Reinhard Hempelmann verlässt die EZW Ende April. Gegenüber pro hat er Bilanz über einige religiöse Entwicklungen in Deutschland gezogen.

Reinhard Hempelmann verlässt die EZW Ende April. Gegenüber pro hat er Bilanz über einige religiöse Entwicklungen in Deutschland gezogen.

„Die Evangelikalen driften auseinander“

Reinhard Hempelmann hat sich über zwanzig Jahre lang bei der Evangelischen Zentralstelle für Weltanschauungsfragen (EZW) mit Kirchen, Sekten, Humanisten und Muslimen in Deutschland beschäftigt. Nun geht er in den Ruhestand. pro hat ihn zum Abschied gefragt, wie sich die religiöse Landschaft in Deutschland verändert hat und wie sie im Jahr 2050 aussieht.

pro: Herr Hempelmann, Sie haben sich bei der Evangelischen Zentralstelle für Weltanschauungsfragen 20 Jahre lang mit religiösen Strömungen in Deutschland beschäftigt. Gibt es eine Entwicklung, die Ihnen besondere Sorge bereitet?

Reinhard Hempelmann: Wir beobachten in der Religion dasselbe wie in der Politik: In unserer pluralistischen Gesellschaft und Kultur sind sehr unterschiedliche Milieus entstanden. Dieser Pluralismus ist erst einmal positiv, er ist im Falle der Religion die Folge von Religionsfreiheit. Aber ich sehe mit Sorge, dass diese Milieus teilweise nur noch begrenzt miteinander zu kommunizieren in der Lage sind und viele Ressentiments gegenüber dem jeweils anderen pflegen. In der Kirche etwa gibt es von evangelikal bis liberal, politisch bis rechts-konservativ alles. In den letzten 20 Jahren habe ich gesehen, dass Binnendifferenzierungen zugenommen haben. Wenn wir etwa über den Islam reden, müssen wir heute fragen, über welchen Islam wir sprechen. Genauso ist es beim Buddhismus oder etwa der evangelikalen Bewegung. Die Frage ist dann immer: Was verbindet die Menschen in einer religiösen Gemeinschaft oder Frömmigkeitsbewegung? Welche unterschiedlichen und gegensätzlichen Ausprägungen lassen sich beobachten?

Es ist also nicht mehr ganz so leicht, gläubige Menschen in eine Schublade zu stecken?

Das ist richtig, und es ist auch nicht mehr so einfach, bestimmte Gruppen in irgendeine Ecke zu stellen und sie zu stigmatisieren.

Warum hat sich die religiöse Landschaft derart ausdifferenziert?

Die stärksten Veränderungen entstehen durch Migration. Migration und religiöser Pluralismus stehen in einem engen Zusammenhang. Auch die christliche Landschaft verändert sich, etwa durch das Phänomen der freikirchlichen Aussiedler-Gemeinden, vor allen Dingen der russlanddeutschen. Nach Statistiken sind seit den Achtzigerjahren 2,4 Millionen Menschen aus Osteuropa zu uns gekommen. Viele von ihnen haben sich in neuen religiösen Gemeinschaften gesammelt und eigene Gemeinden gegründet. Auch die Zahl der internationalen Kirchen oder Gemeinden ist gestiegen, besonders im großstädtischen Milieu. Es hat sich eine neue stilistische Vielfalt des Christlichen entwickelt, die wir vorher so nicht kannten. Es entsteht ein großes Informationsbedürfnis der Alteingesessenen, etwa wenn diese neueren Gemeinden bei traditionellen evangelischen Kirchen anfragen, ob sie Räume mieten können.

Bedeutet das auch eine neue Konkurrenzsituation für die evangelischen Landeskirchen?

Eine Konkurrenzsituation gegenüber den traditionellen Kirchen entsteht besonders da, wo Gemeinden in der Lage sind, junge Menschen zumindest vorübergehend an ihr Profil zu binden.

Konkurrenz macht nicht nur das freikirchliche Milieu. 2017 waren 37 Prozent der Bevölkerung in Deutschland nicht kirchlich gebundenen. Muss die Evangelische Kirche sich ändern?

Auf jeden Fall. Sie muss mit der heranwachsenden Generation kommunizieren wollen. Die Reformation ist eine unabgeschlossene Aufgabe. Synoden müssen sich mit dem Thema befassen, wie der christliche Glaube an junge Menschen weitergeben werden kann. Und zwar ohne einfach nachzuahmen, was andere Gemeinschaften tun. Untersuchungen zufolge erfolgt die Weitergabe des christlichen Glaubens nicht mehr automatisch. Da ist Kreativität gefragt und auch ein Zugang zur Jugendkultur.

Wie hat sich das evangelikale Milieu verändert?

Ich beobachte im Blick auf das evangelikale Spektrum ebenfalls das Auseinanderdriften der Milieus, von dem wir am Anfang sprachen. Die Verständigung zwischen konservativen Bekenntnisevangelikalen und Evangelikalen in pfingstlich-charismatischen Bewegungen ist schwieriger geworden. Man kann durchaus die Frage stellen, wie einheitlich die evangelikale Bewegung überhaupt noch ist und was in ihrem Zentrum steht. Trotzdem würde ich sagen, dass sich innerhalb der Evangelischen Allianz oder der Lausanner Bewegung nach wie vor eine Art Mainstream-Evangelikalismus versammelt. Aber es gibt Polarisierung an den Rändern. Da geht es den Evangelikalen nicht anders als anderen freikirchlichen Gemeinschaften oder auch den großen Landeskirchen. Im nordamerikanischen Raum gibt es sogar noch größere Verwerfungen. Dort beobachten wir eine Politisierung der evangelikalen Bewegung. Das ist aber nicht auf Deutschland zu übertragen.

Gibt es in Deutschland ein radikales Christentum?

Es gibt vereinzelt fundamentalistische Strömungen, aber keinen politisierten, radikalen Fundamentalismus, der in irgendeiner Form einflussreich wäre. Schauen Sie etwa, welche Wahlergebnisse die Partei bibeltreuer Christen (PBC) früher erzielt hat: Die lagen weit unter einem Prozent. Die Partei Bündnis C – Christen für Deutschland ist politisch einflusslos. Aber es gibt fundamentalistische Ausrichtungen innerhalb der christlichen Religion, wenn zum Beispiel die Lehre der Evolution an Schulen kritisiert oder wenn für Schulverweigerung aus christlich-religiösen Motiven, also Homeschooling, plädiert wird.

Vor einigen Jahren haben wir uns schon einmal zum Interview getroffen. Es war die Zeit der atheistischen Bewegungen, eine humanistischen Buskampagne entstand und auch humanistische Gottesdienste in Berlin. Wo steht der organisierte Atheismus heute?

Die humanistisch-atheistischen Bewegungen sind nach wie vor sehr präsent in der Öffentlichkeit. Als vor einiger Zeit das Thema des assistierten Suizids diskutiert wurde, sind atheistische Bewegungen in die Öffentlichkeit getreten, etwa mit der Kampagne „Mein Ende gehört mir“. Sie traten für eine radikale Selbstbestimmung am Anfang und am Ende des Lebens ein. Atheistische und humanistische Bewegungen sehen sich als diskriminierte Minderheit. Dazu hat der Humanistische Verband die Broschüre „Gläserne Wände“ herausgegeben. Humanisten und Atheisten fordern einen Systemwechsel in der Religionspolitik, indem Rechte der Kirchen abgebaut werden und ihre Präsenz in der Öffentlichkeit etwa im Rahmen der Feiertagskultur, dem Religionsunterricht oder den theologischen Fakultäten zurückgenommen wird. Sie beanspruchen, die Interessen aller nichtreligiösen Menschen zu vertreten.

Vor zehn Jahren fuhr ein Bus mit atheistischem Slogan durch die Bundesrepublik. Er sollte für die Anliegen derer werben, die nicht an Gott glauben.

Vor zehn Jahren fuhr ein Bus mit atheistischem Slogan durch die Bundesrepublik. Er sollte für die Anliegen derer werben, die nicht an Gott glauben.

Dennoch, die Sonntagsversammlungen, über die wir damals sprachen, gibt es nicht mehr, oder?

Die atheistischen Gottesdienste mit dem Titel „Sunday Assemblies“ waren keine erfolgreiche Aktion innerhalb der humanistisch-atheistischen Bewegung. Vermutlich fehlte es an inhaltlicher Substanz, um die Frage zu beantworten, was gefeiert werden soll. Aber in Sachen Religionspolitik sind der Humanistische Verband und auch andere säkulare Bewegungen präsent. Sie fordern zum Teil mit den muslimischen Verbänden, dass Repräsentationsfragen nicht an kirchenförmigen Mitgliedschaftszahlen festzumachen seien. Auch hier weise ich wieder auf die Binnendifferenzierung im Milieu hin: Die mehr als 30 Prozent nicht kirchlich gebundener Menschen, die Sie eben nannten, bestehen nicht nur aus Unterstützern humanistischer Gruppierungen. Viele von ihnen wollen gar nichts mit einer organisierten Form von humanistischer Weltanschauung zu tun haben.

Zum Schluss eine Prognose bitte: Wie sieht unsere religiöse Landschaft im Jahr 2050 aus?

Säkularisierungsprozesse werden fortschreiten. Das bedeutet aber keineswegs, dass es im Jahre 2050 keine Evangelische und Katholische Kirche mehr in Deutschland gibt. Der religiöse Pluralismus wird zunehmen. Ich gehe davon aus, dass sich das Wachstum des Islam in Europa tendenziell verlangsamt, weil viele Staaten sich um eine geregelte Migration bemühen. Das freikirchliche Spektrum wird insgesamt an Bedeutung gewinnen, sich aber auch weiter pluralisieren. Und ganz wichtig: Das Reich Gottes wird weiter gebaut. Auch wenn sich unsere Kirchen in ihren Ausdrucksformen verändern. Es wird auch 2050 das Engagement für eine wahrnehmungsfähige, auftragsbewusste, menschenfreundliche und auskunftsfähige Kirche geben.

Herr Hempelmann, vielen Dank für das Gespräch!

Die Fragen stellte Anna Lutz

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