PRO: Was müssen Gemeinden tun, um zukunftsfähig zu sein?
Oliver Ahlfeld: Ein missionarisches Profil geht oft von der Leitung aus, darum ist sie ein Kernpunkt. Deutschland ist längst ein Missionsland und deswegen brauchen wir missionarische Gemeinden.
Können Sie das mit Zahlen unterfüttern?
Zahlen und Daten finden sich in der Kirchenmitgliedschaftsuntersuchung von 2023. Sie zeigt mit anderen Studien, wie Deutschland sich in den nächsten Jahren geistlich entwickelt. Experten vermuten, dass der Rückgang noch schneller vonstatten geht. Wer heute nicht getauft oder konfirmiert wird, fehlt in Zukunft als Mitglied. Viele Freikirchen haben zwar ein stärkeres missionarisches Gen, aber sie leben, wie viele wachsenden Gemeinden, oft vom Transferwachstum, weil Christen aus anderen Gemeinden kommen. Wir müssen also wieder lernen, missionarisch zu sein. Im Gnadauer Verband wurden in den letzten fünf Jahren mehr als 50 Gemeinden gegründet und mehr als 250 neu belebt. Das ist ein Anfang, aber noch kein geistlicher Aufbruch.
Macht Ihnen diese Entwicklung Angst?
Nein, weil wir ja längst unsere missionarischen Möglichkeiten kennen. Wir wissen, wie wir mit dem Evangelium, mit Musik und Sprache die Menschen erreichen. Gott kann Herzen verändern. Leider wenden wir unser Handwerkszeug oft nicht an. Meine Aufgabe ist es, die Gemeinden zu ermutigen, es doch zu tun.
Wann gelingt ein Projekt?
Da kommen wir wieder zur Leitungsfrage: Wer leitet wie und welche Machtgefüge gibt es in Gemeinden? Mit diesen Fragen beschäftigen sich alle, die Gemeinde entwickeln. Gott hat uns ein großes Potenzial gegeben. Wir können zum Beispiel mit offenen Augen darauf schauen, was der Sozialraum im Umfeld unserer Gemeinde braucht. Außerdem ist eine Vision hilfreich. Das gilt für große und kleine Gemeinden, für die auf dem Land oder in der Stadt, für die mit oder ohne Hauptamtliche. Mit Menschen, die sich gezielt einbringen, kann etwas wachsen. Aber mathematisch lösen wir die Aufgabe nicht. Letztlich ist klar: Gottes Geist sorgt für die Frucht.
Sie sind Vater von zwei Kindern: Wie blickt die junge Generation auf das Thema?
Um junge Leute für etwas zu begeistern, muss ich ihnen Freiräume ermöglichen. Sie dürfen Dinge verändern und anders machen. In der praktischen Zusammenarbeit mit ihnen spüren wir am besten, wie sie ticken. Wenn wir sie ernst nehmen und sie Gemeinde positiv erleben, erzählen sie das auch weiter. Sehr gerne habe ich Praktikanten und achte darauf, dass sie bewegende Erlebnisse haben, mit denen sie andere auf die Spur des Glaubens bringen können: auch mit ungewöhnlichen Formaten. Leitung sollte das ermöglichen und nicht Dinge blockieren, weil sie noch nie anders gemacht wurden.
Haben Gemeinden verlernt, auf die jungen Leute zu hören?
Ich verstehe, dass es schwerfällt, wenn man seit 20 Jahren keine jungen Leute in der Gemeinde hat. Verlassen Jugendliche die Gemeinde zum Studium, ist das natürlich herausfordernd. Aber genau darin liegt die missionarische Konsequenz: Wenn Menschen den Glauben für sich entdecken, dann wachsen Gemeinden. Für mich ist der entscheidende Schlüssel, dass wir missionarische Haltung und Aktivität ermöglichen und kultivieren.
Können Sie ein gelungenes Beispiel nennen?
In der Studentenstadt Magdeburg haben wir das Format „Coffee & Church“ etabliert. Viele in der Gemeinde sind zwischen 18 und 35 Jahren. Junge Menschen suchen eine Heimat, in der sie sich wohlfühlen, aber nicht vereinnahmt werden. Offenheit, eine gewisse Ästhetik der Räume und das bereits genannte Handwerkszeug können dabei helfen.
Was ist wichtig, damit die Formate der Zukunft gelingen?
Niemand will dem vielzitierten Zeitgeist hinterherhecheln. Aber in Deutschland hat vor einigen Jahren die Café-Kultur Einzug gehalten. Seitdem haben viele vital wachsenden Gemeinden ihr Gemeindehaus als dritten Ort neben Zuhause und Arbeit profiliert, an dem sich Menschen treffen und über die wichtigen Dinge im Leben reden können. Dort sollten wir den Glauben einbringen. Ein zweites Beispiel sind Zellgruppen, in denen sich Menschen in gemütlichen Wohnzimmern treffen, um über ihr Leben und Glaubensfragen zu sprechen. Das halte ich für eine wichtige Aufgabe von Christen, in einem Land, in dem immer mehr Menschen sehr einsam sind. Für Jesus war die Gemeinschaft mit Menschen zentral. Liebevolle und hörende Leitung hilft, wenn sie eine Vision mit der Gemeinde findet. In missionarisch hoher Konsequenz können sie oft richtig viel Frucht erleben, fernab vom Transferwachstum.
Schauen Sie in allem eher positiv oder zurückhaltend in die Zukunft?
Positiv stimmen mich die Dinge, die Frucht bringen und wo wir unsere Möglichkeiten nutzen. Wir sind herausgefordert, weil wir in vielen Dingen wenig agil sind. Mich ernüchtert es, wenn wir nicht aktiv gestalten oder nur reagieren, statt zu agieren.
Vielen Dank für das Gespräch.
Der Artikel ist erstmals in der Ausgabe 1/2026 des Christlichen Medienmagazins PRO erschienen. Das Heft können Sie hier kostenlos bestellen.