In der Coronakrise greifen immer mehr Deutsche auf die Angebote der Notfallseelsorge zurück

In der Coronakrise greifen immer mehr Deutsche auf die Angebote der Notfallseelsorge zurück

„Der Bedarf an Seelsorge steigt täglich“

Auch wenn es immer mehr Lockerungen der Ausgangsbeschränkungen in Deutschland gibt und in vielen Bereichen eine gewisse Normalität einkehrt, lastet die Coronakrise weiterhin schwer auf Deutschland – nicht nur auf der Wirtschaft, sondern auch auf den Menschen. Das heißt Hochkonjunktur für die Notfallseelsorge.

Derzeit bewältigt ein Team von knapp 60 ehrenamtlichen Seelsorgern die Anrufe, die die Notfallseelsorge Berlin täglich erreichen. Sollte der Bedarf weiter steigen, könnte die Zahl der Mitarbeiter allerdings ohne große Probleme erhöht werden, sagt der Beauftragte der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz (EKBO) für Notfallseelsorge im Land Berlin, Justus Münster, gegenüber pro. Das es so weit kommen wird, da ist sich Münster ziemlich sicher. „Der Bedarf an Seelsorge steigt täglich mit der Unsicherheit, wie es weitergeht, ob es weitere Einschränkungen, mehr Krankheits- und Todesfälle oder eine Lockerung der Verordnungen gibt.“ Die Notfallseelsorge könne aber auf eine Vielzahl zusätzlicher und professionell arbeitender Freiwilliger zurückgreifen.

Münster, der auch Vorsitzender der Konferenz Evangelischer Notfallseelsorge der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) ist, macht vor allem die Einsamkeit als eine große Last für die Menschen in der Coronakrise aus. Viele der Anrufer würden unter der Kontaktminimierung leiden. Doch auch die Angst vor Ansteckung oder einer nicht ausreichenden medizinischen Betreuung lasse Menschen die Nummer der Notfallseelsorge wählen. Ähnliche Beobachtungen kann die Leiterin der Telefonseelsorge Rhein-Neckar, Elke Rosemeier, bestätigen. In fast 15 Prozent der Gespräche gehe es um Ängste, in einem Viertel um Einsamkeit. Das Thema Corona mache schätzungsweise ein Drittel aller Gespräche aus. Für einige sei es das beherrschende Thema, für andere ein Gesprächseinstieg, der schlussendlich ein tieferliegendes Problem aufgreift. Fakt sei, dass während der Corona-Pandemie deutlich mehr Menschen das Angebot der telefonischen Seelsorge wahrnehmen – vermehrt auch zum ersten Mal.

Ein großes Thema für Anrufer seien auch die Ausfälle der Gottesdienste in den vergangenen Wochen. Auch wenn die Kirchen „zum Glück“ nicht ganz geschlossen seien, bleibe dennoch eine Verunsicherung bei den Menschen, die einen Gottesdienst besuchen wollen, so Münster. Die zahlreichen Online-Angebote oder Fernsehgottesdienste seien für viele kein gleichwertiger Ersatz eines physischen Gottesdienstbesuches. Dennoch sieht Münster die Möglichkeiten in den sozialen Netzwerken als „sehr gut, hilfreich und wichtig“ an.

Jede Altersgruppe nutz Seelsorgeangebote

Seelsorge in Corona-Zeiten ist längst kein Angebot, was nur ältere Menschen annehmen. Bei der Notfallseelsorge Berlin rufen Menschen jedes Alters an, erklärt Münster. Die meisten Anrufer seien zwischen 40 und 80 Jahren anzusiedeln. Eine besondere Herausforderung stelle die Krise dennoch für alle Familienmitglieder dar – auch die Jüngsten, berichtet die Koordinatorin des Kinder- und Jugendtelefons in Lübeck, Brigitte Bischoff. Gerade Pubertierende bräuchten ein soziales Umfeld, das mit den momentanen Beschränkungen aber schwer zu vereinbaren sei. Unter jetzigen Bedingungen fühlten sie sich „isoliert und einsam“.

Das kann aber auch schnell eine Herausforderung für die Eltern werden, erklärt Rosemeier. „Wir hören aus Familien, dass die Nerven blank liegen, wenn zum Beispiel beide Eltern im Homeoffice sind und gleichzeitig ihre Kinder betreuen und womöglich noch mitunterrichten sollen. Verschärft trifft die Situation auch die Alleinerziehenden.“ Diese Erfahrung bestätigte auch der Kinderschutzbund vergangene Woche. So seien die Gespräche am Elterntelefon in Schleswig-Holstein während der Coronakrise um über 20 Prozent gestiegen.

Seelsorger empfehlen: „Bleiben Sie in Kontakt mit Freuden“

Das Gebot der Stunde heiße Kontakt zu Freunden und Familienmitgliedern halten, sind sich beide Seelsorger einig. „Seien Sie initiativ und rufen von sich aus an“, empfiehlt Münster. Hilfreich seien auch digitale Kommunikationswege. „Es tut gut, sich ab und an zu sehen – auch wenn es nur auf einem Display ist.“

Und ansonsten blieben immer die Anrufe bei der Telefonseelsorge. Diese ist rund um die Uhr erreichbar.

Hier finden Sie einen Überblick über regionale Telefonseelsorgeangebote

Von: Martin Schlorke

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