Das „Zeltlager too huus“ der Katholischen Jugend Borgloh fand in diesem Jahr im eigenen Dorf statt – ohne Zelte, aber mit viel Programm

Das „Zeltlager too huus“ der Katholischen Jugend Borgloh fand in diesem Jahr im eigenen Dorf statt – ohne Zelte, aber mit viel Programm

Zeltlager zu Hause und Unterricht in den Ferien: Kirche gestaltet Corona-Sommer mit

Die Kirchen in Niedersachsen wollen mit einem Modellprojekt Kinder während der großen Ferien in der Corona-Zeit besonders unterstützen. Die örtlichen Initiativen dafür sind vielfältig, der Staat gibt Geld dazu. Die Katholische Jugend Borgloh bei Osnabrück hat gleich zwei Projekte durchgeführt.

„Bock auf Sommer, Sonne, Sonnenschein? Vielleicht auch mal in der Gruppenstunde oder mit der Familie grillen?“ Mit dieser Einladung warb die Katholische Jugend Borgloh in Hilter bei Osnabrück für ihr Zeltlager. Um weiter unten nahezu rüpelhaft, aber mit einem Augenzwinkern fortzufahren: „Dann bleibt verdammt noch mal zu Hause!“ Denn gemeinsames Übernachten in einem Zelt ist zu Coronazeiten natürlich tabu. Also haben die Gruppenleiter zu einem „Zeltlager too huus“ („Zeltlager zu Hause“) eingeladen: Übernachtet haben die Teilnehmer zu Hause oder bestenfalls im privaten Garten in ganz kleinen Grüppchen im Zelt, das Programm wurde im gesamten Ort verteilt. Das war einer der zahlreichen Beiträge, die in Niedersachen im Projekt „Lern-Räume“ angeboten werden.

Das Projekt „Lern-Räume“ ist eine Bildungsoffensive vom Land Niedersachsen und den Kirchen. Das Kultusministerium unterstützt es mit einer Million Euro. Interessierte können für konkrete Projekte Fördergelder beim Diakonischen Werk, einem der Caritasverbände oder den Landeskirchen und Bistümern in Niedersachsen beantragen.

Eigentlich war das Zeltlager auf einem Zeltplatz bei Bremen geplant, sagt Gruppenleiter Mattes Schweer, rund 180 Kilometer entfernt. 124 Kinder hatten sich angemeldet. Dann war klar: So viele Kinder auf engstem Raum übernachten zu lassen, ist wegen Corona keine gute Idee. Aber das Zeltlager ausfallen zu lassen, das wäre zu einfach gewesen. „Also haben wir uns gefragt, was man im Sommer noch so machen kann. Was ist möglich mit fünf, zehn, 20 Personen?“, verdeutlicht Schweer die Überlegungen. „Dann haben wir mit dem Bürgermeister, Vereinen, Verbänden und der Schule gesprochen.“ Denn um zu verhindern, dass so viele Kinder sich auf einem Platz tummeln, schafften die Gruppenleiter überall im Ortsteil Angebote für die Dritt- bis Neuntklässler.

Mehr Teilnehmer als im „echten“ Zeltlager

Die Kinder wurden in ihre Schulklassenjahrgänge aufgeteilt, sodass nur 25 bis 30 Kinder in einer Gruppe zusammen waren. Bis zu 50 Menschen durften in dieser Zeit in Niedersachsen zusammensein. Auf dem Schulhof wurde mit viel Abstand und eigenem Geschirr und Besteck gegessen, auf dem Schützenplatz gab es einen Jahrmarkt und abends konnten die Älteren beim Lagerfeuer an der Feuerstelle Stockbrot backen und Gitarre, Ukulele und Cajon spielen.

„Immer wenn es eine neue Coronaregel gab, haben wir unser Programm angepasst“, sagt Schweer zu den Vorbereitungen. „Und wenn ein Angebot unmöglich wurde, haben wir versucht, etwas anderes zu finden.“ Jeden Tag gab es für die Gruppen unterschiedliche Programmpunkte, erklärt seine Kollegin Linda Börs und nennt ein paar Beispiele: „Dazu gehören Lagerkino mit Popcorn. Beim Geocaching müssen die Kinder einen ‚Dieb‘, also einen Gruppenleiter, suchen. Das Brettspiel ‚Siedler von Catan‘ wird bei uns zum Laufspiel ‚Siedler von Borgloh‘ und die Gruppen müssen gegeneinander antreten.“ Auch eine Radtour war dabei. „Bei normalen Zeltlagern treffen wir uns immer um 8.15 Uhr am Kreuz für einen kurzen christlichen Impuls“, beschreibt Börs den üblichen Tagesablauf im Camp. „Das versuchen wir aber auch jetzt umzusetzen, so gut das eben geht mit kleinen Gruppen“, ergänzte Schweer. Insgesamt eine Woche lief das „Zeltlager too huus“, vom 19. bis 26. Juli, von Sonntag bis Sonntag. Und so begann und endete das Zeltlager mit einem Gottesdienst, den die Teilnehmer selbst gestalten konnten.

Für das „Zeltlager too huus“ hatten sich sogar fünf weitere Kinder angemeldet, die nicht mit zum „echten“ Zeltlager gekommen wären, weil sie sonst Heimweh gehabt hätten. Auf 129 Kinder kamen 69 Betreuer, alle aus Borgloh.

Schüler bekommen Unterstützung

Zahlreiche lokale Angebote laufen momentan im „Lern-Raum“, allein innerhalb der Hannoverschen Landeskirche sind es nach Angaben eines Sprechers rund 40. Ihre Projektideen können Interessierte unter www.kirche-schafft-lernraum.de einreichen. Dort gibt es auch Informationen zu Fördermitteln und Ansprechpartnern. Die Angebote können erlebnispädagogischer Art oder so etwas wie eine Summer-School sein. Ehrenamtliche Jugendliche, pensionierte Lehrer oder auch pädagogische Fachkräfte und Lehramtsstudenten sollen diese Angebote begleiten. Vorgesehen ist eine enge Zusammenarbeit der Kommunen mit den örtlichen Kirchengemeinden, bis Ende der Sommerferien soll es Projekte geben. Der Umfang der Angebote hängt von den örtlichen Initiativen ab.

Im Rahmen eines Projekts sollen die beteiligten Kinder auch etwas zu Essen erhalten. Wegen der geschlossenen Schulkantinen und Tafeln gebe es mitunter Lücken bei der Ernährung, sagte Kerstin Gäfgen-Track, die das Projekt für die hannoversche Landeskirche betreut. Sie befürchtet, dass 15 Prozent aller Kinder wegen der Corona-Krise ihren Schulabschluss nicht erreichen. In erster Linie sollen sich die Angebote an Grundschüler richten, die wegen der Corona-Krise mehr Hilfe in der Schule brauchen. Oder Kinder aus Migrantenfamilien. Denn Eltern, die noch nicht so gut Deutsch können, haben oft Schwierigkeiten, ihren Kindern zu helfen.

Und so hat die Katholische Jugend Borgloh für die letzte Juliwoche auch noch eine Art Nachhilfeprogramm entwickelt. Drei junge Frauen unterstützten zwei Erstklässler und einen Viertklässler dabei, ihre Fähigkeiten in Lesen, Schreiben und Rechnen zu vertiefen. Dabei gingen die drei ehrenamtlichen Nachhilfelehrerinnen von der Katholischen Jugend nicht nur spielerisch vor, beschreibt Nele Rumker ihre Aufgabe: „Wir vermitteln den Kindern christliche Werte wie Nächstenliebe. Sie gehen aber auch von ganz von alleine aufeinander zu, helfen einander, spielen in den Pausen zusammen, sorgen sich umeinander und erklären sich auch mal etwas gegenseitig.“ Ein Kind aus Russland, das noch nicht so gut Deutsch kann, verstand zum Beispiel die Wörter „Murmel“ und „Uhu“ nicht. „Das ist ein Vogel, der den Kopf ganz rum drehen kann“, habe ihm eines der teilnehmenden Mädchen versucht zu erläutert, was ein Uhu ist.

Kreative Methoden

Die Lehramtstudentin Rumker will später einmal an einer katholischen Schule unterrichten, weil ihr deren Ideale sehr wichtig sind. Ihre beiden Mitstreiterinnen sind ebenfalls pädagogisch interessiert: Paula Heggemann studiert in Osnabrück Höheres Lehramt und Coralie Horstmann will noch in diesem Jahr eine Ausbildung zur Erzieherin beginnen.

Von neun bis zwölf Uhr saßen alle drei Schüler und die drei Betreuerinnen an einem Tisch. Das Mädchen aus der ersten Klasse bastelte beispielsweise ein Memo-Spiel: Auf der einen Karte steht der Buchstabe klein und groß, ebenso auf einem Tier oder Gegenstand, der mit diesem Buchstaben anfängt. Der Junge, der in die fünfte Klasse einer Oberschule kommt, las Bücher und beantwortete hinterher Fragen, die zeigen sollten, ob er versteht, was er gelesen hat. „Die üblichen Schulbücher haben wir jetzt alle gelesen“, sagt Rumker bereits nach dem zweiten Tag. „Jetzt suche ich Bücher, die sich zum Beispiel mit dem Thema Fußball beschäftigen, weil er sich für Fußball interessiert.“ Er schrieb sogar einen Comic, den er den anderen Kindern vorlas. Außerdem überlegten sich die drei Nachhilfelehrerinnen, Buchstaben auf den Boden zu kleben oder aus Knete zu formen. „So verbinden die Kinder mit den Buchstaben nicht nur Lesen und Schreiben“, zeigt sich Rumker überzeugt.

Außerdem hatte sie und ihre beiden Mitstreiterinnen Kontakt zu der Klassenlehrerin der beiden Erstklässler aufgenommen, um zu erfahren, wo die Schwächen der Schüler liegen. In den Pausen gibt es Bewegungsspiele. Die drei Betreuerinnen achteten auch auf Integrität: „Vor und nach jedem Nachhilfetag sprechen wir mit den Kindern und stellen fest: Sie merken selbst, dass sie sich weiterentwickeln. Und sie lernen, dass Fehler unsere Freunde sind, weil man nur durch Fehler lernen kann.“ Die Kinder seien auch sehr dankbar dafür, dass sie alles üben können und fühlten sich schon nach wenigen Tagen viel sicherer.

Von: Alexandra Wolff

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