Jacqueline Straub fing als Teenager Feuer für den Glauben. Heute arbeitet sie als Journalistin bei einem christlichen Sender.

Jacqueline Straub fing als Teenager Feuer für den Glauben. Heute arbeitet sie als Journalistin bei einem christlichen Sender.

Priesterin in spe

Jacqueline Straub will katholische Priesterin werden. Das ist so gut wie unmöglich: Frauen sind in der Katholischen Kirche nicht als Geistliche vorgesehen. Doch Straub fühlt sich berufen und kämpft für ihr Ziel – die Aufmerksamkeit der Medien ist ihr gewiss. Die BBC kürte sie gar als eine der 100 einflussreichsten und inspirierendsten Frauen 2018.

Hätte an jenem Morgen nicht die lokale Zeitung vor der Tür des Hauses in Freiburg gelegen, in dem Jacqueline Straub als Studentin wohnte – vielleicht wäre vieles ganz anders gekommen. Aber sie lag nun einmal da. Das tat sie sonst nie. Und weil die junge Frau neugierig war, nahm sie die Zeitung mit in ihre Wohnung, wollte nur einmal einen Blick hineinwerfen und sie dann wieder für den rechtmäßigen Besitzer auf den Treppenabsatz zurücklegen. Was drin stand, fesselte ihre Aufmerksamkeit: Der in Freiburg ansässige katholische Herder-Verlag plante, ein Buch mit Texten herauszugeben, die Bürger der Stadt an Papst Benedikt XVI. schreiben, als Geschenk, wenn der deutsche Papst zu Besuch kommt. Wer mochte, konnte seinen Text beim Verlag einreichen. Das war 2011. Straub, Studentin der Katholischen Theologie, sagte sich: Ich mache mit. Sie überlegte, ein Gedicht zu verfassen. Doch Dichten gehörte nicht gerade zu ihren Stärken. Später entschied sie sich, dem Oberhaupt ihrer Kirche einen Brief zu schreiben: davon, dass ihre Kommilitonen und sie gerade viel über den Zölibat diskutierten, ob nicht die priesterliche Pflicht, unverheiratet zu bleiben, aufgehoben werden könne. Und sie schrieb davon, dass sie selbst gern Priesterin werden würde.

Straub dachte sich nichts weiter dabei, als sie den Brief beim Verlag einreichte. Sicherlich zu liberal, um abgedruckt zu werden. Doch er erschien im Buch für den Papst. Mehrere Regionalzeitungen berichteten darüber, dass Straub ihren provokanten Wunsch dem Papst mitteilte. Denn „Frau“ und „Priester“ sind zwei Begriffe, die im System der Katholischen Kirche in etwa so gut zusammenpassen wie Pinguin und Nordpol. Gut ein Jahr später bekam Straub eine Anfrage, an der Dokumentation „Jesus und die verschwundenen Frauen“ als Protagonistin mitzuwirken. Sie sagte zu. Der 45-minütige Film lief 2013 im ZDF, ORF, später im SRF und auf Phönix. Seitdem ist Straub eine öffentliche Person, kaum ein Monat vergeht, in dem sie mit ihrem Anliegen nicht in der Presse oder im Fernsehen ist. Auch bei Reinhold Beckmann und Markus Lanz saß sie schon im Talk-Sessel. Ihr Kampf ist kühn und nahezu aussichtslos, dazu ist Straub eloquent, hübsch und sympathisch. Der Stoff und die Protagonistin sind wie für die Medien gemacht. Dabei hat es die junge Frau gar nicht drauf angelegt.

Jesus berief Männer

Dass sie Priesterin werden will, weiß Straub, seit sie Teenager war. Aufgewachsen in einer traditionell katholischen Familie, deren Gottesdienstbesuch sich vor allem auf Ostern und Weihnachten beschränkte, konnte sie als Kind wenig mit der Kirche anfangen. „Die Kirche war ein fremder Ort für mich“, erzählt sie. Nachdem die Familie in einen anderen Ort gezogen war, hatte Straub dort eine Freundin, freikirchlich und sehr gläubig. „Ich hatte bis dahin niemanden mit einem so lebendigen Glauben kennengelernt“, sagt Straub.

Sie besorgt sich eine Bibel, die in die Handtasche passt, und fährt mit ihrer Freundin auf ein christliches Sommercamp. Dort, mit 15 Jahren, fängt sie Feuer für den Glauben. Sie spürt: Gott hat etwas vor mit mir. Sie will das tun, was ihr Pfarrer tut, den sie cool findet, der ihre Sprache spricht. „Aber ich habe den Wunsch schnell von mir gestoßen, denn ich wusste, das geht nicht.“

Mit 17 Jahren steigt sie in ihrer Gemeinde als Ministrantin ein. Sie will vor allem die Dienste am Altar übernehmen, um möglichst nah dran zu sein am Geschehen: die Gaben für die Eucharistiefeier an den Altar bringen, dem Priester Wasser und Wein reichen, die Glocke bei der Wandlung des Mahles schellen. Ermutigt von ihrem Pfarrer und dem Pastoralreferenten beginnt Straub nach dem Abitur ihr Theologiestudium in Freiburg. Als sie Papst Benedikt schreibt, ist sie im dritten Semes-ter. Eine Antwort bekommt sie von ihm nicht. An Franziskus hat sie auch schon zweimal geschrieben, ein dritter Brief ist in Arbeit. Auf ihren ersten Brief an ihn antwortete Pietro Parolin, der Staatssekretär des Papstes, freundliche Floskeln. Die Reaktion auf das zweite Schreiben fällt deutlicher aus: Es tue ihm leid, aber Frauen könnten nicht zum Priesterdienst berufen sein. Erst in diesem Jahr hat der Präfekt der Glaubenskongregation die dogmatische Festlegung bestätigt, dass Frauen von der Priesterweihe grundsätzlich ausgeschlossen sind. Auch Papst Franziskus selbst hat sich in seinem Schreiben „Evangelii gaudium“ so geäußert. Die Spitze der Katholischen Kirche sieht in dieser Frage keinen Diskussionsbedarf.

Die Kirche aus dem Koma kicken

Die Begründungen, die seinerzeit Johannes Paul II. und zuvor schon Paul VI. anführten, lässt Straub nicht gelten. So heißt es etwa, Christus selbst habe nur Männer zu Aposteln berufen, also habe die Kirche nicht die Vollmacht, Frauen zu Pries-terinnen zu weihen. Die 28-jährige Theologin sieht in der Aussendung von zwölf männlichen Aposteln ein Bild für die zwölf Stämme der Juden, denen Jesu Botschaft gilt. Außerdem sei in der Bibel nicht von der „Mannwerdung“ Christi die Rede, sondern von seiner „Menschwerdung“. Die theologischen Argumente der Kirche seien falsch. Frauen werde Unrecht getan, wenn ihre Berufung noch nicht einmal geprüft werde. „Die Kirche schränkt Gott ein, wenn sie sagt, er könne keine Frauen berufen.“

Straub hat ihre Argumente parat, wenn sie nach ihrer Position gefragt wird. Unzählige Male hat sie sie schon vorgebracht in Vorträgen, vor Journalisten, in Diskussionen. Die Konfrontation mit Geistlichen, die anderer Meinung sind, scheut sie nicht, auch nicht vor der Kamera. „Ich bekomme immer neue Kraft von Gott, sonst könnte ich es nicht.“ Trotz der vielen Niederlagen in der Auseinandersetzung mit der kirchlichen Leitung weiß sie viele Unterstützer hinter sich, auch aus der Kirche selbst und ebenso aus anderen Ländern. Ab und zu laden Pries-ter und Diakone sie ein zu predigen.

Dass sich die Medien so für ihr Anliegen interessieren würden, hätte sie nicht erwartet. „Ich kannte die Medienlandschaft nicht wirklich gut“, gesteht sie. Heute nutze sie die Medien auch selbst aktiver, um ihr Anliegen in die Öffentlichkeit zu bringen. Auf Facebook und Instagram postet sie regelmäßig Gedanken über die Kirche und ihr eigenes Glaubensleben, ihr Nutzername auf Twitter ist „@JaciForPriest“. Drei Bücher hat sie mittlerweile geschrieben. Zwei zu ihrem Lebensthema; mit ihrem neuesten Buch will die Hobbyboxerin ihre Kirche „aus dem Koma kicken“, wie es im Titel heißt: Die solle mehr die Jugend ansprechen, mehr Jesus predigen, mehr den Glauben statt die Moral in den Vordergrund stellen – und natürlich Frauen weihen.

Nach ihrem Auftritt bei „Beckmann“ riet ihr damaliger Professor, der auch für Priesterinnenweihe ist, Straub solle sich besser keine Arbeit in der Kirche suchen. Sonst könnte sie Schwierigkeiten bekommen, wenn sie weiterhin ihren Weg zur Priesterin freikämpfen würde. So arbeitet Straub als Journalistin beim christlichen Sender ERF Schweiz. Als einzige Katholikin in der Redaktion. Sollte sie tatsächlich irgendwann katholische Priesterin werden, wird zuvor der Zölibat gefallen sein. Denn verheiratet ist sie schon.

Dieser Text erschien in der Ausgabe 5/2018 des Christlichen Medienmagazins pro. Bestellen Sie pro hier kostenlos.

Von: Jonathan Steinert

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