„Frauen tendieren stärker dazu, sich zu vergleichen“

Die christliche Frauenzeitschrift „Lydia“ feiert ihren 40. Geburtstag. Zeit für ein Gespräch mit Redaktionsleiterin Ellen Nieswiodek-Martin über Rollenbilder, erschöpfte Mütter und weibliche Perspektiven auf soziale Medien.
Von Jonathan Steinert
Ellen Nieswiodek-Martin

PRO: Die erste Ausgabe der „Lydia“ ist 1986 erschienen. Welche Rolle spielte die gesellschaftliche und politische Wahrnehmung von Frauen damals für die Gründung eines christlichen Frauenmagazins?

Ellen Nieswiodek-Martin: Das hat für die Gründung von „Lydia“ keine Rolle gespielt. Das Magazin geht auf die ganz persönliche Initiative und die Vision von Elisabeth Mittelstädt zurück. Vieles, was sie sich für ihr Leben vorgestellt hatte, ist ganz anders gekommen, ihre Träume waren gescheitert. Sie konnte keine Kinder bekommen, sie hatte chronische Nervenschmerzen. Damals hatte sie die Vision für Lydia, einer Zeitschrift, in der gläubige Frauen einander unterstützen, indem sie ehrlich über ihre Erlebnisse sprechen, über Ängste, Schmerzen, Träume und wie sie in all dem Gott erlebt haben. 

Welche Rolle spielen gesellschaftspolitische Debatten heute für „Lydia“?

Unsere Mission ist, dass Frauen sich unterstützen und ermutigen durch persönliche und authentische Berichte. Manchmal identifizieren wir aktuelle gesellschaftliche Themen, die wir auch für unsere Leserinnen wichtig finden. Dann suchen wir gezielt nach Autorinnen für ethische Themen und nach Erfahrungsberichten. Als 2023 das Selbstbestimmungsgesetz beschlossen wurde, haben wir einen Schwerpunkt zu diesem Thema gebracht. Auch Organspende oder Sterbehilfe haben wir auf ähnliche Weise aufgegriffen.

„Lydia“ versteht sich also nicht als feministische Stimme, die für Frauenrechte in der Gesellschaft und in christlichen Gemeinden eintritt?

Wir sehen unsere Aufgabe nicht darin, Debatten zu führen und für Gleichberechtigung zu kämpfen. Interessanterweise war die Coverfrau der ersten „Lydia“-Ausgabe eine berufstätige Mutter, Politikerin und Gynäkologin aus Finnland, Dr. Ulla Järviletho. Sie ermutigte Frauen, ihre Talente einzusetzen. Und natürlich berichten wir über Frauen, die Verantwortung in Gesellschaft oder Politik tragen. Allerdings gibt es in den verschiedenen Denominationen unterschiedliche Zuschreibungen, wie Frauen zu sein haben. Das merken wir bei den Leserzuschriften.

Gibt es eine spezifisch weibliche Identität, etwas, das schöpfungsmäßig zum Wesen einer Frau gehört?

Für mich sind Frauen und Männer Gottes Kinder, Töchter und Söhne, gleichwertig und beide beauftragt, ihre Fähigkeiten und Gaben einzubringen. Das ist in erster Linie unsere Identität. Es gibt Dinge, die können nur Frauen, wie schwanger werden, Kinder zur Welt bringen, Säuglinge stillen. Frauen sind durch hormonelle Einflüsse in einem anderen Maß als Männer emotionalen Schwankungen ausgeliefert. Das sind biologische Unterschiede, aber nicht ihre Identität.

„Für mich sind Frauen und Männer Gottes Kinder, Töchter und Söhne, gleichwertig und beide beauftragt, ihre Fähigkeiten und Gaben einzubringen.“

Ellen Nieswiodek-Martin

Die gesellschaftlich geprägten Rollenbilder von Männern und Frauen haben sich in den vergangenen Jahrzehnten verändert. Männern wird dabei oft nachgesagt, sie seien dadurch in ihrem Selbstverständnis als Mann verunsichert worden. Trifft das auch auf Frauen zu?

Ich freue mich sehr, dass Frauen und Männer viele Möglichkeiten haben, ihr Leben zu gestalten. Heute bringen sich viele Väter stärker in der Kindererziehung und im Familienalltag ein. Das hätten Väter sicher auch in den 80er und 90er Jahren gern gemacht, aber einen Rechtsanspruch auf Elternzeit gab es damals nicht. Genauso schätzen und genießen es Frauen, dass sie heute mehr Freiheiten haben. Ich glaube, es ist heutzutage schwieriger für Männer und Frauen, ihren persönlichen Weg zu finden, weil es viele Optionen gibt und so viel im Wandel ist. Vielleicht kommt es darauf an, wie gelassen wir mit diesen Fragen und auch den manchmal unausgesprochenen Erwartungen umgehen.

Der Anteil von Frauen in den Spitzen- und Leitungspositionen oder Ämtern, die mit mehr Verantwortung verbunden sind, ist immer noch geringer als der von Männern. Woran liegt das?

Das hat sicher unterschiedliche Ursachen. In etlichen Führungsetagen sitzen noch immer überwiegend Männer, auch in christlichen Kreisen gibt es in Gremien einen deutlichen Männerüberschuss. Es ist die Frage, ob Frauen die Positionen nicht attraktiv finden oder sich die Arbeit nicht zutrauen. Vielleicht ist es ihnen auch nicht so wichtig und sie entscheiden sich, wenn sie Kinder haben, eher dafür, Zeit mit ihnen, statt Stunden in Sitzungen und Meetings zu verbringen. Dazu kommt, dass die Arbeitsbedingungen in Leitungspositionen oft schwerer mit dem Familienleben zu vereinbaren sind. Weil beispielsweise Meetings bis in den Abend dauern oder die Erwartung besteht, rund um die Uhr erreichbar zu sein.

Die Abwägung zwischen Familie und Engagement müssen Männer ebenfalls vornehmen …

Stimmt, und das ist nicht leicht. Ich habe selbst zweimal die Frage abgelehnt, ob ich mich in einen Vorstand berufen lassen möchte. Damals waren meine Gedanken: Wenn ich meinem Beruf gerecht werden will und meiner Familie und mich noch ehrenamtlich in der Kirchengemeinde engagiere, kann ich keine weitere Verantwortung übernehmen. Ich habe es mir nicht zugetraut. Im Rückblick würde ich vielleicht anders entscheiden. Es wird spannend, zu sehen, ob und wie sich etwas ändert, wenn in den nächsten Jahren die geburtenstarken Jahrgänge in den Ruhestand gehen.

Wie hat sich die Lebensrealität der Frauen in den vergangenen 40 Jahren noch verändert?

Das kommt auf die Perspektive an: Die Statistik zeigt, dass mehr Frauen studieren und hochqualifizierte Abschlüsse machen. Zum Besseren verändert hat sich die Kinderbetreuung, es gibt mehr Plätze. Es gibt aber auch deutlich mehr Menschen, die allein leben, Frauen betrifft das im Alter etwas häufiger. Als „Lydia“ gegründet wurde, gab es noch die BRD und die DDR. Auch 37 Jahre nach der Maueröffnung beobachte ich, dass wir noch immer einen Unterschied zwischen Ost und West haben.

Worin liegt der Unterschied?

Beispielsweise waren die meisten Frauen im Osten meist keine Hausfrauen. Berufstätig zu sein, war für sie überhaupt keine Frage – das war es nur für uns Frauen im Westen. Dann hat sich die Diktatur der DDR auf Christen massiv ausgewirkt. Junge Christen, die sich konfirmieren ließen, statt zur Jugendweihe zu gehen, durften kein Abitur machen. Im Titelinterview der „Lydia“ 2/2026 erzählt Andrea Ballschuh, warum ihre Mutter einst aus der Kirche austrat: Für die berufliche Laufbahn ihres Ehemannes war eine Kirchenzugehörigkeit damals nicht erwünscht. Mir wurde in letzter Zeit wieder neu bewusst, wie einschneidend die Erfahrungen für Menschen in der DDR waren und wie prägend für die Biografien bis heute.

Seit 40 Jahren erscheint die Zeitschrift Lydia mittlerweile Foto: Verlag

40 Jahre Lydia

Im Februar 1986 erschien die erste Ausgabe der „Lydia“ im eigens dafür gegründeten Lydia-Verlag, ins Leben gerufen von Elisabeth Mittelstädt, die die Redaktion bis 2013 leitete. Die 80-jährige Publizistin lebt heute in den USA. Mit Texten über Lebensgeschichten und Glaubenserfahrungen von Frauen will die Zeitschrift ihre Leserinnen ermutigen und unterstützen. Seit 2010 gehört „Lydia“ zu Gerth Medien und seit 2020 zur SCM-Verlagsgruppe. In Ungarn und Rumänien erscheinen Ausgaben in der jeweiligen Landessprache, aber mit eigenen Inhalten. Das 40. Jubiläum feiert „Lydia“ am 26. September mit einem Frauentag in Marburg. Weitere Informationen unter:  bit.ly/lydia-frauentag

Als „Lydia“ gegründet wurde, dachte auch noch niemand an mobiles Internet, Influencer und soziale Medien. Gibt es darauf eine weibliche Perspektive?

Im Bereich Social Media sehe ich, dass Frauen stärker dazu tendieren, sich zu vergleichen, als Männer. Dass sie in vielen Lebensbereichen hohe Ansprüche an sich selbst haben. Alles muss perfekt sein: Das Outfit, die Figur, die Wohnung, der Arbeitsplatz, der Urlaub. Das zieht sich inzwischen durch viele Generationen. Wir wissen eigentlich, dass die Influencer in sozialen Medien uns meistens eine inszenierte Welt zeigen – aber tappen dennoch oft in die Falle. Dann sind wir unglücklich, wenn der eigene Garten nicht so schön aussieht wie der von der Garten-Influencerin; oder wenn ich es nicht schaffe, dass mein Zuhause so schön dekoriert und so ordentlich ist, wie andere es auf Instagram zeigen. Das ist nur eins von mehreren Themen. Seit Smartphones zu ständigen Begleitern im Alltag geworden sind, nimmt auch die Handysucht zu. Vor allem junge Frauen scheinen Forschern zufolge davon stärker betroffen zu sein.

In sozialen Medien gibt es ein Phänomen, dass junge Frauen sehr klassische Rollenbilder propagieren, „Tradwives“: Sie machen den Haushalt, kochen und backen alles selbst und alles dreht sich darum, dem Mann ein schönes Leben zu machen. Wird da eine Sehnsucht gestillt, die vielleicht nicht mehr befriedigt wird durch unsere sehr liberale Gesellschaft?

Auf der einen Seite sehe ich die Tradwives als eine Gegenbewegung zu liberalen Lebensentwürfen. Da ist eine Sehnsucht danach, etwas mit den eigenen Händen zu schaffen, nach klaren Rollen, klaren Aufgaben, weniger Komplexität. Voraussetzung für diesen Lebensstil ist, dass der Mann genug Geld verdient. Auf der anderen Seite ist es auch ein gutes Geschäftsmodell. Für viele dieser Frauen ist das ein Job, in dem sie ihre inszenierte heile Welt als Einkommensquelle nutzen. Mich würde auch interessieren, wie die Männer diese Rollenverteilung wirklich finden.

Nimmst du die Sehnsucht unter den „Lydia“-Leserinnen wahr, Ehe und Familie bewusst mit traditionellen Rollen zu gestalten?

Eher nicht. Ich nehme wahr, dass Männer und Frauen sich viele Gedanken machen, wie sie ihre Kinder gut erziehen und fördern. Wie sie ihr Leben gestalten und die vermeintliche Vereinbarkeit von Beruf und Familie hinbekommen. Wie sie das alles finanziell schaffen können bei steigenden Lebenshaltungskosten. Da klaffen manchmal Wunsch und Wirklichkeit weit auseinander. Dazu kommt bei Christen die Frage: Welche Begabungen hat Gott mir gegeben, was möchte er für mein Leben?

Ellen Nieswiodek-Martin, geboren 1964, ist seit 2014 Redaktionsleiterin von „Lydia“. Als die erste Ausgabe der Zeitschrift erschien, arbeitete sie in ihrem ersten Beruf als Krankenschwester. Später machte sie ein journalistisches Volontariat bei PRO und schrieb anschließend als Redakteurin vor allem über pädagogische Themen, Medienerziehung und Familie. Sie hat sechs Kinder.

Was sind aktuell die drängenden Themen für Frauen?

Ich denke, uns alle werden die Auswirkungen des Klimawandels in Zukunft stärker beschäftigen. Auch die politische Entwicklung in Deutschland und Europa sehe ich mit Sorge. Extreme Positionen und Meinungen finden mehr Zustimmung. Da sind wir als Christen sehr herausgefordert. Mein Eindruck ist allerdings, dass sich Menschen lieber ins Privatleben zurückziehen, als sich für etwas zu engagieren. Das hängt möglicherweise auch mit einer zunehmenden Überlastung und Erschöpfung zusammen. Besonders Mütter gehen häufig über ihre Belastungsgrenzen hinaus und finden sich doch öfter als Männer im Spagat zwischen Beruf, Haushalt und Kinderbetreuung.

Siehst du noch weitere Erklärungen für diese Erschöpfung?

Das aufrichtige Bemühen, Kinder zu fördern und nachhaltig zu leben, kann auch ein Druck sein. Das betrifft vor allem ein bestimmtes gesellschaftliches Milieu. Sehr herausfordernd ist es auch für Eltern, Kindern einen guten Umgang mit Medien und künstlicher Intelligenz zu vermitteln. Das sind vielfältige Anforderungen. Vor 40 Jahren gab es diese Themen nicht.

Hast du ein weibliches Vorbild in der Bibel? 

Ein Vorbild ist für mich Maria, die Mutter von Jesus. Ich habe einen großen Respekt davor, wie Maria ihre Berufung angenommen hat. Eine Frau, die in der jüdischen Kultur unverheiratet schwanger war, hätte gesteinigt werden können. Trotzdem sagt sie: „Herr, hier bin ich, ich vertraue dir und gehe diesen Weg.“ Davon bin ich sehr beeindruckt.

Vielen Dank für das Gespräch!

Der Artikel ist erstmals in der Ausgabe 3/2026 des Christlichen Medienmagazins PRO erschienen. Das Heft können Sie hier kostenlos bestellen.

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