Thomas Schirrmacher (rechts) nimmt als Vize-Generalsekretär der Weltweiten Theologischen Allianz an Gesprächen mit dem ÖRK teil. Außerdem ist er Mitglied der Faith and Order Commission des ÖRK.

Thomas Schirrmacher (rechts) nimmt als Vize-Generalsekretär der Weltweiten Theologischen Allianz an Gesprächen mit dem ÖRK teil. Außerdem ist er Mitglied der Faith and Order Commission des ÖRK.

„Es gerät etwas in Bewegung“

Am Donnerstag vor 70 Jahren ist der Ökumenische Rat der Kirchen (ÖRK) gegründet worden. Der Theologe Thomas Schirrmacher über die Geschichte des „Weltkirchenrates“, warum die Katholiken kein Mitglied sind – und warum er einen missionarischen Aufbruch auch in Deutschland sieht.

pro: Der Ökumenische Rat der Kirchen (ÖRK) wird am Donnerstag 70 Jahre alt. Warum gibt es ihn?

Thomas Schirrmacher: Der ÖRK ging ursprünglich aus der evangelikalen Bewegung, aus der Erweckungsbewegung hervor. Christen waren schon Mitte des 19. Jahrhunderts der Überzeugung, dass es der Verkündigung des Evangeliums schadet, wenn sie so uneinig sind. In Verbindung mit den Weltkonferenzen für Mission 1927 und 1937 wurde der Vorläufer des ÖRK gegründet, die Faith and Order Commission, also die Kommission für Glaube und Kirchenverfassung. Daraus entwickelte sich 1948 der ÖRK. Die Faith and Order Commission besteht weiterhin, sie ist sozusagen die theologische Kommission des ÖRK. Politische und kirchliche Einigungsbewegungen kamen damals gleichzeitig. Es ist kein Zufall, dass zur selben Zeit etwa die Vereinten Nationen gegründet wurden.

348 Kirchen sind Mitglied im ÖRK. Bei Ökumene denkt man zuerst an den Dialog zwischen Protestanten und Katholiken. Doch ausgerechnet die Römisch-Katholische Kirche (RKK) ist kein vollwertiges Mitglied im ÖRK. Warum?

Der ÖRK hätte das von Anfang an gerne gesehen. Es gibt eine gemeinsame Arbeitsgruppe zwischen ÖRK und RKK, aber vor dem Zweiten Vatikanischen Konzil hatten die Katholiken den Anspruch: Die Römisch-Katholische Kirche repräsentiert die Kirche auf Erden – und ist damit die ökumenische Kirche.

Die RKK hätte also schon Probleme zu sagen: Ökumenischer Rat der KIRCHEN, die gibt es ja nur im Singular.

Damals, ja. Nach dem zweiten Vatikanischen Konzil 1967 öffnete sich das Verständnis. Heute sind die Beziehungen deutlich enger. Die Katholische Kirche ist zum Beispiel Vollmitglied in der Faith and Order Commission. Man darf aber nicht vergessen: Wäre die Katholische Kirche Mitglied im ÖRK, wären zwei Drittel aller Mitglieder katholisch. Das würde bedeuten, auch zwei Drittel aller Posten müssten von Katholiken besetzt werden.

Sie nehmen als Vize-Generalsekretär der Weltweiten Evangelischen Allianz (WEA) an Gesprächen mit dem ÖRK teil. Ist die WEA eine Konkurrentin oder eine Partnerin des ÖRK?

Die lange Vorgeschichte und die Wurzeln des ÖRK liegen durchaus in den Reihen der WEA. In den 60er Jahren kam es jedoch zu einer Entfremdung zwischen der WEA und dem ÖRK. Die liberalen Kirchen gerade aus Deutschland gaben – auch finanziell – immer mehr den Ton an. Die konservative Bekenntnisbewegung hingegen bekämpfte die liberale Theologie, die etwa von Rudolf Bultmann vertreten wurde. Es kam zum Zerwürfnis. Ich sage aber selbstkritisch, dass damals ÖRK und WEA zu stark vom Kalten Krieg geprägt wurden. Der ÖRK leugnete sozusagen jede Art von Christenverfolgung in der Sowjetunion, während die amerikanisch geprägte Allianz zwar Christenverfolgung beklagte, aber eben vor allem in den kommunistischen Ländern. Die Christenverfolgung in islamisch geprägten Ländern kam in der Diskussion so gut wie nicht vor.

Wie ging es nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion weiter?

Nach dem Kalten Krieg ging die Finanzierung des ÖRK durch die liberalen Kirchen stark zurück. Der Süden wurde konservativer, evangelikaler, pro Evangelisation. Die Mitgliedskirchen aus dem globalen Süden waren überwiegend evangelikal. Gleichzeitig wurden die orthodoxen Kirchen frei von staatlicher Unterdrückung und meldeten sich sehr deutlich zu Wort. Der ÖRK war bis dato Vorreiter in der Ansicht, praktizierte Homosexualität sei keine Sünde. Die Orthodoxen protestierten lautstark. Die Folge: Seit etwa 2000 gibt es kein offizielles Statement des ÖRK zu Homosexualität. Der Erzbischof von Canterbury wurde 2010 auf einer Pressekonferenz im Rahmen eines ÖRK-Treffens in Korea gefragt, was er von Homosexualität halte. Seine Antwort: Sie wissen, dass wir uns hier nicht dazu äußern. Fragen Sie mich, wenn ich wieder in London bin.

Papst ruft zu Evangelisation auf

Wie ist heute das Verhältnis zur WEA?

Sehr gut. Der ÖRK hat vor einiger Zeit ein Missionspapier geschrieben. Durch unser gutes Verhältnis gehen solche Dokumente automatisch zur Durchsicht an den Gesprächspartner. Wir antworteten, dass wir alles gut finden, was im Dokument steht: Gleichberechtigung der Frau, Einsatz für Frieden, soziale Gerechtigkeit und so weiter. Nur: Wir würden dies nicht unbedingt alles Mission nennen. Und vor allem fehlte uns der Punkt, der uns an Mission am wichtigsten ist: Evangelisation. Daraufhin sollten wir einen Gegenvorschlag machen. Wir schrieben einen Absatz mit dem Inhalt, dass die „verbale Form der Mission“ Ausgangspunkt der Mission und unverzichtbar ist. Dieser Absatz hat alle Überarbeitungen überlebt.

Wie sieht die Katholische Kirche den ÖRK heute?

Papst Franziskus trat zu den offiziellen Feierlichkeiten zum 70. Jubiläum des ÖRK als Ehrengast auf. Es war das erste Mal, dass ein Papst die Ökumene nicht mit dem Papstamt verknüpft hat. Er sagte dann, bei all dem Netten müsse er etwas betonen: Der ÖRK sei für Mission und Evangelisation gegründet worden. Das sei aber aus dem Blick geraten. Es gebe schließlich keine Einheit der Kirchen ohne Mission und Evangelisation. Damit teilt er die Kritik der Evangelikalen.

Manche Christen kritisieren an den ökumenischen Bestrebungen, dass damit die biblische Lehre verwässert werde. Was sagen Sie zu dem Vorwurf?

In der WEA hat es noch nie den Gedanken gegeben, dass Einheit an der Lehre vorbei möglich ist. Das ist auch offizielle Sicht der Katholischen Kirche. Im Gründungsdokument des ÖRK ist das ebenso. Daher gibt es auch die Faith and Order Commission. Sie ist gewissermaßen die „Edelkommission“, also die, die letztlich entscheidet. Lehre ist nicht verhandelbar.

Wer darf Mitglied werden im ÖRK? Dürften zum Beispiel die Zeugen Jehovas oder die Mormonen mitmachen?

Der ÖRK hat ein Glaubensbekenntnis, das jedes Mitglied unterschreiben muss. Dazu gehören die klassischen altkirchlichen Lehren: die Dreieinigkeit, Jesus als wahrer Mensch und wahrer Gott, der stellvertretende Sühnetod Jesu am Kreuz, die alleinige Erlösung durch Jesus Christus. Es gab bereits Diskussionen darüber, ob es nicht auch andere Wege zum Heil gibt. Aber es gibt bis heute kein ÖRK-Dokument darüber, dass auch andere Religionen Erlösung bringen können.

„Wir brauchen dringend die Hilfe der Kirchen aus dem globalen Süden“

Welche Erfolge kann der ÖRK vorweisen?

Ich denke da zum Beispiel an das Dokument „Christliches Zeugnis in einer multireligiösen Welt“ von 2011, das der ÖRK, die WEA und der Vatikan in einem Zeitraum von fünf Jahren entwickelt haben. Der Text beginnt mit den Worten: „Mission gehört zutiefst zum Wesen der Kirche. Darum ist es für jeden Christen und jede Christin unverzichtbar, Gottes Wort zu verkünden und seinen/ihren Glauben in der Welt zu bezeugen.“ Zumindest auf dem Papier sind damit alle Diskussion über den Stellenwert und darüber, was Mission überhaupt ist, beendet worden. Und zwar ohne dabei die Lehre aufzugeben.

Geraten die liberalen Kräfte global gesehen ins Hintertreffen?

Aus meiner Sicht ja. Zum einen war der Einfluss vor allem durch Finanzen, Personal und Politik geprägt, und nicht durch einen Einfluss, der auf der Lebendigkeit der Kirchen beruhte und damit der tatsächlichen Situation entsprach. So wie bei den Evangelikalen alles fest in amerikanischer Hand war – da bin ich selbstkritisch – war es keine Frage, dass der ÖRK den globalen Süden mehr wie Kinder denn als gleichberechtigte Partner behandelt hat. Im Juni 2018 bewarben sich zwei Länder um die Ausrichtung der Weltkirchenkonferenz des ÖRK 2021, das läuft ein bisschen wie bei der Vergabe der Olympischen Spiele: Deutschland mit Karlsruhe und Südafrika mit Kapstadt. Heinrich Bedford-Strohm, Ratsvorsitzender der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), war extra nach Genf gereist, um die deutsche Bewerbung vorzustellen. Man hatte den Eindruck, die Rollen sind hier vertauscht. Die Südafrikaner stellten ihre Bewerbung vor, wie es die Deutschen vor 20 Jahren gemacht hätten: Dass sie die Unterstützung des Staates haben, wie viele Millionen sie davon bekommen, was technisch gut läuft und wie viele Hotels sie haben. Die EKD hat interessanterweise nicht nur ein sehr schönes Video gezeigt, sondern klipp und klar gesagt: Wir brauchen dringend die Hilfe der Kirchen aus dem globalen Süden. In dem Video aus Deutschland waren sehr viele evangelikale missionarisch aktive Menschen zu sehen. Das zeigt mir, dass etwas in Bewegung ist. Mit großer Mehrheit entschieden sich die Delegierten für Karlsruhe.

Erwarten Sie dadurch einen Aufbruch auch in Deutschland?

Es ist auf jeden Fall positiv, wenn deutsche Kirchen, auch die evangelikalen, ihre Hoffnungen nicht nur auf ihre historische Stärke oder nur auf amerikanische Konzepte setzen, sondern auch auf die geistlichen Impulse aus dem globalen Süden. Das ist eine Trendwende. Ich glaube, dass etwas in Bewegung gerät.

Vielen Dank für das Gespräch!

Die Fragen stellte Nicolai Franz

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