Ehrenamtliche Mitarbeiter heißen die Gäste willkommen

Ehrenamtliche Mitarbeiter heißen die Gäste willkommen

Oase im Alltagsstress

Auf den ersten Blick ist das Einkaufszentrum Huma im nordrhein-westfälischen St. Augustin wie jedes andere. Wer genau hinschaut, entdeckt einen Unterschied. Zwischen Reisebüro, Schuhgeschäft und Spielzeugladen gibt es den Erlebnisraum Hoffnung. Das Angebot der Kirchen soll eine Oase der Ruhe im Alltagsstress bieten.

Ruhe und Entspannung im stressigen Alltag finden, ist nicht leicht. Der Erlebnisraum Hoffnung im St. Augustiner Einkaufszentrum Huma soll genau das ermöglichen. Die katholischen und evangelischen Pfarreien der 55.000-Einwohner-Stadt haben ihn gemeinsam initiiert. An zwei Tagen in der Woche können Interessierte ihn nutzen, um zur Ruhe zu kommen.

Der Ort, mitten im Trubel der Shoppingwelt, ist bewusst gewählt. „Kirche will dort sein, wo die Menschen sind“, sagt Ursula Nothelle-Wildfeuer. Sie ist Vorsitzende des ökumenischen Trägervereins LebensRaum Kirche. Die Idee für solch einen Raum gibt es schon seit 2010. Ende 2018 wurde sie im Zusammenspiel mit Center-Management, Politik und Stadt Wirklichkeit. Die Konzeptionierung unterstützte eine Unternehmensberaterin.

Das Angebot soll ein Ort der Ruhe sein und es soll inspirieren. Dabei helfen Stationen, die dazu anregen, über ein bestimmtes Thema nachzudenken. Aktuell geht es um Hoffnung. Darüber hinaus stehen zwei von 14 ehrenamtlichen Helfer für die Gäste bereit, um persönliche Dinge zu besprechen.

So ist es auch heute Nachmittag. Die Tür zum Erlebnisraum mit einer interaktiven Ausstellung steht weit offen. Weiße Buchstaben auf einem Schild leuchten: „Es gibt noch Hoffnung!“ Das Licht ist gedämpft. Eine lange Tischreihe und eine gemütliche Sofaecke laden zum Verweilen ein. Weiter hinten befindet sich eine Küchenzeile.

Heute sind die beiden Ehrenamtlichen Hans-Peter Schwellenbach und Beatrix Gronen da. Sie nehmen sich Zeit für Gespräche, beantworten Fragen und hören sich an, was die Besucher beschäftigt. Der 78-Jährige hat beim Erzbistum Köln gearbeitet und ist von Anfang an als ehrenamtlicher Helfer dabei: „Ich investiere nicht nur, sondern bekomme auch persönlich etwas zurück. Über manche Probleme und Fragen der Besucher denke ich zu Hause weiter nach“, erzählt er.

Die 60-jährige Erzieherin Gronen hat gerade ihren Frühdienst im Kindergarten beendet. Sie hat durch ihre katholische Pfarrei erfahren, dass Ehrenamtliche gesucht werden, und sich „beworben“. „Wer mitmachen möchte, sollte tolerant sein, zuhören und sich Menschen verschiedener Religionen öffnen können“, beschreibt Helga Hansmann, zweite Vorsitzende von LebensRaum Kirche, das Anforderungsprofil. Die Helfer werden nach Verfügbarkeit donnerstags von 16 bis 19 Uhr und samstags von 11 bis 14 Uhr eingeteilt.

Schönster Platz im Einkaufszentrum

Nach einer Viertelstunde kommen die ersten Gäste. Sie möchten die Ankündigung für ein Taizé-Gebet aushängen. Die Dame am Informationsschalter hatte sie darauf hingewiesen, dass dies hier sicher möglich sei. Das ältere Ehepaar kannte den Raum bisher nicht. Schwellenbach erkennt am Dialekt, dass sie nicht ursprünglich aus dem Rheinland stammen. Und schon ist das Gespräch eröffnet. Er erklärt das Konzept des Raumes. Hier können die Besucher „abstimmen“, wie viel Hoffnung sie haben. Wer möchte, kann ein Gebet formulieren. Wenn die Besucher das transparente Papier, auf das sie ihr Gebet geschrieben haben, in die vorgesehene Halterung stecken, sieht es wie eine Kerze aus. In der Ecke der letzten Station hängt ein Kreuz. Für das Ehepaar steht nach wenigen Minuten fest: „Das ist der schönste Platz im gesamten Einkaufszentrum.“ Als beide den Raum verlassen haben, dokumentieren die Ehrenamtlichen die Stichworte und das Hauptanliegen des Gesprächs.

Draußen stehen zwei Jugendliche vor dem Raum. Sie lesen den Spruch: „Lass Dich nicht von der Hoffnung verführen.“ Nach einem abfälligen Kommentar betreten sie den Raum doch, absolvieren den Parcours und loben die gute Idee.

Skeptische Jugendliche

Das Alter der Besucher ist bunt gemischt. Die Jugendlichen, die jetzt vorbeilaufen, sind skeptisch. Sie lesen die Frage: „Glaubst Du an Gott?“, antworten laut: „Ich glaube an mich!“, und wenden sich ab. „Manche Gäste kommen regelmäßig“, erzählt Schwellenbach. Alle sechs bis acht Wochen treffen sich die ehrenamtlichen Helfer zum Austausch. Um Menschen stärken zu können, haben sie sich von konfessionellen Beratungsstellen Impulse geholt. Eine jährliche Fortbildung soll dabei helfen, auch schwierige Gesprächssituationen zu meistern und eine Willkommenskultur zu schaffen.

Jüngst stürzte eine Frau in den Raum, erzählt Hansmann: „Sie brauchen mich gar nicht anzusprechen. Ich weiß Bescheid.“ Sie rannte an den verdutzten Helfern vorbei, schrieb ein Gebet auf und verschwand genau so schnell wieder, wie sie gekommen war. Der nächste Gast ist Dozent an der Fachhochschule St. Augus­tin. Er will den Raum seinem englischsprachigen Begleiter zeigen. Leise unterhalten sie sich über die Fragen zur Hoffnung. Auch aus dem Seniorenheim um die Ecke kommen regelmäßig Gäste, die sich hier über Gesprächspartner freuen. „Je mehr Menschen im Raum sind, desto eher treten andere über die Schwelle“, ist Gronens Erfahrung. Die Frau aus dem benachbarten Hangelar, die jetzt den Raum betritt, kennt sie persönlich. Nach einem kurzen Gespräch liest die Frau noch ein wenig.

Richtig voll ist der Raum, wenn das neue Angebot „Talk in der Huma“ stattfindet. Drei Personen sprechen in 90 Minuten über das Thema Hoffnung. Demnächst ist der Astronaut Reinhold Ewald zu Gast, der die Mission von Alexander Gerst begleitet hat. Im April kommt der Meteorologe Sven Plöger.

Seit kurzem ist auch die Freie evangelische Gemeinde St. Augustin in das Projekt involviert. Miete für die Räume muss der Verein nicht bezahlen. Die anderen laufenden Kosten trägt er, und die Einrichtung hat er auch bezahlt. Die Kirchengemeinden, die Bürgerstiftung und das Diakonische Werk unterstützen das Projekt finanziell. Um das Angebot bekannter zu machen, soll bald eine Hinweistafel in der Ladenzeile aufgestellt werden.

Schwellenbach erklärt: „Heute fehlen Ortsmittelpunkte. Früher waren das Rathaus und Kirche. Ich wünsche mir, dass sich dieser Ort zu einer Kapelle in der Huma entwickelt.“ Zu einem Ort, an dem die Menschen dem Trubel entfliehen können, um sich eine Atempause zu gönnen.

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Von: Johannes Blöcher-Weil

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