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Diskussion über Menschenrechtslage in Katar

Elf Jahre ist es her, dass die FIFA Katar als WM-Austragungsort ausgewählt hat. Die Kritik an dieser Entscheidung hat nie abgenommen und ist erst kürzlich wieder hochgekocht. Im Rahmen einer Online-Veranstaltung hat sich nun auch die Evangelische Akademie diesem Thema gewidmet.
Von Valerie Wolf
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In Stadien wie diesem soll 2022 die WM ausgetragen werden. Gebaut wurden die Spielstätten von tausenden Gastarbeitern.

Am Montagabend wurde in der Evangelischen Akademie in Frankfurt eine Online-Veranstaltung zum Thema Menschenrechte rund um die Fußballweltmeisterschaft 2022 in Katar abgehalten. Zur Diskussion eingeladen waren Sylvia Schenk, Juristin und Mitarbeiterin der Nichtregierungsorganisation „Transparency International“, Wolfgang Büttner von der Menschenrechtsorganisation „Human Rights Watch“ und der Vize-Vorsitzende der Gewerkschaft IG-Bau Dietmar Schäfers. Diskutiert werden sollte die Frage: Boykottieren und verbessern? 

Als Aufhänger galt die Ende Februar von der britischen Tageszeitung „The Guardian“ veröffentlichte Zahl von mehr als 6.500 toten Gastarbeitern, die seit der WM-Vergabe 2010 in Katar verstorben seien. Im Anschluss daran hatten sich die Forderungen nach einem Boykott gehäuft. Auch die deutschen Nationalspieler Toni Kroos und Joshua Kimmich äußerten sich zu dieser Thematik. Kimmich erklärte, ein Boykottaufruf komme zehn Jahre zu spät. 

Die in dieser Runde vertretenen Experten rieten allesamt von einem Boykott ab. Gegenpositionen gab es nicht. Besonders Sylvia Schenk betonte mehrfach, dass sich seit 2010 in Katar bereits einiges getan habe. Auch Dietmar Schäfers erklärte, Fortschritte seien sichtbar und die Situation habe sich verbessert. Er wies daraufhin, dass mittlerweile ein Mindestlohn eingeführt und auch das Kafala-System, das die Beziehung von Arbeitgeber und -nehmer regelt, reformiert worden sei. Wolfgang Büttner, stellvertretender Leiter des „Human Rights Watch”-Büros in Berlin, merkte hingegen an, die Umsetzung der Maßnahmen sei noch unzureichend. 

Alle Beteiligten in die Verantwortung nehmen

Für Schenk sei die WM vor allem eine Chance, auf Menschenrechtsverletzungen hinzuweisen und die Situation der Gastarbeiter nachhaltig zu verbessern. Ein Boykott habe ihrer Meinung nach das Gegenteil zur Folge. Man müsse die internationale Aufmerksamkeit nutzen, erklärte sie. Dem stimmte auch Büttner zu. Durch große Sportevents wie Olympia oder eine Fußballweltmeisterschaft könnten „Verbände und Unternehmen mobilisiert werden“ und somit positive Veränderungen in Gang gesetzt werden. Dennoch verstehe und teile er die Kritik an den derzeitigen Verhältnissen. Schäfers forderte, alle Beteiligten, sowohl Katar als auch Unternehmen und Sportverbände, in die Verantwortung zu nehmen, wenn es darum gehe, die Menschenrechte einzuhalten. 

Büttner brachte zudem ein Negativbeispiel in die Diskussion mit ein. Mehrmals verwies er auf den Fall eines kenianischen Gastarbeiters. Dieser habe sich für Arbeitgeberrechte eingesetzt, sei verhaftet worden und dann für mehrere Tage verschwunden gewesen. Dies zeige, dass die Arbeiterrechte noch nicht fest in den Köpfen der Regierung verankert seien, erklärte Büttner. „Da muss in den kommenden Monaten bis zur WM noch einiges passieren“, forderte er.

Forderung nach mehr Transparenz

Angesprochen auf die im „Guardian” veröffentliche Zahl erklärte Wolfgang Büttner, diese sei „unglücklich”. Aus dem Artikel gehe nicht hervor, woran die Arbeiter gestorben und in welchen Arbeitsbereichen sie tätig gewesen sind. Dennoch forderte er mehr Transparenz von Seiten der katarischen Behörden. IG-Bau Vizepräsident Schäfers ergänzte, dass es seines Wissens nach im vergangenen Jahr vier Todesfälle auf den WM-Baustellen gegeben habe.

Derzeit leben in Katar etwa zwei Millionen Gastarbeiter, die sowohl auf Baustellen, aber auch als Hausangestellte oder Taxifahrer arbeiten. Die meisten von ihnen kommen aus Nepal, Bangladesch oder Indien. Unter ihnen sind viele junge Männer, die mit der Arbeit im Ausland ihre in den Heimatländern zurückgelassen Familien unterstützen wollen. Über Vermittlungsagenturen kommen sie nach Katar oder in andere Golfstaaten. Dort angekommen leben sie in teilweise katastrophalen Verhältnissen, wie eine WDR-Doku aus dem Jahr 2019 zeigt.

Über die WM hinaus für Verbesserungen sorgen

Schenk, Büttner und Schäfers waren sich zudem einig, dass auch über die WM hinaus, die Lage in Katar begleitetet werden müsse. Ein erster Schritt in diese Richtung sei, dass Katar beabsichtige, das Mandat des Büros der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO) in Doha zu verlängern. In diesem Zusammenhang wies Dietmar Schäfers zudem ausdrücklich auf die Notwendigkeit von Kontrollen hin. 

Das Ergebnis der Diskussion lässt sich folgendermaßen zusammenfassen: Die Situation in Katar habe sich – bedingt durch die internationale Aufmerksamkeit rund um die WM – verbessert und Reformen seien angestoßen worden. Dennoch sei das Ziel, die Situation der Gastarbeiter und anderer benachteiligter Gruppen nachhaltig zu verbessern, noch nicht erreicht. Um dieses zu erreichen, müsse der internationale Fokus – mit Hilfe der WM – weiterhin auf Katar bleiben. Ein Boykott sei somit nicht die richtige Lösung. Zuschauer, die sich per Chatfunktion in die Diskussion einbringen konnten, blieben dennoch kritisch. 

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