Das Brandenburger Tor ist ein Symbol für beides: für Veränderung und Bestand in der deutschen Geschichte und Kultur

Das Brandenburger Tor ist ein Symbol für beides: für Veränderung und Bestand in der deutschen Geschichte und Kultur

Mit Herkunft in die Zukunft

Wer sich heue „konservativ“ nennt, läuft Gefahr, entweder als rechts oder als rückwärtsgewandt zu gelten. Oder beides. Doch das greift zu kurz. Die Frage danach, welche Dinge, Werte, Überzeugungen es wert sind, bewahrt zu werden, kann in Zeiten der Veränderung Orientierung geben. Von Jonathan Steinert

Vor ungefähr 15 Jahren bin ich zu Hause ausgezogen. Die Abstände zwischen den Besuchen bei meiner Familie wurden mit der Zeit größer. Viele Dinge aus meiner Kindheit und Jugend blieben dabei in meinem damaligen Zimmer, die Schränke gefüllt, die Pinnwand bestückt. Da ich in meinen Wohnungen wenig Platz hatte, nahm ich nur das mit, was ich brauchte. Nun aber, nach 15 Jahren, drängen mich meine Eltern, die Reste zu sortieren: Was kann weg, was soll archiviert werden?

Zu allen Stücken auf den Regalen kann ich eine Geschichte erzählen. An jeder Pinnnadel hängt eine Erinnerung – die Unterschriftenkarte für meine Gottesdienstbesuche vor der Konfirmation, ein Schönes-Wochenende-Ticket für 35 D-Mark, das Liedblatt von der Hochzeit guter Freunde. Was davon ist es wert, aufgehoben und bewahrt zu werden? Was kann ich getrost der Mülltonne anvertrauen? All diese Dinge beschreiben etwas davon, wo ich herkomme, was ich erlebt habe, was mich geprägt hat. Im Laufe der Zeit hat sich die Bedeutung der einzelnen Erinnerungsstücke relativiert. Aber sie wegzuwerfen fühlt sich trotzdem so an, als würde ein Teil meiner Geschichte gehen.

Gerade in Zeiten der Veränderung stellt sich die Frage: Was bleibt darin beständig? Was nehme ich mit, was lasse ich hinter mir? Wie gestalte ich den Übergang zum Neuen, ohne mich dabei zu verlieren? Nicht nur im persönlichen Leben, sondern auch und vor allem im größeren Maßstab: Was hat Bestand, wenn sich Gesellschaftsordnungen ändern, wenn technische Entwicklungen neue Kulturtechniken oder Krisen eine Reaktion erfordern? Es ist die Frage, die konservatives Denken kennzeichnet: Was ist es wert, bewahrt zu werden?

Eine konservative Haltung macht sich nicht zuerst an bestimmten Inhalten fest. Sie beschreibt eher ein Verhältnis zum Wandel und zur Wirklichkeit. „Die konservative Haltung lebt sehr stark aus dem Gegebenen, aus dem Wissen um die eigene Herkunft und die Zugehörigkeit zu einer Gemeinschaft“, so beschreibt es der Theologe Christoph Raedel von der Freien Theologischen Hochschule in Gießen. Darüber finde der Einzelne seine Identität. Aus konservativer Sicht ist das Neue nicht automatisch das Bessere. Im Gegenteil: Das Neue muss begründet werden, das Bewährte hat Vorrang. Das heißt nicht, dass ein Konservativer sich gegen Fortschritt und Entwicklung wehrt. Aber er will sie gestalten – verträglich, mit Augenmaß und Vernunft statt ideologisch und dogmatisch, wie es der Historiker Andreas Rödder in seinem Buch „Konservativ 21.0“ ausführt. Das unterscheide Konservative von Traditionalisten, die an Althergebrachtem festhalten, weil sie keine Veränderung wollen, und von Reaktionären, die einen vermeintlich besseren, früheren Zustand wiederherstellen möchten.

Der Historiker Andreas Rödder will dem Konservativen ein modernes Gesicht geben. Wie das aussieht, erklärt er im pro-Interview

Der Historiker Andreas Rödder will dem Konservativen ein modernes Gesicht geben. Wie das aussieht, erklärt er im pro-Interview

Wie der Konservative tickt

In seinem „konservativen Manifest“ formuliert der Publizist Wolfram Weimer „zehn Gebote der neuen Bürgerlichkeit“. Er führt darin aus, was Eckpfeiler konservativen Denkens sind. An erster Stelle steht für ihn der Mensch in seiner Würde – das Individuum vor der Gesellschaft. „Die meisten politischen Ideologien denken genau andersherum, sie betrachten das Individuum skeptisch, wähnen es egoistisch und gefährlich und setzen auf Kollektivismus zu seiner Einhegung.“

Deshalb sei der Konservative skeptisch gegenüber Utopien und Gleichmacherei. Der Familie messe er als „Existenzgrundlage der Gesellschaft“ eine hohe Bedeutung zu. Heimat und Nation, Kultur und Tradition seien einem Konservativen wichtige Werte, Bezugsgrößen, „Reservate seiner Identität“. Er schätze Recht und Ordnung, „weil sie die Voraussetzung für Sicherheit, Vertrauen und Integrität schaffen“, schreibt Weimer. Deshalb sei es für Konservative schwer erträglich, wenn ein politischer Wille über Rechte und geltende Ordnungen gestellt werde, Politiker etwa Euro-Stabilitätskriterien ignorierten oder die Regeln der Dublin-Verträge zu Migration und Asylverfahren nicht beachteten.

Der Konservative habe zudem „ein positives Verhältnis zu Arbeit, zum Wirtschaften und zum Wohlstandsgewinn“ – nicht zuletzt weil das Wohlfahrtsniveau aller davon profitiere. Privates Eigentum gelte einem Konservativen als Garant für Freiheit. Tugenden wie Demut, Mildtätigkeit, Geduld, Mäßigung und Fleiß erachte ein Konservativer als erstrebenswert. Jedoch erkenne er in der modernen Gesellschaft ein Defizit daran, und beklage, „dass der Staat dies durch übertriebene moralische Bevormundung auszugleichen sucht“, schreibt Weimer. Und schließlich sieht Weimer in der Anerkennung Gottes, einer übergeordneten Instanz, ein wesentliches Element konservativen Denkens – und der liberalen Demokratie überhaupt. Demokratie legitimiere sich nicht über Effizienz, sondern über Werte. Religionen könnten für ethische Normen die nötigen Fixpunkte liefern.

Weimer ist der Auffassung, das Konservative werde wieder populär. Auch das Magazin Focus kam Ende 2018 zu diesem Befund. Es hatte bei dem Meinungsforschungsinstitut Insa eine Studie in Auftrag gegeben, um herauszufinden, wie konservativ die Deutschen sind. Anhand der Haltung zu Patriotismus, Islam, der Ehe für alle, dem Militär und anderen Themen, ermittelten die Forscher: 37 Prozent der Deutschen bezeichnen sich als wertkonservativ. 55 Prozent der Befragten halten Patriotismus für einen positiven Wert, solange er nicht in Nationalismus umschlägt. Über 60 Prozent sind der Meinung, der Islam sollte Deutschland nicht mitprägen. Bei der „Ehe für alle“ und Abtreibung dominieren jedoch liberalere Einstellungen. Focus-Chefredakteur Robert Schneider fürchtet, „dass der Begriff des Konservatismus, noch während er seine Renaissance erlebt, schon wieder verschlissen ist“. Er sei zu ungenau, „um einen Weg in die Zukunft zu beschreiben“.

Konservativ = rechts?

Tatsächlich wurde in letzter Zeit viel darüber diskutiert, was es mit dem Konservativen auf sich hat. Die CDU ringt um den Begriff und ihre Ausrichtung dazu, aber auch der grüne Ministerpräsident Winfried Kretschmann wirbt für einen modernen Konservatismus. Mit den Erfolgen der AfD stellt sich die Frage danach, was konservativ ist, mit neuer Vehemenz. Gegründet als bürgerliche, eurokritische Partei gehen bei ihr heute konservative Positionen und neurechte bis rechtsextreme Ideen beinahe fließend ineinander über. Sie reklamiert das Konservative für sich, das manche mittlerweile bei der Union vermissen. Das hat es für das Konservative in der öffentlichen Wahrnehmung schwierig gemacht. Denn wer konservative Positionen vertritt – etwa eine kritische Haltung zur „Ehe für alle“, zu Abtreibung oder zu ungeregelter Einwanderung –, kann schnell das Etikett „rechts“ angeheftet bekommen. Und wo linke und grüne Stimmen im Mainstream des öffentlichen Diskurses tonangebend sind, ist das aus deren Sicht fast gleichbedeutend mit dem moralisch Verwerflichen.

Deshalb ist es wichtig, zu differenzieren zwischen dem, was sich innerhalb unserer freiheitlich-demokratischen Grundordnung bewegt, und dem, was diese Linie, die unser Gesellschaftsmodell umreißt, überschreitet. Völkische, nationalistische Ideale, die zudem Pluralismus sowie das demokratische System ablehnen und die Welt in Freunde und Feinde einteilen, liegen jenseits davon.

Die Journalistin Liane Bednarz beschreibt das anhand dreier Säulen, auf denen rechtes Denken beruht – im Gegensatz zu bürgerlich-konservativem. Zum einen sei dies eine antipluralistische Haltung. Die zeichne sich durch den Anspruch aus, die „wahre Stimme des Volkes“ zu vertreten. Im Gegenzug würden etwa etablierte Parteien und Medien diffamiert. „Lügenpresse“ oder „Altparteien“ nennt Bednarz als typische Begriffe für eine solche Haltung. Dazu komme ein Antiliberalismus, eine grundsätzlich skeptische bis ablehnende Haltung der Moderne und liberaler, emanzipatorischer Ideen, gepaart mit einem ausgeprägten Kulturpessimsimus. Das äußere sich in etwa in einer Sprache, die moderne Lebensvorstellungen mit Dekadenz und gesellschaftlichem Untergang verbinde. Auch die Rede vom „Schuldkult“ in Bezug auf die jüngere deutsche Vergangenheit oder von einer „Umerziehung“ zählt für Bednarz dazu.

Und schließlich kennzeichne ein sogenannter Ethnopluralismus rechtes Denken: die Vorstellung, dass verschiedene Völker unter sich bleiben sollten, klar voneinander abgegrenzt, ohne sich zu vermischen. Das werde an Verschwörungstheorien wie der vom „Bevölkerungsaustausch“ sichtbar. Derzufolge soll angeblich die deutsche und europäische Bevölkerung durch Menschen aus anderen Kulturkreisen ersetzt werden – gesteuert von „ganz oben“. Konservative hielten „Maß und Mitte“, schreibt Bednarz in einem Beitrag für die Neue Zürcher Zeitung. „Etwas, das der Neuen Rechten fremd ist.“

Vor allem konservative Christen sind durch die AfD herausgefordert. Hält sie doch einige Ideale hoch, die ihnen auch aus religiösen Gründen wichtig sind. Für die klassische Familie, eine „Willkommenskultur für Kinder“, gegen die „Ehe für alle“ und gegen Islamisierung. Der Theologe Raedel, der sich selbst als Konservativer bezeichnet, rät zu einem differenzierten Blick. Gerade bei Themen wie Gender Mainstreaming oder dem Schutz von Ehe und Familie nehme die Partei zum Teil bürgerliche Positionen ein, die vor wenigen Jahrzehnten noch die Union besetzt habe. Jedoch gehe es nicht nur um Positionen, sondern auch um Artikulation, also wie bestimmte Positionen vertreten werden. „Die Partei hat in meinen Augen in der Flüchtlingskrise Töne angeschlagen in Richtung einer Abwertung und Ausgrenzung von Menschen, die mit dem christlichen Menschenbild absolut unvereinbar sind.“ Für einen Christen stelle sich daher die Frage, wie er das für sich gewichte. „Ich finde es da, wo es um die Würde des Menschen und ihre Unantastbarkeit geht, schwierig, einer Partei die Stimme zu geben, die den Eindruck erweckt, es gäbe Menschen erster und zweiter Klasse.“

In die Gesellschaft wirken oder sich dem Zeitgeist anpassen?

Die Frage nach dem Konservativen führt mit Blick auf die christliche Szene vor allem zur evangelikalen Bewegung. Die Strömung „erwecklicher Frömmigkeit“ sei in Landes- und Freikirchen bis Mitte des 20. Jahrhunderts ein Spiegelbild gesellschaftspolitisch konservativen Denkens gewesen, sagt Raedel. Beginnend mit den 1970er Jahren sei ein Bemühen erkennbar, „nicht immer Blockierer und Hinterherläufer zu sein, sondern gesellschaftlichen Wandel mitzugestalten“.

Viele Evangelikale wollten heute etwa nicht mehr nur als Kritiker von Homosexualität oder als Lebensschützer wahrgenommen werden und auch gegen den Eindruck angehen, alle Evangelikale seien konservativ. Teile der traditionell „frommen“ Bewegung hätten versucht, „sich bewusst breiter aufzustellen, etwa indem Gemeinden fragen: Wie können wir unserem Stadtteil dienen, wie gesellschaftlich relevant sein?“ Oder indem sie Begriffe aus den Namen ihrer Organisationen strichen, die im säkularen Umfeld anstößig wirken können – allen voran „Mission“. Die einen sehen darin einen Weg, wirksamer in die Gesellschaft hineinzuwirken, die anderen fürchten eine Anbiederung an den Zeitgeist.

In der Religion geschieht damit dasselbe wie in der Politik: Sie differenziert sich immer weiter aus in verschiedene Milieus, an den Rändern polarisiert sie sich. Das bestätigte Reinhard Hempelmann im vorigen April gegenüber pro im Rückblick auf seine zwanzigjährige Tätigkeit bei der Evangelischen Zentralstelle für Weltanschauungsfragen. „Ich sehe mit Sorge, dass diese Milieus teilweise nur noch begrenzt miteinander zu kommunizieren in der Lage sind und viele Ressentiments gegenüber dem jeweils anderen pflegen.“

Maß und Mitte wiederfinden

Was wird die Gesellschaft zusammenhalten können? Im öffentlichen Diskurs würde uns ein genaueres Hin- und Zuhören weiterhelfen, ein Argumentieren in der Sache statt mithilfe von wenig aussagekräftigen Etiketten. Denn wenn bestimmte Ansichten moralisiert und unversehens in die berühmte rechte Ecke geschoben werden, gehen solchermaßen Unverstandene womöglich bewusst dorthin – aus Protest gegen den sogenannten Mainstream. Demokratischen Pluralismus anzuerkennen, das scheint im gesamten politischen Spektrum ein Lernfeld zu sein. Nur so kann eine demokratische Gesellschaft ihre „Mitte“ wiederfinden und extreme Positionen wirksam entlarven und kaltstellen.

Das konservative Ideal von „Maß und Mitte“ wird auch helfen, den großen Veränderungen dieser Zeit zu begegnen: Migration und Globalisierung fordern uns heraus, auf neue Weise unseren Platz in der Welt zu finden. Digitale Technologien verändern unsere Art zu kommunizieren und Beziehungen zu pflegen. Die Möglichkeiten der Medizin und Genetik erlauben es, die elementaren Bausteine des Lebens zu beeinflussen. Visionäre träumen davon, menschliche Maschinen zu bauen.

Was ist es wert, bei allem Wandel bewahrt zu werden? Es ist wichtig, zu wissen, wo wir herkommen, welche Werte uns tragen, welche Traditionen uns geprägt haben, was der Grund ist, auf dem wir stehen. Das gibt Orientierung. Dann können wir auch Zukunft gestalten, weil uns das Neue nicht den Boden unter den Füßen wegziehen wird. Am Ende sollte der Konservative, wie Weimer schreibt, auch um die Konstante wissen, die außerhalb seiner selbst existiert. Oder wie es im Hebräerbrief heißt: „Gedenkt eurer Lehrer, die euch das Wort Gottes gesagt haben; ihr Ende schaut an und folgt dem Beispiel ihres Glaubens. Jesus Christus gestern, heute und derselbe auch in Ewigkeit.“

Das Bahnticket und den Liedzettel von meiner Pinnwand habe ich übrigens entsorgt. Das Bild von einem Reh, das mein verstorbener Großvater für mich malte, wird weiterhin an der Wand hängen.

Lesen Sie das Interview auch in der Printversion in der neuen Ausgabe des Christlichen Medienmagazins pro. Bestellen Sie die Zeitschrift kostenlos und unverbindlich hier oder telefonisch unter 06441/5667700.

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