Fast jeder ist heute in den Sozialen Medien aktiv. Das bietet für die Mission neue Chancen.

Fast jeder ist heute in den Sozialen Medien aktiv. Das bietet für die Mission neue Chancen.

„Es ist schwierig, Menschen vom Bildschirm wegzubekommen“

Die Sozialen Medien verändern das theologische Arbeiten – zum Beispiel im Bereich der Evangelisation. Matthias Clausen, Professor für Evangelisation und Apologetik an der Evangelischen Hochschule Tabor in Marburg, erklärt, warum Verkündigung heute deshalb besonders anschaulich und punktgenau sein muss.

pro: Sie haben kürzlich einen Votrag zum Thema „Ich poste, also bin ich? Digitalisierung in der Perspektive der Theologie“ gehalten. Ist man als Mensch heutzutage überhaupt noch vollständig, wenn man sich nicht in den Sozialen Medien mitteilt?

Matthias Clausen: Digitalisierung umfasst weit mehr als nur die sozialen Netzwerke, nämlich den technischen Fortschritt, Veränderungen in der Arbeitswelt, veränderte Kommunikationsgewohnheiten und so weiter. Natürlich ist man als Mensch vollständig auch ohne Soziale Medien. Ich selbst bin fast völlig abs­tinent, meinen Facebook-Account etwa habe ich schon vor Jahren stillgelegt. Damit ist man heute übrigens fast Avantgarde. In der New York Times habe ich vor kurzem umfangreiche Tipps gefunden, wie man auch ohne Facebook auskommt. Das heißt aber nicht, dass ich den Ausstieg generell empfehlen würde.

Wie beeinflussen die Sozialen Medien unser Selbstwertgefühl und unsere Selbstwahrnehmung?

Sie beeinflussen die Selbstwahrnehmung vieler Menschen sicher stark. Das gilt besonders für die Generation der „Digital Natives“, die schon mit Smartphone und Co. groß geworden sind, aber längst auch für viele andere. Dabei kann das Schauen auf das Feedback im Netz, auf die Anzahl der Likes und Follo­wer zum natürlichen Reflex werden. Neu ist nicht, dass man auf Resonanz und Anerkennung aus ist – das gehörte zum Menschsein schon immer dazu. Neu ist nur, dass Menschen dies alles vor allem online suchen, mit potenziell viel größerem Publikum und höherer Taktrate. Das kann auch eine Überforderung sein. Kindern würde ich die Erfahrung ungefilterten Feedbacks in Sozialen Medien zum Beispiel möglichst lange ersparen. Sie brauchen den Schutzraum einer überschaubaren sozialen Umgebung.

Gerade wenn man die Digitalisierung betrachtet, scheint sich die Welt unaufhaltsam schnell zu verändern. In welchem Verhältnis sehen Sie als Theologe dazu die Beständigkeit Gottes, der seit Anbeginn der Zeit immer derselbe war und ist?

Mit Blick auf die Geschichte ist es fast witzig, dass so viele Zeitalter sich selbst als völlig neu und großen Umbruch empfanden. Das kann schon rein statistisch nicht sein. Auch innerhalb der Digitalisierung fällt auf, wie schnell viele Hypes wieder verschwinden. Wer spricht heute noch von „Second Life“ – einer virtuellen Fantasiewelt, die vor ein paar Jahren in aller Munde war – , oder dem sozialen Netzwerk „StudiVZ“? Genauso können auch die „großen“ Anwendungen von heute in Zukunft schnell vergessen sein. Selbstverständlich ändern technologische und gesellschaftliche Umbrüche nichts am Wesenskern Gottes: Gott ist seinem Wesen nach Liebe. Das macht ihn aus, und das soll auch prägen, wie wir miteinander umgehen und für den Glauben an ihn werben.

Welchen Einfluss hat die Digitalisierung auf die Themen Mission und Evangelisation?

Online präsent und gut erreichbar zu sein, ist für christliche Initiativen heute Pflicht. Da wirkt manches, ehrlich gesagt, noch etwas verstaubt. Aber solche Erreichbarkeit ist nur notwendig, noch nicht hinreichend. Um Menschen für den Glauben zu gewinnen, braucht es meist mehr, nämlich die persönliche Begegnung.

Vor welchen Herausforderungen stehen Missionare und Evangelisten ganz praktisch, seitdem Soziale Medien aus dem Alltag der Menschen, die es zu erreichen gilt, nicht mehr wegzudenken sind?

Es ist zum Teil noch schwieriger geworden, Menschen weg vom Bildschirm zu bekommen und zu einer analogen Begegnung zu motivieren. Solche Begegnungen braucht es aber, wenn wir Menschen zum Glauben einladen möchten. Auf der anderen Seite informieren sich viele zuerst online, wenn sie etwas über den Glauben erfahren möchten. Dazu gibt es im Netz Unmengen an Angeboten, manche hilfreich und solide, andere irreführend. Deswegen dürfen wir nicht nur in der analogen Welt auf Gesprächspartner „warten“, sondern müssen eben online präsent sein, mit gut gemachten Seiten, Blogs, YouTube-Kanälen und vielem mehr – um Kontakte zu knüpfen, Informationen zu geben und auch um Fehlinformationen zu korrigieren. Da hat sich in den letzten Jahren Erfreuliches getan, davon brauchen wir aber noch mehr.

Was hat sich bei der Verkündigung geändert im Vergleich zu vor zehn Jahren?

Bei vielen Menschen ist die Aufmerksamkeitsspanne geringer, sie sind langes Zuhören nicht mehr gewohnt. Das heißt aber nicht, dass man nicht mehr mündlich verkündigen kann – im Gegenteil. Ich sehe es als willkommene Herausforderung und als rhetorisches Training. Man muss eben auf den Punkt sprechen, anschaulich, verständlich und nachvollziehbar. Das hat immer schon geholfen, heute ist es umso nötiger.

Welche Vorteile bieten Soziale Medien für die Verkündigung und die Mission?

Die Reichweite und Geschwindigkeit der Kommunikation sind viel größer. Schon ein mittelmäßig erfolgreicher YouTube-Clip erreicht manchmal Tausende von Menschen – so viele kommen kaum je in einen Gottesdienst. Auch ist die Schwelle niedriger: Es ist eben viel leichter, ein Video anzuklicken oder einen Blog aufzurufen, als in ein Gemeindezentrum zu gehen. Und schließlich kann man über Chatforen und Kommentarfunktionen unkompliziert in Dialog mit einem virtuellen „Gast“ treten, ohne dass dieser sich vollständig zu erkennen geben muss. Das alles ist erst einmal großartig und das sollten wir nutzen.

Wie hat sich das theologische Lehren und Arbeiten verändert, seit Soziale Medien so wichtig geworden sind?

Wenn es um Soziale Medien im engeren Sinn geht: Studierende und theologische Gesprächspartner sind hier wie selbstverständlich zu Hause, wichtiger Austausch findet also auch auf diesen Plattformen statt. Eine vertiefte Diskussion, die aus mehr als nur ein paar Soundbytes besteht, braucht allerdings auch die persönliche Begegnung. Soziale Medien erhöhen die Reichweite, aber können das analoge Gespräch nicht ersetzen.

Haben sich die Interessen und Überzeugungen der Studenten in diesem Zusammenhang verändert?

Da habe ich keinen Vergleich; ich bin seit 2006 im Hochschulbereich unter anderem als Dozent tätig, da waren Soziale Medien schon im Kommen. Ich sehe da eher Chancen. Es gibt richtig gute christliche Angebote im Internet, auf die ich meine Studierenden hinweisen kann und bei denen sie sich vertieft informieren können. Wenn ich einmal zwei nennen darf: www.reasonablefaith.org ist die Seite des amerikanischen Apologeten und Religionsphilosophen William Lane Craig mit einer Fülle von Ressourcen zum Thema Apologetik, also der Begründung des Glaubens im Gespräch mit Skeptikern. Zum Teil recht anspruchsvoll zu lesen, aber eben sehr hilfreich. Außerdem gibt es auch eine ganze Reihe von Texten in deutscher Übersetzung. Ein zweites: www.begruendet-glauben.org ist ein Gemeinschaftsprojekt mehrerer christlicher Initiativen aus dem deutsprachigen Raum. Hier stehen aktuelle Vorträge und Infos zum Glauben als Video, Audio und Text zur Verfügung. Schön aufbereitet mit guten Suchfunktionen. Eine Fundgrube für einen selbst und für das Gespräch mit anderen.

Vielen Dank für das Gespräch!

Matthias Clausen ist Professor für Systematische Theologie und Praktische Theologie an der Evangelischen Hochschule Tabor in Marburg. Er ist Inhaber der Karl-Heim-Professur für Evangelisation und Apologetik unf Theologischer Referent beim Institut für Glaube und Wissenschaft (IGUW).

Matthias Clausen ist Professor für Systematische Theologie und Praktische Theologie an der Evangelischen Hochschule Tabor in Marburg. Er ist Inhaber der Karl-Heim-Professur für Evangelisation und Apologetik unf Theologischer Referent beim Institut für Glaube und Wissenschaft (IGUW).

Dieser Artikel erschien zuerst in der Ausgabe 4/2019 des Christlichen Medienmagazins pro. Bestellen Sie pro hier.

Die Fragen stellte Swanhild Zacharias

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