Bei der MEHR-Konferenz in Augsburg kommen Angehörige verschiedener Konfessionen zusammen, um Gott zu loben

Bei der MEHR-Konferenz in Augsburg kommen Angehörige verschiedener Konfessionen zusammen, um Gott zu loben

Mehr Gemeinsames als Trennendes: Katholiken und Evangelikale

Evangelikaler Konfessionalismus ist nicht mehr zeitgemäß. Ein Plädoyer für die Ökumene von Pfarrer Gerrit Hohage

Ab Donnerstag werden in Augsburg bei der MEHR-Konferenz Angehörige der verschiedensten Konfessionen und Gemeinschaften zusammenkommen, um gemeinsam zu beten und Gott zu loben. Ihre Triebfeder: Das Einssein in der gelebten Jüngerschaft Jesu Christi.

Was sie verbindet ist die Erfahrung seiner realen Gegenwart, ist der Glaube an ihn, den wahren und lebendigen Sohn Gottes nach dem Wortlaut der Schrift und den altkirchlichen Bekenntnissen. Es ist die Wirksamkeit seines Heiligen Geistes, der ganz offensichtlich nicht an Konfessionsgrenzen halt macht. Und gerade deshalb gibt es das: Eine Erfahrung der Geschwisterlichkeit, deren Grundlage tiefer liegt als die Unterschiede zwischen den Konfessionen. Sie ist nämlich biblisch – sie entstammt dem hohepriesterlichen Gebet Jesu, aufgeschrieben in Johannes 17, und dem Ruf zur Einheit in 1. Korinther 1.

Evangelikale Christen als Ökumene-Kritiker

Dass es heute solche Treffen gibt, ist keineswegs selbstverständlich. Vor rund hundert Jahren waren die Fronten zwischen katholischen und reformatorischen Christen noch völlig unversöhnlich. Und es ist gerade fünfzig Jahre her, dass unter evangelikalen Christen vor dem „Zusammenschluss der Kirchen“ gewarnt wurde. So lautete der Titel eines damals sehr bekannten Büchleins von Hellmuth Frey. Hierbei handelte es sich vor allem um eine Reaktion auf die Arbeit des 1948 gegründeten „Ökumenischen Rates der Kirchen“, in dem die Katholische Kirche übrigens genau wie die Weltweite Evangelische Allianz lediglich Gaststatus hat.

Dieser „Ökumene“ standen evangelikale Christen stets skeptisch gegenüber: Augenzeugenberichten zufolge scheinen ihre Gremien über Jahrzehnte durch neomarxistisch geprägte Seilschaften dominiert gewesen zu sein, und so sahen mitunter auch die Inhalte aus, über die gesprochen wurde.

Wenn heute manche Evangelikale angesichts des offensichtlich stark verbesserten Miteinanders zwischen Evangelikalen und Katholiken erschrocken die Frage stellen, ob das denn so sein darf oder ob man sich hier am Ende in dasselbe liberale Fahrwasser begibt oder sich mit dem Antichristen oder der Hure Babylon einlässt, dann muss man genau hinsehen. Denn hier gibt es einige Fäden, die entwirrt werden müssen, und es muss geprüft werden, ob die damaligen Gründe für den traditionellen evangelikalen Konfessionalismus heute wirklich noch zutreffen. Vier Fäden aus dem Knäuel sollten dringend freigelegt werden:

Erstens: Textstudium reicht nicht

Vor hundert beziehungsweise fünfzig Jahren haben sich Evangelikale mit der Katholischen Kirche vor allem durch das Studium dogmatischer Verlautbarungen beschäftigt. Persönliche Begegnungen waren selten, kamen aber vor. Denn einige der evangelikalen Vorväter (und –Mütter!) haben intensive persönliche Kontakte zu Katholiken gehabt und dabei dieselbe Erfahrung tiefer geistlicher Verbundenheit gemacht wie in überkonfessionellen Bewegungen heute.

Nikolaus Ludwig Graf von Zinzendorf zum Beispiel waren konfessionelle Grenzen angesichts der Nachfolge Jesu nachgeordnet. Anna Schlatter, die Urgroßmutter des Tübinger Theologen Adolf Schlatter, war im 18. Jahrhundert für ihre überkonfessionellen Kontakte bekannt. Warum ist das wichtig? In der persönlichen Begegnung spürt man den Geist, der da weht. Wenn zwei Menschen zu Jesus gehören, dann sagt der Heilige Geist im einen dem Heiligen Geist im anderen „guten Tag“. Diese Erfahrung kann man nicht machen, wenn man sich lediglich mit Texten beschäftigt und keinen Anhaltspunkt hat, wie diese zu verstehen sind.

Zweitens: Gemeinsame Überzeugung – Christus ist das Fundament

In der Begegnung mit Katholiken kann man vieles lernen, zum Beispiel, welch erhebliche Bedeutung das zweite Vatikanische Konzil für sie hat. Es gibt Katholiken, die sagen: Das war unsere Reformation. Dieses Konzil markiert tatsächlich einen Wendepunkt: Wir haben es heute mit einer Katholischen Kirche zu tun, die eine tiefgehende geistliche Erneuerung durchlaufen hat, und zwar eine christozentrische. Christus das Fundament, Christus in der Mitte.

Hier an dieser zentralen Stelle stehen sich Katholiken und Evangelikale viel näher als vor hundert Jahren und auch näher als evangelische Christen, die aus dem Liberalismus hervorgegangen sind. Denn der Christus, der bei uns gemeinsam in der Mitte steht, ist der geglaubte und verehrte Jesus Christus der Schrift und der Bekenntnisse und nicht der rekonstruierte multiple „historische Jesus“ kritischer Wissenschaftler – der wahre Christus und nicht das individuelle Christusbild des Einzelnen. Nicht wir verbinden uns, sondern unser lebendiger Herr Jesus Christus: Das ist gemeinsame Überzeugung.

Drittens: Bemerkenswertes Dokument der Geschwisterlichkeit

Die Weltweite Evangelische Allianz (WEA) und der Vatikan (als Leitung der katholischen Weltkirche) haben in den vergangenen Jahren intensive Begegnungen im Sinne von „Lehrgesprächen“ durchgeführt. Das Ergebnis ist ein Dokument mit dem Titel „,Schrift und Tradition’ und ,Die Rolle der Kirche für das Heil‘“, das zu Jahresende herausgekommen ist und an dem vieles bemerkenswert ist. Zum Beispiel, mit welcher Hochachtung und Wertschätzung beide Seiten miteinander umgehen, dabei Unterschiede nicht zudecken, sondern sie auf Basis der gefundenen gemeinsamen Grundlage als geschwisterliche Fragen einander stellen. Möglich macht dies die Erkenntnis: Beide Seiten erkennen das alles Entscheidende, nämlich dass Jesus Christus für unsere Sünde am Kreuz gestorben ist, uns mit Gott versöhnt und uns persönlich in seine Nachfolge ruft, als gemeinsame Grundlage ihres Glaubens an. Das verbindet mehr als Trennendes trennen kann.

Man staunt beim Lesen, wie weit die Gemeinsamkeiten reichen. Die „geschwisterlichen Fragen“, die gestellt werden, heben denn auch nicht einfach Unterschiedlichkeiten hervor, sondern weisen auf tatsächlich vorhandene Sachprobleme hin, vor denen wir alle in einer Zeit des um sich greifenden Säkularismus und Relativismus stehen. Eine davon ist, wie wir Evangelikale es schaffen wollen, angesichts zunehmender einander widersprechender Auslegungen der Heiligen Schrift auch in zentralen Themen die Einheit des Glaubens zu wahren, ohne dabei auf die „Tradition“ (z.B. die Glaubensväter, und seien es die aus unserer eigenen Bewegung) oder ein Lehramt zurückzukommen. Kann die evangelikale Auffassung der Heiligen Schrift als „höchste Autorität in allen Fragen des Glaubens und der Lebensführung“ (Glaubensbasis der Ev. Allianz) diese Glaubenseinheit aus sich selbst heraus noch gewährleisten? Welche Methode haben wir dafür?

Solche Überlegungen wie diese geben Anlass zu einem gemeinsamen, zutiefst geistlichen Fragen an den Herrn der Kirche und darum sind sie ein geschwisterlicher Dienst aneinander. Freilich ist der Themenkreis dieses Dokumentes begrenzt. Der evangelikale Theologieprofessor Thomas Schirrmacher, der für die WEA bei den Gesprächen mit dabei war, hat gesagt, dass die Marienverehrung, die wohl das größte Hindernis bei der evangelikal-katholischen Geschwisterlichkeit sein dürfte, noch nicht zur Sprache gekommen ist. Das zeigt nur: Es gibt noch viel zu entdecken und einander zu fragen auf dem Weg gemeinsamer Geschwisterlichkeit.

Viertens: Gemeinsam leiden, gemeinsam loben

Manchen Evangelikalen gehen solche Gespräche allerdings viel zu weit. Ist nicht die Katholische Kirche die „Hure Babylon“ aus der Offenbarung des Johannes, hat der Papst nicht die „666“ auf der Tiara? Solche und ähnliche Gedanken kommen aus den vielen Endzeitbewegungen und -Überlegungen, die untrennbar Teil der evangelikalen Bewegung sind. Und sie sind, mit einem katholischen Begriff gesprochen, „Tradition“, die nach reformatorischer Lesart an der Schrift zu prüfen ist. Nun löst die Schrift das Rätsel, wer genau der Antichrist oder die Hure Babylon ist, bekanntlich nicht selbst auf. Aber sie mahnt die, die an den wahren Herrn Jesus Christus glauben, zur Einheit.

Heute werden katholische Christen genauso verfolgt wie evangelikale und orthodoxe (die sogar am meisten). Katholische Christen bangen wie evangelikale in den westlichen Ländern um die Religionsfreiheit und möchten evangelisieren, damit Menschen durch Christus gerettet werden.

Ich glaube, es steht uns gut an, sagen zu können: Vielleicht haben sich unsere Glaubensväter an diesem Punkt ganz einfach geirrt. Es gibt keinen geistlichen, vom Heiligen Geist gewirkten Grund mehr, das heute noch so zu sagen. Und selbst wenn die Katholische Kirche das Potenzial dazu einmal gehabt haben sollte, so zu werden, sieht die Situation heute anders aus: Wir haben die für uns entscheidenden Grundlagen des Glaubens und viele ethische Ansichten gemeinsam. Wir sind als Jünger desselben Herrn Jesus Christus auf je unsere Weise unterwegs. Und immer mehr gemeinsam, in überkonfessionellen Projekten wie der MEHR 2018, zum Lob und zum gemeinsamen Zeugnis für unseren Herrn.

Von: Gerrit Hohage

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