Wer mit Jürgen Werth redet merkt schnell, wie sensibel der Mann ist, wie empathisch. Kein Wunder, dass die aktuellen Nachrichten etwas mit ihm machen. Werth verfolgt den Krieg im Nahen Osten nicht gleichgültig. Er hat dort Freunde. Hüben wie drüben. Er sucht nach Einordnung. Dabei kommt ihm Paul Gerhardt in den Sinn und dessen Leben mitten im Dreißigjährigen Krieg: „Da gab es niemanden, der dich schützen konnte, du konntest dich an keinen Menschen wenden, bei dem du dein Recht einfordern konntest.“
Der Gedanke dämpft seinen Schmerz ein wenig. Wegpusten kann er ihn nicht. „Wir Menschen kriegen es seit Jahrtausenden nicht hin!“ Trotzdem, sagt Werth, müsse man alles versuchen. Das ist der Satz, auf den er immer wieder zurückkommt: „Wir sind nicht so vorzeigbar, wie wir gerne wären. Aber wir verkündigen ja nicht unsere eigene Barmherzigkeit – sondern die Gottes. Dann staune ich immer wieder, dass dieser Gott es immer noch wagt mit uns. Mich eingeschlossen.
Jürgen Werth, 1951 in Lüdenscheid geboren, ist kein Theologensohn und kein Pfarrerskind. Seine Eltern glaubten an Gott – aber die Kirchenbank war nicht ihr Platz. Das Evangelium kam durch den CVJM. Der machte in der Grundschule Werbung für seine Veranstaltungen. „Dann habe ich gedacht: Ach, das ist cool, da gehe ich hin.“ Im CVJM schrieb er die ersten Lieder, moderierte, erzählte Geschichten. „Alles, was ich heute kann, habe ich das erste Mal da gemacht.“ Inspiriert wurde er nicht von Liedermachern aus der christlichen Szene. „Ich wusste gar nicht, dass es die gibt. Das war eher Bob Dylan oder Donovan.“
Eigentlich war immer was anderes vorgesehen
„Eigentlich wollte ich zur Stadtverwaltung. Eigentlich wollte ich Theologie studieren. Eigentlich hatte ich mit Musik aufgehört. Beim ERF wollte ich eigentlich immer mal wieder auch weg.“ Mit dem Vertrag für den öffentlichen Dienst in der Tasche – Monatsgehalt: 419 Mark – überredeten ihn zwei Freunde in einer Nacht in Südtirol zum Abitur und zum Theologiestudium. Sein Vater sagte: Mach das. „Wenn er hätte sagen müssen: Tut mir leid, das geht nicht – wäre mein Leben, glaube ich, ein bisschen anders verlaufen.“ Er holte Latein nach, immatrikulierte sich – und entschied sich kurz vor dem Ziel gegen die Theologie.
Stattdessen ging er zur Westfälischen Rundschau, um Journalist zu werden. Sein Chef sagte: „Wenn es Ihnen nach einem halben Jahr noch keinen Spaß macht, hören Sie besser auf. Wenn es Ihnen Spaß macht, kommen Sie nicht mehr davon weg.“ Er ist Journalist geblieben. Und zum ERF kam er nur, weil ein Job-Traum platzte: In derselben Post wie ein Absagebrief vom Evangelischen Presseverband lag ein Schreiben von Horst Marquardt, dem damaligen Programmdirektor des Evangeliums-Rundfunk (ERF). Der wollte den jungen Redakteur im Sender haben. Den ERF empfand Werth damals als Sender für alte, konservative Leute. Nichts für ihn. Aber er fuhr nach Wetzlar. Und blieb mehr als vierzig Jahre.
In der Tradition Paul Gerhardts
„Ich habe fast alles, was ich geschrieben habe, durchlebt und durchlitten, habe ein Lied geschrieben, wenn mir danach zumute war.“ Auch, wenn er gerade mal wieder „so einen depressiven Durchhänger“ hatte, wie er eingesteht. Gerade hat er ein Buch über Paul Gerhardt geschrieben. Werth zitiert: „Befiehl du deine Wege…“ – und hält inne. „Diese Tiefe, diese Präzision.“ Er ist fasziniert: „Der hat Dichtkunst studiert, war ein Meister seines Fachs. Sonst würde es die Lieder in dieser Popularität heute nicht mehr geben. Unvorstellbar. Dass das Texte sind, älter als 350 Jahre. Dass wir die heute immer noch singen.“
Und Werth? Sein bekanntestes Lied – „Du bist du (Vergiss es nie)“ hat Generationen von Menschen begleitet. „Wie ein Fest nach langer Trauer“ steht in Regionalbänden des Evangelischen Gesangbuchs. Werth schrieb Pop-Oratorien und Musicals über David, über Martin Luther, über Heimat. Die Sprache ist sein Handwerkszeug. Er nennt sich selbst daher einen „Wortwerker“.
„Gott wagt es immer noch mit uns. Mich eingeschlossen.”
1973 trat Werth beim Evangeliums-Rundfunk (ERF) ein, 1994 übernahm er die Leitung als Direktor und führte ihn bis 2014. Was das Amt mit ihm gemacht hat? „Ich wollte den ERF leiten, jawohl – aber ich wollte nicht der ERF sein. Es gibt doch ein Leben neben dem Sender und es gibt eines danach.“ Was er seinem jüngeren Ich heute sagen würde? Er überlegt länger. „Pass auf dich auf, verliere dich nicht. Solche Ämter haben eine unglaubliche Sogwirkung. Pass auf, dass du dich nicht mit deinem Amt verwechselst.“
Konflikte mit Mitarbeitern belasteten ihn. Und „das ewige Zittern und Bangen, ob am Ende des Jahres das Geld reicht – boah.“ Neben dem Amt gab er Konzerte, predigte, schrieb Bücher und moderierte 246 Mal die Gesprächssendung „Wert(h)e Gäste“. Künstler war er auch als ERF-Chef – nicht nur Verwalter.
Das Vermächtnis
Von 2007 bis 2011 war Werth, der über 20 Jahre hinweg bei der europaweiten Großevangelisation „ProChrist“ moderierte, Vorsitzender der Deutschen Evangelischen Allianz. 2011 bat er homosexuelle Menschen öffentlich um Entschuldigung für manches, was ihnen in evangelikalen Kreisen widerfahren ist – ein Thema, das in Teilen des eigenen Milieus umstritten ist. „Ich wusste, wie viele Menschen fürchterlich gelitten haben unter ihrer Andersartigkeit, die sie nicht leben durften.“ Da kommt der Seelsorger und der Herzensmensch zum Vorschein.
Was Werth bei dem Thema auch in den Sinn kommt, ist die Blaupause seines Ethos. Er zitiert frei den Journalisten Georg Stefan Troller: Ein Journalist müsse sich für alles interessieren können. Nicht nur mit dem Kopf, sondern auch mit dem Herzen. „Das finde ich schon eine große Herausforderung. Er muss schnell zum Urteilen sein, aber langsam zum Verurteilen. Und er muss versuchen, jede Meinung – und sei sie noch so schräg – zumindest zu verstehen. Und da denke ich: Das gilt auch für Christen.“
Ein Schlüsselwort in seinem Leben: Balance. „Ich bin immer sehr skeptisch, wenn etwas einseitig wird oder fanatisch. Fanatiker haben nie Recht.“ Als Jugendlicher mit „pubertierender Seele“ schrieb er Protestlieder „gegen Ungerechtigkeit und Krieg“. Hat sich sein Glaube verändert? „Als ich jung war, war ich überzeugt, dass ich mehr von Gott verstanden habe, als ich das heute sagen würde. Dieser Gott ist für mich größer geworden, geheimnisvoller.“ Das Staunen aber ist geblieben. „Ich staune immer noch darüber, dass dieser Gott sich mir zuwendet, dass dieser Gott ein ganz nahbarer Gott ist. Auch wenn mir das Leben Schlimmes zumutet.“ Werth: „Ich glaube, dass manche Dinge einfach passieren. Sie gehören zum Leben. Aber Gott ist mit mir da drin – und das ist wunderbar.“
Er will nun keine Konzerte mehr geben. Der Rücken. „Ich habe in meinem Leben immer aufgehört, bevor andere gesagt haben, ich soll aufhören.“ So möchte er es auch jetzt halten. Schreiben will er aber weiter. „Direktor sein hört irgendwann auf. Schreiben darf man immer.“ Was sollen die Menschen von ihm behalten? „An meinem Leben soll die Barmherzigkeit Gottes deutlich werden.“ Dann zögert er. Ihm liegen die Begegnungen näher: Menschen, die sagen, sie hätten sich bei ihm ernst genommen gefühlt. Eine Frau sagte nach einer Reise über ihn: Er ist ein richtiger Mensch. „Das fand ich war ein schönes Kompliment. Vielleicht ein bisschen wenig als Vermächtnis. Aber es wäre mir recht.“
Liedermacher, Journalist, ehemaliger ERF-Direktor: Jürgen Werth, geboren 1951 in Lüdenscheid, wird am 14. Mai 75 Jahre alt. Er war viele Jahre Mitglied der Christlichen Medieninitiative pro, auch Vorstand und von 1995 bis 1997 Vorstandsvorsitzender.
Der Artikel ist erstmals in der Ausgabe 2/2026 des Christlichen Medienmagazins PRO erschienen. Das Heft können Sie hier kostenlos bestellen.