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Erzbischof von Canterbury kritisiert „Cancel Culture“

Der Erzbischof von Canterbury, Justin Welby, hat sich gegen die sogenannte „Cancel Culture“ ausgesprochen. Jeder müsse frei sein, seine Meinung zu sagen. Besonders für die Kirchen stelle das eine Gefahr dar.
Von Swanhild Zacharias
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Foto: Foreign and Commonwealth Office | CC BY 2.0 Generic
Justin Welby ist Erzbischof von Canterbury

Der Erzbischof von Canterbury, Justin Welby, hat sich im Interview mit der Zeitung Die Welt gegen die sogenannte „Cancel Culture“ ausgesprochen. Der Begriff bezeichnet Bestrebungen, Personen oder Organisationen auszuschließen, denen diskriminierende oder beleidigende Aussagen oder Handlungen vorgeworfen werden. Welby erklärte im Interview, die Vergangenheit könne nicht ungeschehen gemacht werden. „Cancel Culture“ sei „eine riesige Gefahr für das Leben in der Kirche. Wir müssen frei sein, unsere Meinung zu sagen, ob sie nun gut ist oder schlecht“. Er finde es besonders besorgniserregend, wenn Menschen an Universitäten nicht frei sprechen dürften, weil man sie nicht möge.

Der Geistliche nahm auch Stellung zum Thema Brexit. Das Verhältnis zwischen der Europäischen Union und Großbritannien müsse jetzt neu definiert werden. Er sei zwar ein „Remainer“ gewesen (diejenigen, die sich für den Verbleib in der EU ausgesprochen hatten, Anm. d. Red.), sei nun aber auch kein „Remoaner“ (jemand, der den Brexit nicht akzeptiert, Anm. d. Red.), sagte Welby. Es gehe nun darum, loszulassen und eine neue Beziehung zur EU aufzubauen. Welby warnte, christliche Werte dabei außen vor zu lassen. Die EU dürfe sich zum Beispiel nicht ausschließlich als kommerzielles Produkt begreifen und sich auf Materielles zu konzentrieren. Es müsse immer auch immer um Chancengleichheit für alle Menschen der Kontinente gehen.

Die Corona-Pandemie könne entscheidend dafür sein, ob sich die Gesellschaft weiter entwickle und vermehrt Menschenwürde und Gleichheit in den Vordergrund stelle oder ob die Mächtigen und Reichen erneut das Sagen bekämen. „Eine Gesellschaft zu sein, die die christlichen Wurzeln Europas reflektiert. Da tun sich jetzt wirkliche Chancen auf, etwa in Hinsicht auf Besteuerung, Gesundheitsversorgung und sozialen Wohnungsbau“, sagte Welby.

Jesus nicht als Weißen darstellen

Auch das Vereinigte Königreich sehe er nicht in erster Linie als Handelsunion. Sondern als Ort, „Fürsorge und Liebe füreinander zu zeigen, in der Welt Gutes zu tun auf eine Weise, wie wir es sonst nicht könnten“.

Welby sprach sich im Interview außerdem dafür aus, Jesus nicht mehr als weißen Mann darzustellen. „Er war ein Jude aus dem Nahen Osten, der im ersten Jahrhundert lebte. Die Mehrheit der Christen heute ist nicht weiß.“ Sogar der durchschnittliche Anglikaner sei „eine Frau in ihren 30ern, die in der Subsahara lebt und weniger als vier US-Dollar am Tag verdient“, sagte der Geistliche bezogen auf seine eigene Denomination.

Auf die Frage nach der Segnung Homosexueller Paare antwortete Welby ausweichend: „Ich werde Ihnen diese Frage nicht ordentlich beantworten. Da bin ich ganz ehrlich. Wir befinden uns mitten in einem unglaublich komplexen und sehr verwundbaren Prozess. Meine Antwort könnte daher vorwegnehmen, wo wir mit diesem Prozess hinkommen könnten.“ Der Erzbischof bezog sich dabei auf eine geplante Synode der Anglikanischen Kirche im kommenden Jahr, auf der die Frage erörtert werden soll. Er sagte jedoch: „Was wir tun müssen, ist, LGBTI-Menschen klar zu zeigen, dass sie geliebt werden, dass Gott sie willkommen heißt.“

Auf die Frage, ob er Prinz Harry und seine Frau Meghan schon vor der eigentlichen großen Zeremonie privat getraut habe, so wie es Meghan im Interview bei der Talkmasterin Oprah Winfrey geschildert hatte, sagte Welby: „Ich hatte eine Reihe privater und seelsorgerischer Treffen mit der Herzogin und dem Herzog von Sussex. Die juristische Trauung war an jenem Samstag. Ich habe die Hochzeitsurkunde unterzeichnet, die ein juristisches Dokument ist. Ich hätte eine Straftat begangen, wenn ich etwas unterschrieben hätte, das falsch ist.“

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Eine Antwort

  1. Mit seinem Vorbehalt gegen die “Cancel-Culture” ist Welby in guter Gesellschaft.

    Die aktuelle radikale Identitätspolitik von links führe zu Cancel Culture, sagte der ehemalige Bundestagspräsident Wolfgang Thierse (SPD) im Dlf. Eine pluralistische Gesellschaft könne nur funktionieren, wenn Unterschiedlichkeiten zu Wort kämen.
    https://www.deutschlandfunk.de/wolfgang-thierse-spd-ueber-identitaetspolitik-ziemlich.694.de.html?dram:article_id=493111

    Ein neues Netzwerk von Wissenschaftlern bietet der Cancel Culture die Stirn. Die ideologische Diskreditierung von Themen und Standpunkten will man sich nicht mehr bieten lassen.
    https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/debatten/cancel-culture-in-der-wissenschaft-ausbruch-aus-der-tabuzone-17179746.html

    Die französische Soziologin Nathalie Heinich erklärt,
    “Das Problem ist die Schlagkraft derjenigen, die nach dem Prinzip der Cancel-Culture vorgehen und Extremisten verteidigen. Verschiedene Forscher haben sich kürzlich mit Houria Bouteldja solidarisiert, nachdem diese gesagt hatte: «Man kann nicht Israeli und unschuldig sein.»”
    https://www.nzz.ch/feuilleton/islamogauchisme-nathalie-heinich-ueber-franzoesische-universitaeten-ld.1605481

    Wehren wir uns gegen die Sprachverbote. Besonders da, wo es darauf ankommt.
    “Urteilt selbst, ob es vor Gott recht ist, dass wir euch mehr gehorchen als Gott.
    Wir können’s ja nicht lassen,
    von dem zu reden,
    was wir gesehen und gehört haben.”
    Das antworten Petrus und Johannes dem Hohen Rat, der schon damals nicht-genehmes Reden verbieten wollte.

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