Der Bundeskanzler hat es nicht leicht dieser Tage. Ein verheerendes Wahlergebnis für die CDU in Sachsen-Anhalt, weitere drohende Niederlagen in Mecklenburg-Vorpommern und in Berlin. Seine Beliebtheit ist auf dem Nullpunkt. Immer wieder muss er sich – zurecht – vorwerfen lassen, sich im Ton zu vergreifen und weder Koalitionspartner noch Bürger rhetorisch einzuschwören auf einen Reformkurs, der vielleicht zunächst hart ist, sich aber langfristig auszahlt.
Aus Berlin ist zu hören, dass Merz dieser Tage schwächer wirkt als sonst. Nervöser. Fahriger. Vielleicht war es neulich deswegen genau der richtige Zeitpunkt, als Merz einen Brief aus Gießen erhielt. In der Generaldebatte am Mittwoch im Deutschen Bundestag las er daraus vor.
Geschrieben hatte ihn der Rektor der Freien Theologischen Hochschule Gießen (FTH), Stephan Holthaus. Darin ermutigte er den Bundeskanzler, die positiven Seiten Deutschlands hervorzuheben, weil es immer noch so viel Gutes gebe, wie Merz zitierte: „Erfindungen, made in Germany, Vorzeigeunternehmen, Menschen, die sich um den sozialen Zusammenhalt mühen, Vereinsaktivitäten, Nachbarschaftshilfe, Kinderarchen, Tafeln und so weiter.“
Anruf vom Kanzler
Was Merz im Plenum nicht erwähnt hatte: Am Dienstag hatte er Holthaus angerufen, um mit ihm über den Brief zu sprechen, auch ob er daraus zitieren dürfe. Natürlich kommt es nicht alle Tage vor, dass der Bundeskanzler in der FTH anruft. Tatsächlich war der Brief auch nicht von langer Hand geplant, sondern er habe ihn einfach geschrieben, so der Theologe.
Merz scheint jedenfalls bewegt gewesen zu sein. Der Brief, der PRO vorliegt, hat nichts Frömmelndes, obwohl es darin natürlich auch um Gottes Segen und ums Gebet für die Politik geht. Vor allem aber ist er eine Ermutigung, ein optimistisches, zuversichtliches Zukunftsbild von Deutschland zu zeichnen.
Umso bemerkenswerter ist, wie Merz unmittelbar nach den Zitaten aus dem Brief seine Rede beendete. Es gehe in der Politik nämlich auch darum, Fehler einzugestehen und einander zu vergeben. Merz schloss seine Rede mit einem Appell, den er explizit auch an sich selbst richtete: „(…) auch gemeinsam Fehler machen – in Klammern: und sie zugeben, an mich gerichtet –, bitte auch vergeben, wieder aufstehen, nur dann haben wir Zukunft.“ Mehrfach wiederholte Merz diese Worte.
Grassierende Unbarmherzigkeit
Vielleicht ist dieses Vergeben auch das, was uns gerade in Bezug auf Politiker am meisten fehlt. Und bei aller legitimen Kritik an der Politik des Bundeskanzlers, der seine Fehler auch eingestehen sollte: In Zeiten von Social Media und alternativen Medien, in denen den politischen Verantwortlichen jeglicher Couleur jedes Wort im Mund herumgedreht wird, grassiert auch die Unbarmherzigkeit. Das Denken in Feindbildern.
Viele schaffen es nicht einmal, dem politischen Gegner wenigstens zu unterstellen, es nicht böse mit unserem Land zu meinen.
Mag sein, dass gerade deshalb das Schreiben aus Gießen den Kanzler, der täglich unzählige Briefe bekommt, so bewegt hat. Weil es mittlerweile eine Ausnahme ist, dass wir als Christen den Mächtigen nicht nur auf die Finger schauen, sondern sie auch ermutigen in ihrem wichtigen Dienst.
Oder wie Holthaus es gegenüber PRO sagt: „Briefe schreiben lohnt sich manchmal. Viel mehr Christen sollten das tun.“
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