Ralf Meister ist Landesbischof der Evangelisch-lutherischen Landeskirche Hannovers

Ralf Meister ist Landesbischof der Evangelisch-lutherischen Landeskirche Hannovers

Bischof Meister: Der Mensch hat theologisch ein Recht auf Selbsttötung

Der hannoversche Landesbischof Ralf Meister hat in einem Interview mit der Neuen Osnabrücker Zeitung das Recht eines jeden Menschen auf Selbstbestimmung verteidigt. Dazu gehört für ihn auch eine Selbstbestimmung über den Zeitpunkt des Sterbens – auch für Christen. Meister betonte jedoch, dass zunächst immer die Chance auf das Leben aufgezeigt werden müsse.

Er sei gegen jede Form von geschäftsmäßiger Assistenz zum Suizid, sagte Ralf Meister, Landesbischof der Evangelischen Landeskirche Hannovers, im Interview der Neuen Osnabrücker Zeitung (NOZ). Doch auch wenn Gott ein „Liebhaber des Lebens“ sei und der Auftrag der Kirchen sich am Leben orientiere, sei das Leben jedem einzelnen Menschen selbst geschenkt. Deshalb dürfe jeder über die Art und Weise und den Zeitpunkt seines Lebensendes selbstbestimmt nachdenken, so Meister. Im Februar hatte das Bundesverfassungsgericht das Verbot der geschäftsmäßigen Sterbehilfe aufgehoben. Seitdem wird über das Gesetz zur Regelung der Sterbehilfe erneut diskutiert. Der Rat der EKD hatte das Urteil in einem Brief an Gesundheitsminister Jens Spahn kritisiert und vor einem sozialen Druck zur Selbsttötung gewarnt.

Im Interview der NOZ machte Meister nun deutlich, dass die vom Bundesverfassungsgesetz gekippte Gesetzgebung nicht ausreiche, um die Frage nach dem Recht auf Sterbehilfe umfassend zu klären. Doch er sagte auch: „Der Mensch hat ein Recht auf Selbsttötung, wobei ich hier Recht nicht juristisch meine, sondern theologisch als eine Möglichkeit verstehe.“ Mit dem Tag, an dem Gott einem Menschen das Leben schenke, habe er ihm auch das Recht zur Lebensgestaltung gegeben. Man müsse jedoch beachten, dass diese Selbstbestimmung aus theologischer Sicht auch immer in die Beziehung zu Gott und anderen, einem nahestehenden, Mitmenschen eingebettet sei. Er distanziere sich damit von einer Definition des Begriffs „Selbstbestimmung“, die heroisch gemeint sei. Die Selbstbestimmung bleibe „immer ein schwieriger Abwägungsprozess“ zwischen der Beziehung zu Gott und anderen Menschen.

Niemanden in seiner Entscheidung allein lassen

Aus der Sicht von Meister könne es auch im Leben von gläubigen Menschen, die an das Heil in Jesus Christus und das ewige Leben glaubten, eine Situation geben, in der dieser sich dafür entscheide, aus dem Leben zu scheiden. „Das muss ich auch als Pastor akzeptieren. Es fällt uns schwer, Demut und Selbstbestimmung zusammen zu denken“, sagte er. Er sei froh, dass auch Menschen, die sich selbst getötet hätten, mittlerweile auf kirchlichen Friedhöfen bestattet werden dürften und nicht ausgegrenzt würden.

Der Landesbischof sprach sich für eine „gute Begleitung im Sterben“ aus, für eine Palliativ- und Hospizversorgung und für den Respekt gegenüber Menschen, die sich entscheiden, ihrem Leben ein Ende zu setzen. Mit dieser Entscheidung dürfe man niemanden alleine lassen, sagte er.

Meister: Die meisten Menschen wollen leben

Um zu verhindern, dass Alte und Kranke durch eine Liberalisierung der Sterbehilfe zum Suizid gedrängt werden, forderte Meister eine offene Diskussion. „Betroffenen sollte es möglich sein, ohne Scheu darüber zu sprechen und um Hilfe zu bitten. Dann haben wir die Chance durch Beratung und intensive Begleitung Menschen zu zeigen, dass Menschen keinen Zwecken dienen, sondern dass ihr Leben einen Wert an sich hat.“ Er denke zum Beispiel an eine Beratungspflicht zusammen mit Angehörigen und Ärzten. „Wir sollten alle Möglichkeiten eröffnen, dass ein Leben bis zum letzten Atemzug lebenswert bleibt und zugleich den Respekt behalten vor Menschen, die den Zeitpunkt ihres Todes selbst wählen wollen und um angemessene Hilfe bitten“, sagte Meister.

Entscheidungen, die im Affekt entstünden oder aus einer Depression heraus, müssten begleitet werden und zunächst müssten Lebenschancen aufgezeigt werden, sagte der Theologe. Niemals dürfe Druck durch Angehörige oder durch eine Kostenminimierung im Gesundheitssystem ausschlaggebend sein. Bis zum Tod müsse das Leben als lebenswert betrachtet werden, betonte Meister. Er glaube nicht an einen „Dammbruch“. Jeder, der Menschen im Sterben begleite, wisse, dass sie in den meisten Fällen leben wollten. Seiner Erfahrung nach werde es nur wenige Menschen geben, die sich wirklich für eine Selbsttötung entscheiden. Er selbst wünsche sich im Übrigen „ein Sterben, bei dem ich Zeitpunkt, Art und Weise nicht selbst bestimme“.

Von: Swanhild Zacharias

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