Das verantwortliche Selbstvertrauen, der Krise weder panisch noch ignorant zu begegnen, wurzelt in Gottvertrauen, schreiben Karl-Hinrich Manzke und Lutz Gäbler in einem Essay

Das verantwortliche Selbstvertrauen, der Krise weder panisch noch ignorant zu begegnen, wurzelt in Gottvertrauen, schreiben Karl-Hinrich Manzke und Lutz Gäbler in einem Essay

Corona-Krise als Anlass zum Innehalten

Was kann die christliche Theologie zum Umgang mit der Corona-Krise beitragen? Karl-Hinrich Manzke, Bischof der evangelischen Landeskirche Schaumburg-Lippe, und sein Theologischer Referent Lutz Gräber haben diese Frage in einem Debattenbeitrag aufgegriffen und schlagen vor, die Krise zum Innehalten zu nutzen.

Mehr als einmal wurde in den vergangenen Wochen Kritik an der Kirche laut, sie habe zu wenig Theologisches zur Corona-Krise gesagt. In den vergangenen Tagen haben sich bespielsweise der Historiker Michael Wolffsohn und die Philosophin Olivia Mitscherlich-Schönherr so geäußert. Ein Beitrag der Vereinigten Evangelisch-Lutherischen Kirche Deutschlands (VELKD), also des Zusammenschlusses sieben lutherischer Landeskirchen, möchte in diese „Leerstelle“ in der „öffentlichen Wahrnehmung“ treten, wie es im Vorwort zu dem Essay „Kontrollverlust und Gottvertrauen – Corona und die Theologie“ heißt. Denn obwohl es diverse Äußerungen vonseiten der Kirche gab, sei es offenbar nicht ausreichend gelungen, „den Nerv der Zeit zu treffen und als hilfreiche Daseinsdeutung wahrgenommen zu werden“.

Karl-Hinrich Manzke, Bischof der Landeskirche Schaumburg-Lippe, und sein Theologischer Referent Lutz Gräber greifen in dem Text verschiedene Deutungen der Krise auf und machen Vorschläge, was die Theologie dazu beitragen kann. Sie sehen in der Corona-Krise einen Anlass innezuhalten. Sie habe das Potential einer „heilsamen Unterbrechung“, schreiben sie und verwenden damit eine Formulierung, die der Theologe Friedrich Schleiermacher für den Gottesdienst gebrauchte: „Durch Unterbrechungen des übrigen Lebens kommt das Leben dann zu seiner eigentlichen Freiheit, wenn die Unterbrechung genutzt wird, um die Ausrichtung des gesellschaftlichen Lebens in den Blick zu nehmen, Korrekturen zu bedenken und die Zielsetzungen des gesellschaftlichen Lebens neu zu bestimmen“, schreiben Manzke und Gräber. Als eine Botschaft Gottes sehen sie das Virus nicht, betonen sie.

Für ihre Argumentation greifen sie zunächst auf den Reformator Martin Luther und den Aufklärer Gottfried Wilhelm Leibniz zurück. Luther habe seinerzeit die Pest nicht als unmittelbare Strafe Gottes angesehen und vielmehr dazu geraten, die Gefahr mit den möglichen Mitteln von Wissenschaft und Medizin zu bekämpfen, Menschen in Not zu unterstützen und zu beten.

Leibniz habe die Auffassung vertreten, dass Gott die beste aller möglichen Welten geschaffen habe und das Böse nicht auf ihn zurückzuführen sei. Leid und Tod seien die Folge des „metaphysischen Übels“ und der Unvollkommenheit, die es in der Welt auch gebe. Weil Gott aber das Gute wolle, befähige er die Menschen, Gefahren durch Wissen und Vernunft zu überwinden, referieren Manzke und Gräber die Ideen Leibniz’. Vernunft und Gottvertrauen seien demnach untrennbar verknüpft.

Vertrauen gewinnen und Selbstkritik üben

Mit Blick auf die Corona-Pandemie könnten die Menschen durch das Vertrauen auf Gott auch Selbstvertrauen gewinnen. Dieses Vertrauen helfe dabei, sowohl hysterische Angst als auch Ignoranz gegenüber der Gefahr zu vermeiden, erklären die Autoren und betonen: „Wenn das Vertrauen bei und zwischen Entscheidern und Akteuren in einer freien Gesellschaft nicht trägt, sind alle noch so klug erdachten Maßnahmen wirkungslos.“ Sie loben, dass sich die liberale Gesellschaft und das demokratische System in der Krise als stabil erwiesen hätten. Von der christlichen Theologie fordern sie, sich in die Debatte über Werte einzubringen, die zueinander in Spannung stehen, wie der Schutz des Lebens und die Würde des Menschen. Die christliche Religion als „kulturelle Kraft“ stehe dafür ein, dass dabei keine Position absolut gesetzt werde.

Darüber hinaus könne die Krise dabei helfen, den eigenen und gesellschaftlichen Lebensstil zu korrigieren und selbstkritisch zu hinterfragen. Das Beispiel von Jesus zeige etwa, dass in einer Selbstbeschränkung, im Verzicht auf Möglichkeiten, auch ein Schlüssel zur Freiheit liege. Dieses „Deutungspotential“ sei etwa bei Fragen hilfreich, wie viele Schulden der Staat wegen der Corona-Maßnahmen aufnehmen solle und wie das die nachfolgenden Generationen belaste; oder bei Fragen danach, was zum Leben wirklich nötig ist: „Brauchen wir alle Beschleunigungen des Lebens, an die wir uns gewöhnt haben?“

Es gelte, „den sehr riskanten und überheblichen Lebensstil zu erkennen, der in den reichen Gesellschaften zur Gewohnheit geworden ist“, und ihn zu verändern. Manzke und Gräber ziehen dazu den Begriff der Sünde heran. Der beschreibe eine dauerhafte Entfernung von Gottes Zielen für die Menschen. Daher sei „Sünde“ nicht dazu da, ein schlechtes Gewissen zu machen, sondern dabei zu helfen, „die Menschlichkeit immer wieder neu zu entdecken und zu formen“.

Von: Jonathan Steinert

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