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Meinung

Erst die Heizung, dann die Moral

Fifa und DFB haben sich jüngst bei vielen im Land moralisch ins Abseits gestellt. Dabei lastet die Schuld auf uns allen.
Von Norbert Schäfer
Wer bestimmt über die Moral in Deutschland? Lehrer Lämpel aus dem Klassiker Max und Moritz ist es nicht. Doch auch die Kirchen haben wenig Einfluss, sagt eine Erhebung

Foto: stboy|Fotolia

Wer bestimmt über die Moral? Dinge, über die wir uns hier empören, gelten anderenorts moralisch nicht als verwerflich.

Mittlerweile ist bei vielen Menschen aus unterschiedlichen Gründen durchgesickert, dass die Vergabe der Fußball-WM 2022 an Katar – ebenso aus unterschiedlichen Gründen – wohl ein Fehler war. Mangelnde Fußballkultur, Heere von Sklavenarbeitern, zu Tode geschundene oder verunfallte Arbeitsmigranten, eine katastrophale Lage der Menschenrechte, um nur einige zu nennen. Nur: Das alles haben wir gewusst. Die Fifa und der DFB wussten es, die Kirchen und Menschenrechtsorganisationen waren im Bilde, der Bundesregierung und uns Bürgern war das bekannt. 

Mit etwas Verwunderung beobachte ich deshalb aus dem Augenwinkel, wie sich hierzulande die Freude über ein Fußballfest einfach nicht einstellen will und stattdessen Larmoyanz und Empörung verbreiten. Der neueste Grund dafür ist, dass die Fifa nun untersagt hat, eine regenbogenfarbene Spielführerbinde – der Regenbogen steht hier nicht etwa für den noahitischen Bund, unter dem übrigens alle Menschen stehen, sondern unter anderem für sexuelle Vielfalt und Menschenrechte – zu tragen.

Unser Missfallen ändert die Realität nicht

Man muss nicht zu den kulturell Hochgebildeten im Land gehören, um zu wissen, dass gerade Homosexualität in stark islamisch geprägten Kulturen auf wenig Akzeptanz stößt. Muslime begründen ihre ablehnende Haltung gegenüber gleichgeschlechtlicher Sexualität unter anderem aus dem Koran – aus dem sich in vielen Ländern des Orients zudem das Rechtssystem ableitet. Übrigens: Der Koran hat auch eine sehr deutliche Haltung zum Genuss von Alkohol. Der ist Muslimen schlicht verboten. Dass wir hier in Deutschland strikte Ablehnung von Homosexualität scharf verurteilen und das Verbot von Alkohol häufig belächeln, wird die Realität im Orient vorerst kaum verändern. Auch das wussten wir.

Wer eine Einladung erhält, überlegt sich in der Regel vor dem Antritt des Besuches, ob ihm der Gastgeber angenehm erscheint und ob er dessen Sicht auf die Welt teilt oder wenigstens eine Zeit lang ertragen kann. Ist das der Fall, nimmt der Eingeladene die Einladungen gemäß der allgemeinen Etikette dankend an. Anderenfalls lehnt er höflich, aber bestimmt ab. Die gängigen Regeln der Gastfreundschaft verlangen nun, dass sich Gast und Gastgeber stets um Höflichkeit bemühen. Vom Gast wird zudem erwartet, dass er die Hausordnung des Gastgebers respektiert. Auch das wussten wir.

Wo waren die Armbinden der Politiker?

Der DFB hat die Einladung in den Wüstenstaat angenommen. Das war kein Muss. Jeder Spieler hat die Einladung des Bundestrainers in die Nationalmannschaft angenommen. Auch dazu bestand keine Verpflichtung. ARD und ZDF waren nicht gezwungen, Übertragungsrechte von der Fifa zu erwerben. Und jedem Zuschauer steht es frei, die Übertragung der Fußball-WM aus Katar einzuschalten – oder es zu unterlassen. Das wissen wir.

Wo waren – bis gestern – gleich die regenbogenfarbenen Armbinden deutscher Politiker, als die eifrig im arabischen Raum – nach derzeitigem Empfinden dem Urquell von Schwulenhass, Feudalismus und Antimoderne – um Gas bettelten, damit sich hier in Deutschland wegen der ausbleibenden Lieferungen aus Russland keiner den Hintern abfrieren muss? Wo waren da die regenbogenfarbentragenden Pressevertreter in der Entourage von Baerbock, Habeck und Co.? Wir wissen es nicht.

Menschenrechte sind unveräußerlich und universell. Ja, das ist so. Aber uns allen, angefangen bei mir selbst, dann dem DFB, weiter über die Politiker bis zu den Moralisierenden daheim auf den Sofas – die jetzt mit dem Finger auf Manuel Neuer und die DFB-Elf deuten – empfehle ich Folgendes: Einmal, zu überlegen, wessen Einladung man prinzipiell anzunehmen gewillt ist und welche Unannehmlichkeiten sich daraus ergeben könnten. Zudem überschlagen, welchen Preis man für seine Überzeugungen zu zahlen bereit ist. Dann, beim nächsten Urlaub in einem muslimischen Land stolz und voll Überzeugung im regenbogenfarbenem T-Shirt mit „One-Love“ herumzulaufen, um so die Stabilität des eigenen Rückgrats zu überprüfen. Und: Sich in den kommenden Tagen bei wohliger Wärme der Gasheizung und bei elektrischem Licht weiter Gedanken über Moral zu machen.

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10 Antworten

  1. Deutschland hatte mit seiner „Möchtegern-moralischen-Überlegenheitskultur“ bereits vor dem Spiel total verloren.

    Europa und allen voran natürlich Deutschland ist gerade dabei, die christlichen Werte mit großem Tamtam und sentimentalem Gestus zu verspielen. Werte sind die abstrahierten Grundüberzeugungen, die eine Gesellschaft tragen. Sie liegen der Gesetzgebung zugrunde und sind somit zum Teil kodifiziert, also allgemeinverbindlich. Deutschland hat nicht nur ein Fußballspiel verloren, es hat sich vor der ganzen Welt mit seiner kranken und neuen Moral lächerlich gemacht. Wir verkaufen unseren Fußball an ein moslemisches Land und fordern dann auf eigenartige Weise von diesen Moslems, dass sie unsere woke Beliebigkeitsmoral annehmen. Nicht nur das Spiel haben wir verloren, auch unsere Forderung konnten wir nicht an die Leute bringen. Doppelt verloren.

    “Wir erleben die Umwertung und Umwälzung aller Werte. Wir haben Maß und Mitte verloren. Ohne Gott ist alles wertlos — weil sinnlos.” Peter Hahne

    “Dummheit ist ein gefährlicherer Feind des Guten als Bosheit. Gegen das Böse läßt sich protestieren, es läßt sich bloßstellen, es läßt sich notfalls mit Gewalt verhindern, das Böse trägt immer den Keim der Selbstzersetzung in sich, indem es mindestens ein Unbehagen im Menschen zurückläßt. Gegen die Dummheit sind wir wehrlos. Weder mit Protesten noch mit Gewalt läßt sich hier etwas ausrichten; Gründe verfangen nicht; Tatsachen, die dem eigenen Vorurteil widersprechen, brauchen einfach nicht geglaubt zu werden – in solchen Fällen wird der Dumme sogar kritisch, und wenn sie unausweichlich sind, können sie einfach als nichtssagende Einzelfälle beiseitegeschoben werden. Dabei ist der Dumme im Unterschied zum Bösen restlos mit sich selbst zufrieden, ja, er wird sogar gefährlich, indem er leicht gereizt zum Angriff übergeht. Daher ist dem Dummen gegenüber mehr Vorsicht geboten als gegenüber dem Bösen. […] Bei genauerem Zusehen zeigt sich, daß jede starke äußere Machtentfaltung, sei sie politischer oder religiöser Art, einen großen Teil der Menschen mit Dummheit schlägt. … Die Macht der einen braucht die Dummheit der anderen. Der Vorgang ist dabei nicht der, daß bestimmte – also etwa intellektuelle – Anlagen des Menschen plötzlich verkümmern oder ausfallen, sondern daß unter dem überwältigenden Eindruck der Machtentfaltung dem Menschen seine innere Selbständigkeit geraubt wird und daß dieser nun – mehr oder weniger unbewußt – darauf verzichtet, zu den sich ergebenden Lebenslagen ein eigenes Verhalten zu finden. […] Das Wort der Bibel, daß die Furcht Gottes der Anfang der Weisheit sei (Psalm 111,10), sagt, daß die innere Befreiung des Menschen zum verantwortlichen Leben vor Gott die einzige wirkliche Überwindung der Dummheit ist.” Quelle: Dietrich Bonhoeffer, Widerstand und Ergebung

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  2. “Dabei lastet die Schuld auf uns allen. ”

    Ich bin mir keiner Schuld bewusst. Ich habe keine Einladung angenommen, interessiere mich nicht für Fußball und habe auch keinen Fernseher mehr. Die Übertragungsrechte musste ich allerdings trotzdem über den Rundfunkbeitrag mitfinanzieren, sonst droht Gefängnis.

    Die Geste mit dem zugehaltenen Mund fand ich aber gut. Ich habe das als Protest gegen die Einschränkung der Meinungsfreiheit in Deutschland interpretiert. Laut Allensbach-Umfrage ist ja die Mehrheit im Land der Auffassung, dass man seine Meinung zu bestimmten Themen nicht mehr frei sagen kann.

    https://www.pro-medienmagazin.de/meinungsfreiheit-unter-druck/

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  3. Sehr guter Beitrag und welch eine Heuchelei in unserer Gesellschaft. Da spielt Hoeneß den Moralapostel wegen Katar vergisst aber wie Bayern München den Umgang mit seinen Fans in ähnlicher Sache gemanagt hat. Mit den einen Staaten treibt unser Staat Handel, andere werden boykottiert obwohl beide Gruppen sich moralisch genau gleich verhalten. Und das ganze nennt sich dann Aussenpolitik, die sich an Menschenrechten orientiert. Da werden SUV Fahrer beleidigt wegen der Umwelt und der Beleidigende fliegt am nächsten Tag in den Urlaub. Und dann schwingen sich noch Leute aus der Kirche um sich zu äußern. Man vergisst dabei, dass es dort hohe Verantwortliche gibt die im Zweifel ihr Kreuz ablegen und eben nicht zu ihren Überzeugungen stehen. Diese Scheinheiligkeit verbunden mit Blockwart- Mentalität hat ein unerträgliche Maß erreicht. Bitte richtig verstehen: es macht jeder Fehler, aber sich dann ohne Einsicht in der einen Sache sich als Moralgeber für andere aufzuschwingen geht einfach nicht.
    Letzten Endes hat wahrscheinlich diese Hypermoral unserer Elf geschadet weil sie sich mehr mit Love 1 wie mit dem Gegner Japan beschäftigt hat. Die Holländer haben es nach der Presse von heute schon kapiert. Sie machen keine Aktion bei ihrem Spiel, denn sie wollen Weltmeister werden. Aber was sollen unsere Jungs denn machen wenn ihnen laufend ein Micro unter die Nase gehalten und eine moralisch konforme Antwort erwartet wird?

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  4. Vielen Dank für den sehr gut auf den Punkt gebrachten Kommentar zu einem Thema das sicherlich viele Menschen, nicht nur Deutsche, momentan bewegt, aber in solch differenzierter Art nicht gerade häufig unserer Medienlandschaft zu entnehmen ist. Nach meiner Wahrnehmung spricht diese veröffentliche Meinung vielen Menschen aus dem Herzen, zumindest nehme ich das für mich in Anspruch. Nun könnte man sagen, der Anlass dieses Kommentars ist ja „nur“ eine Fußball-WM, gäbe es da derzeit nicht wesentlich ernstere Anlässe? Nun offensichtlich ist es ja einfacher ein sportliches Großereignis, mit einem in Deutschland nicht erst seit dem Sommermärchen gegebenen kulturellen Stellenwert, für ohne Zweifel wichtige Themen, zu instrumentalisieren, als diese auf gegebener, politisch elitärer Ebene, noch dazu in geschäftlichen Abhängigkeiten, zu platzieren. Danke für das Sensibilisieren hinsichtlich einer Gefahr zunehmender Doppelmoral, dem Aufruf seine eigene Komfortzone kritisch zu beleuchten und den Mut sich mit inhaltlich differenzierter Betrachtung von gesellschaftsrelevanten Themen auch mal dem mainstream unserer Zeit entgegenzustellen.

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  5. “Menschenrechte sind unveräußerlich und universell. Ja, das ist so.”

    Schade, dass das im Winter 2021/2022 nicht in Deutschland galt. Wir müssen nicht die Nase über andere Länder rümpfen, wenn uns diese Rechte und Werte ebenso egal sind und diese gebeugt und ausgelegt werden, wie es irgendwelche Obrigkeiten wollen.

    Aber im “Finger auf andere zeigen” ist Deutschland wirklich Weltmeister. Solange sich die Mehrheit der Gesellschaft dabei auch wohl fühlt, ist alles Geschwafel von Menschenrechten das Papier nicht wert, auf das es geschrieben wird.

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  6. Ein guter Artikel, dem ich bis auf eine aktuelle politische Unkorrektheit voll zustimmen kann.
    Sie schreiben: “als die Politiker um Gas betitelten, damit sich hier in Deutschland wegen der ausbleibenden Lieferungen aus Rußland keiner den Hintern abfrieren muss.”
    Richtig wäre gewesen, zu schreiben, wegen der durch die Ampelregierung und vor allem den grünen Politikern Habeck und Baerbock, abbestellten Gaslieferungen….
    Denn Rußland hat die Gaslieferungen nicht eingestellt. Es waren die Politiker der Regierung, die trotz bestehenden Gaslieferverträgen mit für Deutschland darin benannten und vereinbarten Mindestabnahmemengen (!) diesen Vertrag einseitig kündigten! Und die sich dadurch in die prekäre Lage brachten, Ersatzlieferverträge abzuschließen, selbst wenn diese der grünen Moral (haben sie diese überhaupt, oder kennen sie nur ihre Ideologie?) widersprechen. Denken wir nur an LG Flüssiggaslieferungen über Tanker, die mit Schweröl angetrieben werden und ihnen von den USA regelrecht aufgezwungen wurden. Offen, oder besser nicht offengelegt, ist dabei noch die Benennung des Verursachers der Sprengun der Nordstream Pipelines. (Aber das ist ein anderes Thema) Allerdings stehen die islamischen Staaten und Rußland mit seiner orthodoxen Religion in der Beurteilung der LGTB und “Regenbogenproblematik” sich sehr nahe. Eine Rückbesinnung auf die Grundwerte der Bibel ohne Verurteilung andersdenkender Menschen würde uns sicher auch in unserem Land gut tun.

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  7. Wahrscheinlich werden die Deutschen nach Abschluss der Vorrunde nach Hause fahren. Wird man später fragen: Was bleibt von der WM 2022 aus deutscher Sicht hängen? Antwort: Die Binde! Sonst nichts.

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  8. Wenn mein Kind mich fragt nach Binde, nach Binde, sag ich meinem Sohn gelinde, gelinde: Weißt Du, was ich finde, ich finde? Fußball in Qatar war Sinde, war Sinde…
    Den Reim gestattet Ihr mir, danke.

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