Hassan ist Palästinenser. Seine Familie musste das israelische Gebiet 1948 verlassen. Wenn er darüber spricht, dann nennt er das „Nakba“. Die Katastrophe also. Er selbst ging vor 30 Jahren nach Deutschland. Irgendwann aber, da ist er sich sicher, geht er zurück nach Palästina.
Amir ist Jude. Auch er hat seine Heimat verlassen, der Liebe wegen. Weil er sich in einen Deutschen verliebt hat, lebt er nun in Berlin. Nacht für Nacht zieht er um die Häuser, fast immer ist er auf Drogen oder betrunken. Zu Hause weiß niemand von seiner Homosexualität.
Hassan aber weiß es. Denn innerhalb eines Jahres trifft er immer wieder auf Amir. Dann nämlich, wenn dieser sich einen Fahrdienst bestellt und sich durch die Berliner Nacht kutschieren lässt, um feiern zu gehen oder sich mit Freunden zu treffen. Hassan sieht Amir auf der Rückbank knutschen. Er gabelt ihn vor einem Club auf, als dieser unfähig ist, alleine nach Hause zu kommen. Er sieht ihn um seine Liebe trauern. Und schließlich, kurz nach dem 7. Oktober 2023, nach dem Angriff der Hamas auf Israel, fährt er ihn zum Flughafen, damit er bei seiner israelischen Familie sein kann.
Über all die Nächte hinweg entwickelt sich eine Beziehung zwischen den beiden. Anfangs ist die Haltung der beiden zueinander noch zurückhaltend, sie testen aus, in welcher Sprache sie sich unterhalten können: Hebräisch? Arabisch? Englisch? Deutsch? Schließlich wird es eine Mischung aus allem. Denn beide Männer sprechen von allem ein bisschen.
Liebeskummer und Heimatsuche
Zu Beginn ist es vor allem Amir, der für Hassan ein offenes Buch ist, seine Geschichte nicht nur erzählt, sondern auch mit jeder Fahrt demonstriert. Die Liebe zu einem anderen Mann. Der Absturz nach der Trennung. Der Liebeskummer und die Eifersucht. Und schließlich die viel existenziellere Not nach der Gewalt in der Heimat.
Hassan redet kaum, dabei dreht sich die Handlung mehr um ihn als um Amir. Immer ist der Zuschauer dabei, wenn er mit seinem Auto durch die Hauptstadt fährt, sogar dann, wenn Amir gar nicht an Bord ist. Langsam ergibt sich so auch ein Bild des geheimnisvoll stillen Palästinensers. Wegen einer großen Liebe, so bekommt man mit, ist er einst nach Deutschland gekommen. Geklappt hat es mit ihr aber nicht, dennoch hängt er ihr noch nach, fährt manchmal zu der Wohnung, in der sie einst lebte – mit ihrem Ehemann.
Auch das Verhältnis zu einer seiner drei Töchter ist angeknackst. Sie lebt beim Onkel, ist verliebt in einen Deutschen und will ihn sogar heiraten – ganz zum Unmut des Vaters. So tragen Hassan und Amir ihre ganz eigenen Probleme mit sich herum und die haben so herrlich wenig mit Nahost zu tun, dass man erleichtert aufatmet und sich geradezu glücklich wähnt, das Wort Gaza in diesem Film nicht ein Mal zu hören.
Politisch, ohne Partei zu ergreifen
Die israelisch-deutsche Produktion „Where to?“ zeigt, was vergessen worden ist: Das Leben von Palästinensern und Juden dreht sich mitnichten nur um den Konflikt ihrer Herkunftsregionen. Und doch spielt es im Umgang miteinander natürlich immer eine Rolle. So sagt Hassan zu Amir: „Ich mag dich.“ Um dann hinzuzufügen: „Aber das ist ein Problem für mich.“
Sogar Humor beweist der Film, als Hassan eines Abends ein älteres israelisches Paar durch Berlin fährt und er zugleich seinen Cousin am Telefon hat. Dieser hört, dass im Auto Hebräisch gesprochen wird und beginnt seinerseits aus Spaß, Triggerworte in seine arabischen Sätze einzubauen. So fallen Worte wie „Al Aksa“ und schließlich „Allah Akbar“, die die Israelis im Gegensatz zum restlichen Gesprochenen verstehen und sie immer unruhiger werden lassen. Am Ende sind sie froh, als sie das Auto verlassen können.
„Where to?“, ein Erstlingswerk von Assaf Machnes, ist ein Film, der den Nahostkonflikt zum Thema macht, ohne ihn direkt zum Thema zu machen. Er blickt auf die Menschen statt auf die Politik, ist deshalb aber nicht weniger politisch. Man darf annehmen, dass Wim Wenders Filme wie diesen im Blick hatte, als er zu Beginn der Berlinale sagte, der Film solle sich nicht in die Sphäre der Politik begeben. Das brachte dem Festival internationale Kritik ein. Wer „Where to?“ gesehen hat, versteht Wenders vielleicht etwas besser und wird auch ein Stück weit mit seinen Worten versöhnt. Der Film, so zeigt sich, kann durchaus politisch sein, dem Zuschauer aber seine eigene Deutung der Zustände überlassen und keinen Aktivismus für eine Seite betreiben. Was für eine Wohltat.