überhaupt möglich ist? Oder messe ich es an der Zahl der Todesopfer – dann müsste man wohl Nigeria, vor allem den Norden mit seinen zigtausend Toten durch Boko Haram, heranziehen.

Unser kleines Buch ist keine wissenschaftliche Untersuchung – dafür haben wir gar nicht die Kapazität. Es ist ein Kompendium und trägt Informationen zusammen, die sonst nur weit verstreut zu finden wären. So kann man sich relativ schnell einen Überblick über Ursachen und Formen von Verfolgung verschaffen.

Mit China und Indien wurden auch die beiden bevölkerungsreichsten Länder der Erde in den Bericht aufgenommen. Wie schätzen Sie die Lage für Christen in den beiden Staaten ein?

In China sind die Entwicklungen sehr bedenklich, weil Anfang Februar die staatlichen Vorschriften für religiöse Angelegenheiten in erweiterter und verschärfter Fassung in Kraft getreten sind. Man muss hier befürchten, dass der Staat in Zukunft noch schärfer kontrollieren und gegen unerlaubte religiöse Aktionen vorgehen wird. Unerlaubt ist eine religiöse Aktion immer schon dann, wenn sie von einer Gemeinschaft unternommen wird, die staatlich nicht registriert ist.

Indien dagegen hat an sich ein relativ gut funktionierendes demokratisches System. Allerdings sind bei den letzten Wahlen Vertreter der Indischen Volkspartei an die Macht gekommen, was negative Auswirkungen auf die religiösen Minderheiten hat. Nach den Vorstellungen der Hardliner unter den Hindu-Nationalisten sollte es in Indien nur eine Religion geben, nämlich den Hinduismus. Muslime wie Christen sind in ihren Augen ein Fremdkörper, der von außen nach Indien hineingetragen wurde und besser wieder verschwinden sollte.

Diese Hindu-Nationalkonservativen sind verantwortlich für die Einführung von Antikonversionsgesetzen und Rückbekehrungszeremonien. Sie haben auch Schlägertrupps, die sie losschicken, um Christen einzuschüchtern und Kirchen zu überfallen.

Aber: Indien ist nach wie vor eine Demokratie; man kann also die Hoffnung haben, dass in einigen Jahren wieder eine moderate Regierung an die Macht kommt, die solche Entwicklungen rückgängig macht.

Unerwartete Aufbrüche

Auch Saudi-Arabien steht auf der Liste. Da Mekka und Medina, zwei heilige Orte des Islam, dort liegen, hat das Land für Muslime weltweit eine besondere Bedeutung. Erschwert das die Lage der Christen dort?

Das Problem dort ist tatsächlich, dass Saudi-Arabien – das Königshaus wie die Religionsgelehrten – sich als Hüter der heiligen Stätten verstehen. Deshalb sehen sie sich auch als Hüter der wahren Lehre des Islam. Daher auch diese Rigorosität. Sie sagen letztlich: „Das hier ist heiliges Land und andere Religionen haben bei uns keine Daseinsberechtigung.“ Das ist in sich eine konsequente Haltung, die aber nicht mit den menschenrechtlichen Standards vereinbar ist, die wir weltweit propagieren.

Allerdings: Hier ist auch interessant, dass der Thronfolger erste Schritte der Öffnung geht. Da gibt es die so genannte „Vision 2030.“ Frauen dürfen jetzt Auto fahren und Sportveranstaltungen besuchen. Es kommt etwas in Gang – das könnte eines Tages auch auf die Religionsgemeinschaften positive Auswirkungen haben. In meinem Buch wird erwähnt, dass der maronitische Patriarch Kardinal Bechara Boutros Raï aus dem Libanon im November in Saudi-Arabien war und sich dort mit dem König und dem Thronfolger getroffen hat. Das war das erste Mal seit Jahrzehnten, dass so ein hochrangiger Kirchenvertreter überhaupt nach Saudi-Arabien einreisen durfte. Ihre Brustkreuze haben die Kirchenleute dabei offen getragen. Das steht normalerweise in Saudi-Arabien unter Strafe.

Was versprechen Sie sich von dem kommenden Treffen zwischen US-Präsident Trump und Kim Jong-Un für die Lage der Christen in Nordkorea?

Sagen wir mal so: Auch hier scheint etwas aufzubrechen. Es kommt endlich zu Kontakten zwischen Nord- und Südkorea, sogar zu intensivierten Kontakten auf höchster politischer Ebene. Ich bin natürlich kein Hellseher, aber auch da kann man Hoffnung haben, dass in absehbarer Zeit gewisse Lockerungen vorgenommen werden. Man weiß auch, dass die Christen in Südkorea sich seit langem darauf vorbereiten, ihren „Mitbürgern“ im Norden zu helfen. Sie stehen sozusagen bereit und haben sich schon Gedanken gemacht, wie man das Volk wiedervereinigen kann. Da muss man hoffen, dass dieser Aufbruch tatsächlich stattfindet. Es wäre den Menschen mehr als zu wünschen. Das Treffen, wenn es denn zustande kommt, ist sicherlich ein Signal dieses Aufbruchs.

Vielen Dank für das Gespräch.

Die Fragen stellte Martin Jockel

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