In Deutschland startet gerade eine Debatte über die Form und Ausgestaltung der Sterbehilfe

In Deutschland startet gerade eine Debatte über die Form und Ausgestaltung der Sterbehilfe

Kirchen warnen vor sozialem Druck zur Selbsttötung

Kirchen und Verbände haben in den vergangenen Tagen ihre Position zur politischen Regelung der Sterbehilfe an Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) übermittelt. Die Kirchen betonen, dass es keinen gesellschaftlichen Druck zur Selbsttötung geben dürfe, und machen sich für Suizidprävention stark.

Im Februar hat das Bundesverfassungsgericht das Verbot geschäftsmäßiger Sterbehilfe für nichtig erklärt. Das Urteil traf auf Kritik der Kirchen. Als Reaktion auf die Karlsruher Entscheidung kündigte Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) ein „legislatives Schutzkonzept“ an. Dafür bat er Mitte April verschiedene Verbände und Institutionen um eine Stellungnahme.

EKD: Sorge vor Suizid aus gesellschaftlichem Druck

Auch die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) wurde angefragt. In einem an den Gesundheitsminister gerichteten Brief vom 15. Juni, der pro vorliegt, kritisiert der Bevollmächtigte des EKD-Rates, Martin Dutzmann, die Entscheidung der Karlsruher Richter. Die Kirche habe „gravierende Anfragen“ an das Urteil, schreibt er und nennt dabei etwa „manche zuspitzende und den Suizid nahezu heroisierende Formulierungen“, die „nicht nur in theologischer, sondern auch in anthropologischer und medizinischer Hinsicht“ diskussionsbedürftig seien.

In dem beigefügten Text beschreibt der Rat der EKD „evangelische Perspektiven“ für ein Schutzkonzept, um Suizidassistenz gesetzlich zu regeln. Die EKD bekennt sich wie die Karlsruher Richter zum Selbstbestimmungsrecht des Menschen, das sich aus der „unverlierbaren Würde“ ergebe, mit der ihn Gott als der Schöpfer ausgestattet habe. Die Freiheit des Einzelnen werde aber durch dessen Beziehungen zu Gott und den Menschen begrenzt. Daraus ergebe sich: „Das Gebot, menschliches Leben, fremdes und das eigene, zu schützen, gilt umfassend.“

Mehrfach äußert die EKD in dem Papier ihre Befürchtung, dass Menschen sich aufgrund sozialen Drucks aus der Gesellschaft oder von Angehörigen das Leben nehmen könnten. Um das zu verhindern, stellt sie an den Gesetzgeber drei Forderungen:

  • Die Kirche weist darauf hin, dass das gesellschaftliche Klima immer auch die Einschätzung des eigenen Lebens mitpräge, in diesem Falle also auch die Entscheidung für oder gegen einen Suizid. Es gebe eine sehr schmale Grenze zwischen einer eigenen Entscheidung und einer, „die zwar vom Einzelnen getroffen wird, die aber vorrangig eine Reaktion auf eine gesellschaftliche Einschätzung darstellt“. Deshalb müsse der Staat ein gesellschaftliches Klima fördern, das den sozialen Druck vemeidet, sich für einen Suizid zu entscheiden.

 

  • Der Staat müsse für umfassende Suizidprävention sorgen. Dazu zählt die EKD ein „breit gefächertes Beratungsangebot, das auch bekannt sein muss“, Hospize und palliativmedizinische Betreuung. Außerdem solle Druck dadurch reduziert werden, dass die Pflege durch Angehörige sowie Mehrgenerationenhäuser gefördert werden.

 

  • Die Kirche will vermeiden, dass Menschen sich aufgrund äußeren Drucks, aufgrund einer „akuten Verzweiflung“ oder einer psychischen Krankheit das Leben nehmen. Einen Kriterienkatalog lehnt die EKD ab, fordert aber ein Verfahren durch „multiprofessionelle Kompetenzen“. Dadurch komme den Ärzten eine hohe Verantwortung zu, die dazu besonders in klinischer Ethik geschult werden müssten. Denn sie müssten demnach auch im Blick behalten, ob der Todeswunsch des Patienten auch mit nahen Familienangehörigen oder gesellschaftlichen Erwartungen im Zusammenhang stehe.

Katholische Kirche: Suzidbeihilfe widerspricht Grundüberzeugungen

Auch die Katholische Kirche hat eine Stellungnahme des Kommissariats der deutschen Bischöfe an Gesundheitsminister Jens Spahn übermittelt. Darin betonen sie, „dass wir die Beihilfe zum Suizid für ethisch problematisch erachten, und Angebote der Suizidassistenz – sei es durch Ärzte, Vereine oder Einzelpersonen – nach wie vor ablehnen“, zitiert die Katholische Nachrichtenagentur (KNA) aus dem Papier. Es stehe nicht im Einklang mit den Grundüberzeugungen der Kirche, solche Angebote auszuweiten. Nicht die Hilfestellung zum Suizid, sondern die Unterstützung bei der Entwicklung von Lebensperspektiven sei dringend geboten.

Die Bischöfe fordern in ihrer Stellungnahme ebenfalls, dem Suizid vorzubeugen, etwa indem Hospiz- und Palliativangebote gestärkt und pflegende Angehörige finanziell gefördert werden, berichtet die KNA. „Auf diese Weise würde kranken oder älteren Menschen eben nicht der Eindruck vermittelt, durch ihre Hilfebedürftigkeit zu einer finanziellen oder zeitlichen Last für die Familie oder die Solidargemeinschaft zu werden“, heißt es in dem Schreiben.

Zudem dürfe niemand dazu gezwungen werden, Beihilfe zum Suizid zu leisten. Das müsse auch in der Wohlfahrtspflege gelten: „Ansonsten würde das Profil kirchlicher und caritativer Einrichtungen in ihrem Kern in Frage gestellt, da diese sich der Förderung des Lebens verschrieben haben.“

Die Bischöfe betonen, dass eine moralische Bewertung der Entscheidung für einen Suizid von außen nicht möglich sei. Die betroffenen Menschen dürften nicht verurteilt werden, sondern verdienten „in ihrer Gefährdung und Verletzlichkeit einfühlende Aufmerksamkeit“.

Christliche Mediziner: Sorge um die Schwachen

Der Arbeitskreis Christlicher Mediziner (ACM), der zur Studentenmission in Deutschland (SMD) gehört, sorgt sich angesichts der Sterbehilferegelung um die Schwachen der Gesellschaft. In einem Schreiben an Spahn warnen die Ärzte vor unzureichendem Schutz der Schwachen und legen einen Eckpunktekatalog vor, was bei der gesetzlichen Neuregelung der Beihilfe zum Suizid dringend beachtet werden müsse. „Mit der Erklärung der Verfassungswidrigkeit von § 217 StGB besteht aus unserer Sicht die große Gefahr, dass insbesondere vulnerable Bevölkerungsgruppen, Minderheiten sowie Menschen mit körperlichen und seelischen Einschränkungen und Belastungen nicht ausreichend geschützt werden können“, warnt der Arbeitskreis Ethik der ACM unter Koordination von Markus Frenz.

Die christlichen Mediziner weisen in ihrem Schreiben darauf hin, dass der Staat die Aufgabe habe, das Grundrecht auf Leben zu schützen. Bei jährlich rund 100.000 Suizidversuchen mit etwa 10.000 vollzogenen Suiziden müsse die Prävention vordringliche Aufgabe des Gesetzgebers bleiben. Der ACM fordert deshalb eine deutliche Abgrenzung zur Tötung auf Verlangen. Zugleich tritt er für klare Regelungen der Suizidbeihilfe zur Sicherstellung einer tatsächlich autonomen Entscheidung ein, die nicht manipuliert werden darf oder aus einer Belastungssituation heraus getroffen wird.

Patientenschützer: Kommerzielle Förderung der Selbsttötung verbieten

Auch die Deutsche Stiftung Patientenschutz sieht gesetzlichen Handlungsbedarf. Deren Vorstand, Eugen Brysch, teilte mit, organisierte Unterstützung bei der Selbsttötung dürfe nicht grundsätzlich verboten werden: „Zwar ist der Sozialstaat gefordert, mit Würde wahrender Pflege, Palliativmedizin, Hospizarbeit und Psychotherapie überzeugende Alternativen anzubieten. Doch soziale Angebote werden nicht alle Suizidwilligen umstimmen“, schreibt Brysch in einer Pressemitteilung.

Deshalb dürfe eine Regelung für die organisierte Hilfe zur Selbsttötung nicht allein auf Betäubungsmittel oder ärztliche Assistenz begrenzt werden. Die Patientenschützer schlagen einen neuen Paragrafen 217 zur „Förderung der Selbsttötung" im Strafgesetzbuch vor. So soll die gewinnorientierte Förderung der Selbsttötung bestraft werden. Schließlich böten Sterbehilfevereine keine Garantie dafür, dass die Willens- und damit die Selbstbestimmungsfreiheit immer gewahrt werden.

Für geschäftsmäßige, auf Wiederholung angelegte Suizidassistenz sollen die strengen Kriterien des Bundesverfassungsgerichts gelten. Wer beim Suizid helfe, müsse sich mit eigener Sachkunde vergewissern und schriftlich festhalten, dass der Suizidwillige vor seinem Entschluss ausreichend über die realistisch infrage kommenden Handlungsmöglichkeiten aufgeklärt wurde. Gleichzeitig habe er sicherzustellen, dass von dritter Seite weder Druck noch Einflussnahme ausgeübt wird: „Es muss garantiert sein, dass der Suizidwillige seine Entscheidung in freier Selbstbestimmung dauerhaft trifft.“

Von: Johannes Blöcher-Weil und Nicolai Franz

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