Ergebnis einer Diskussion über Sex und Glaube in Berlin: Frauen sind in allen Weltreligionen benachteiligt. Das aber liegt nicht an der Relgion selbst.

Ergebnis einer Diskussion über Sex und Glaube in Berlin: Frauen sind in allen Weltreligionen benachteiligt. Das aber liegt nicht an der Relgion selbst.

Religion und Sex: Wo liegt eigentlich das Problem?

Sind die Religionen Schuld an Diskriminierung, Hass auf Frauen und sexualisierter Gewalt? Diese Frage versuchten die Teilnehmer der Berliner Religionsgespräche am Dienstag zu klären. Das ausschließlich weiblich besetzte Podium war sich einig: Nicht der Glaube ist schuld – sondern die religiöse Männerdominanz.

Regelmäßig lädt die Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften zu einem Gespräch über Religion ein. An diesem Dienstag lautete das Thema „Sexualität“. Entsprechend gut gefüllt war der Saal. Eingeladen war ein ausschließlich weibliches Podium. Die Theologin und Philosophin Doris Wagner sowie die Autorin Deborah Feldman haben innerhalb enger religiöser Gemeinschaften Erfahrungen der sexuellen Unterdrückung und Gewalt gemacht. Außerdem mit am Tisch: Susanne Schröter, Leiterin des Forschungszentrums Globaler Islam an der Universität Frankfurt, und die Kairoer feministische Künstlerin Nora Amin.

Wagner war einst Nonne in einer katholischen Gemeinschaft und hat dort nach eigenen Angaben sexuelle Übergriffe erlebt. Nach ihrem Austritt erfuhr sie, dass das nicht nur sie, sondern zahlreiche Frauen in Klöstern betrifft. Zu Beginn dieses Jahres räumte sogar Papst Franziskus dies nach Medienberichten ein. Wagner selbst meldete ihr Erlebtes ebenfalls dem Pontifex – erhielt aber nie eine persönliche Antwort. Heute sagt sie: Autoritäre religiöse Gemeinschaften schränken nicht nur die Sexualität ein, sondern auch das selbständige Denken. Die Religion selbst sieht sie dabei aber nicht als das Problem. Ein Glaube könne durchaus erhebend und erbauend für den Einzelnen sein.

Das Christentum leide darunter, dass es sich in einer patriarchal strukturierten Gesellschaft entwickelt habe. Dadurch seien die durchaus vorhandenen positiven Frauenbilder in der Bibel in Vergessenheit geraten, etwa Maria Magdalenas Rolle in der Nachfolge Jesu: „Sie war vielleicht wichtiger als die Apostel in der damaligen Zeit. Das arbeitet die Theologie erst jetzt wieder heraus.“ Wagner warnte vor einem erstarkenden katholischen Fundamentalismus in Europa, etwa in Polen.

Religiöse Schriften sind fortschrittlich

Die Autorin Deborah Feldman ist in einer ultraorthodoxen jüdischen Gemeinschaft in New York aufgewachsen. Schuldgefühle wegen ihrer Weiblichkeit habe sie Zeit ihres Aufwachsens gehabt. Der weibliche Körper sei verdammt worden und die Frauen systematisch unterdrückt. Feldman begann, anonym über das Erlebte zu bloggen und bemerkte wie Wagner, dass es viele Frauen wie sie gibt, die durch ultraorthodoxe Gemeinschaften sexuell unterdrückt werden.

In den religiösen Schriften selbst sehe sie trotz allem viele Versuche, die Situation der Frauen nachzuvollziehen. Die Thora hält Feldman in Anbetracht der zeitlichen Umstände ihres Entstehens sogar für progressiv. In den ursprünglichen Texten der Bibel gehe es eher darum, dass Männer und Frauen eine Einheit bildeten „und dass darin die Kraft des Lebens liegt“. In der Praxis werde das aber ignoriert. „Je mehr die Moderne die Welt verändert, desto reaktionärer wird die Gemeinde“, sagte Feldman.

Islam ist nicht sexualfeindlich

Die Islamforscherin Susanne Schröter sprach von einer Fundamentalisierungsbewegung in vielen islamischen Ländern. Viele Muslime hätten geglaubt: „Gottes Versprechen ist, dass wenn wir uns an seine Regeln halten, der Rest der Welt islamisch wird.“ Als dies nicht eintrat, habe sich Enttäuschung breit gemacht. Konservative Muslime hätten die zunehmende Dominanz des Westens als Abfall vom wahren Glauben interpretiert. Damit einher sei die Installation einer patriarchalen Ordnung gegangen – obwohl es auch im Orient eine breite Emanzipationsbewegung gegeben habe. In Folge dessen sei der weibliche Körper als Wurzel vielen Elends interpretiert worden. Die Religion an sich gebe das nicht her.

Die Kairoer feministische Autorin Nora Amin erklärte: „Es gibt nicht einen Islam, sondern viele verschiedene Formen.“ In ihrem Land werde die fundamentalistische Interpretation des Islam genutzt, um die Politik zu steuern. Wenn etwa Gewalt innerhalb der Familie durch das Oberhaupt legitimiert sei, könne sie auch leichter innerhalb des Staates – vom Staatsoberhaupt gegen seine Untergebenen – Akzeptanz finden.

Von: Anna Lutz

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