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Das christliche Medienmagazin

Digitales Vertrauen

Wer „Blockchain“ hört, denkt womöglich zuerst an die Digitalwährung Bitcoin. Dabei steckt dahinter viel mehr als nur digitales Geld, dem Anleger an den Börsen hinterherhecheln. Wo wird uns diese neue Technologie im Alltag begegnen? Ist sie nur etwas für Nerds, oder muss ich demnächst zum Einkaufen meine Blockchain mitnehmen?
Von PRO
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Netz, klettern, seile, Knoten
Eine Kette, an der niemand unbemerkt etwas verändern kann: Das ist das Prinzip der Blockchain.

Bill Holler hat einen deutschen Pass und ist zugleich digitaler Bürger Estlands. Von Neumarkt in der Oberpfalz aus betreibt er als E-Resident des baltischen Staates eine Softwarefirma in der Hauptstadt Tallin. Nach der Online-Registrierung auf der Webseite der estnischen Regierung bekam er ein Kit, bestehend aus einer Chipkarte, einem Lesegerät dafür und eine PIN. Damit kann er sich Behörden gegenüber identifizieren. „Und zwar so, dass alle Rechtsvorgänge der Firma, die ich mache, gesichert sind.“ Möglich macht das die dort weit fortgeschrittene Digitalisierung. Seine estnische Firma entwickelt Anwendungen auf Basis der Blockchain Technologie.

Eine Blockchain ist nichts weiter als ein elektronischer Code, der von einem Computer zum anderen übertragen werden kann. Es ist ein Stück Information, das aus mehreren Blöcken besteht. Jeder Block enthält einen Hinweis auf alle vorherigen Datensätze. Sowie einen entsprechenden Zeitstempel. Diese Datensätze sind im besten Fall auf vielen Computern auf der Welt verteilt. Wenn jemand die Blockchain ändert, bekommt das sofort jeder andere Teilhaber der Kette mit – und jeder muss die Erlaubnis erteilen. Das macht es unmöglich, eine Blockchain heimlich zu manipulieren. Und darin liegt ihre Kraft. Man kann das mit der Methode des Kerbholzes vergleichen: Schuldete jemand im Mittelalter einem anderen etwas, hielten beide zwei zueinander passende Holzstücke nebeneinander und schnitzten in beiderseitigem Einverständnis eine Kerbe in die Hölzer. So konnte jeder auch später noch nachvollziehen, wer was „auf dem Kerbholz“ hatte.

Werte tauschen leicht gemacht

„Stellen Sie sich vor, man will einen Geld-Transfer ohne eine Bank durchführen. Banken sind ja im Grunde die Schiedsrichter bei einem Geldtransfer. Bei Blockchain fällt das weg“, sagt Christoph Meinel, Leiter des Hasso-Plattner-Instituts und Professor für Informatik. „Das kann aber genauso gut ein Grundbucheintrag sein, ohne dass man ein Grundbuchamt braucht.“ Die Blockchain-Technologie komme bei Vorgängen zum Einsatz, bei denen großes Vertrauen vonnöten ist, erklärt Meinel gegenüber PRO. „Gerade im Internet gibt es oft Situationen, wo man dem Gegenüber vielleicht nicht so vertraut, wenn man Werte tauscht, weil man ihn gar nicht kennt.“ Der Experte warnt aber sofort vor dem hohen Energieverbrauch: „Diese Technik der verteilten Kryptografie ist sehr aufwendig. Und kostet sehr viel Strom. Allein wegen des CO2-Verbrauchs wäre Blockchain nicht für jeden Anwendungszweck sinnvoll.“ Man arbeite allerdings bereits daran, die Technik zu verbessern.

Meinel nennt die Vorteile, die die Blockchain-Technologie bietet: „Ich kann Situationen, Beschreibungen, Besitzverhältnisse, Verantwortlichkeiten, Zuordnungen auf eine Blockchain legen und so fälschungssicher machen.“ Man kann zudem Verträge „programmieren“ wie eine Anweisung an einen Computer. Meinel nennt als Beispiel: „Erst wenn die Mieteinnahme erfolgt ist, wird der Antrag auf eine Reparatur stattgegeben.“ Eine Zahlung erfolgt also immer erst dann, wenn die vorher aufgestellten Bedingungen erfüllt sind. Ganz ohne Anwalt, ganz ohne Notar, nur durch eine Handy-App. Meinel nennt ein weiteres Beispiel, das gerade in der Corona-Zeit gegenwärtig ist: „In einen digitalen Blockchain-Impfpass könnte ich hineinschreiben, dass ich geimpft wurde, wann und wo, und mit welchem Impfstoff. Außerdem sind bei Impfstoffen viele unterschiedliche Parteien involviert. Mit Blockchain kann man die Lieferkette eindeutig nachweisen“.

Firmengründer Bill Holler Foto: Tracert
Bill Holler, Jahrgang 1950, aus Neumarkt in der Oberpfalz ist Gesellschafter der Firma TraCert OÜ in Tallinn, Estland. Das Softwareunternehmen entwickelt Anwendungen auf der Basis der Blockchain-Technologie.

Ein Beispiel dafür ist der Flugzeugbau. Für jedes noch so kleine Teil, das in einem Flugzeug verbaut werden soll, sind Qualitäts- und Herkunftsnachweise zu erbringen. Der digitale estnische Bürger Holler ist auch Inhaber eines Luftfahrt-Zuliefer-Unternehmens und schätzt, dass Airbus in Frankreich pro Jahr etwa zehn Millionen solcher Dokumente prüfen und archivieren muss. Das kostet etwa eine Million Arbeitsstunden und rund 25 Millionen Euro, rechnet Holler vor. Daher hat der Unternehmer eine Software entwickelt, die auf Blockchain basiert und sämtliche Dokumente zu seinen Zulieferteilen unabänderlich digital speichert. Jedes Dokument wird mit einem unverfälschbaren Hash-Code versehen. „Diesen digitalen Fingerabdruck legen wir in die Blockchain, weil er da absolut gesichert ist“, sagt Holler.

Wie wichtig die sichere Aufbewahrung von Dokumenten ist, illustriert Holler an den biblischen Texten. „Es zeigt uns ganz besonders als Christen, wie wichtig es war, dass uns Fragmente der Bibel erhalten geblieben sind, dass man sie wiederherstellen konnte, dass man den christlichen Glauben anhand dieses wichtigen Wortes Gottes auch wieder fundieren konnte.“

Mitdenkende Verträge

Blockchain wird im Alltag immer wichtiger werden. Medizinische Informationen könnten bald fälschungssicherer ausgetauscht werden. Diamanten werden schon jetzt anhand von 40 Qualitätsmerkmalen eindeutig identifiziert und ihre Weitergabe digital vermerkt. Mehr als 770.000 Diamanten wurden in der Blockchain des britischen Unternehmens „Everledger“ schon erfasst. „Wir brauchen Vertrauensdienste, die auf Blockchain aufbauen, das schafft das notwendige Vertrauen in die digitale Zukunft“, sagt Norbert Pohlmann, Informatiker und Professor an der Westfälischen Hochschule, Gelsenkirchen. „Die ‚Self-Sovereign Identitiy‘ (SSI) ermöglicht verifizierbare digitale Nachweise auf der Basis der Blockchain-Technologie und soll ein souveränes europäisches Ökosystem werden: Ein Ausweisnachweis, der Auskunft gibt darüber, wer ich bin, wie ich aussehe, wo ich wohne und so weiter ist eine Anwendung von SSI. Der Ausweis wird von der Bundesdruckerei digital unterschrieben“, erklärt Pohlmann gegenüber PRO. Denkbar sei das beim Führerschein, bei Schul- und Hochschulzeugnissen oder anderen offiziellen Nachweise.

Bei der Autovermietung wären etwa Personalausweis, Führerschein und Kreditkarte dank SSI-App verfügbar. „Ich könnte so nicht nur sofort mein Auto bekommen, weil alles automatisiert in der IT umgesetzt wird, sondern es auch mit einem digitalen Schlüssel öffnen. Auch der besteht aus einem digitalen Nachweis, den ich mithilfe eines QR-Codes mit meiner Smartphone-App dem Auto zur Überprüfung zur Verfügung stelle.“ Dabei könne jeder genau die Informationen über sich selbstbestimmt weitergeben, die er weitergeben möchte, und nicht mehr. Denkbar sei dies auch beim Einchecken im Hotel oder generell beim Online-Kauf. Pohlmann: „Wenn ich Ware bestelle, kann ein Vertrag, ein Smart Contract, auf der Basis einer Blockchain aufgesetzt werden: Das Geld wird zum Beispiel von meinem Konto nur dann überwiesen, wenn die Ware bis zu einem bestimmten Datum geliefert wurde. Sonst nicht.“ In der Blockchain wird zudem alles gleich fälschungssicher und automatisch protokolliert. Damit können alle Abläufe nachvollzogen werden, wenn etwas schief gelaufen ist. Die Blockchain-Technologie schaffe eine sichere und vertrauenswürdige Zusammenarbeit, sagt Pohlmann. So könnten viele Prozesse automatisiert, schneller und effektiver umgesetzt werden.

Der digitale Bürger

Längst wird das „drahtlose Identifizieren“ ausprobiert: Das Projekt ‚Known Traveller Digital Identity‘ (digitale Identität des bekannten Reisenden, kurz KTDI) des Weltwirtschaftsforums soll Reisen ohne Papiere ermöglichen. Die Regierungen von Kanada und den Niederlanden wollen ab Sommer 2021 bis zu 10.000 Reisende zwischen beiden Ländern mit der neuen Technik ein- und ausreisen lassen. Die Behörden bekommen die notwendigen Dokumente schon vorher per App zugestellt, bei der Einreise läuft der Reisende einfach durch. In Zukunft können dann auch Menschen einen digitalen Ausweis bekommen, die bisher gar keinen hatten. „Identität ist ein Menschenrecht. Jeder siebte Mensch weltweit kann aber nicht nachweisen, wer er ist; er oder sie ist deshalb weitgehend ausgeschlossen vom Gesundheits-, Schul- und Bankenwesen“, sagte die Leiterin der „Allianz ID2020“, Dakota Gruener, in einem Interview von Deutschlandfunk Kultur. Flüchtlinge könnten durch ihre neue digitale Identität leichter in einem Land Fuß fassen und eine Arbeit bekommen.

Estland erlaubt seit 2015 sogar jedem Menschen auf der Welt, virtueller Bürger des Landes zu werden. Er ist eindeutig identifiziert, kann Verwaltungsleistungen in Anspruch nehmen, eine Online-Firma gründen, Geburtsurkunden ausstellen lassen und Eheschließungen durchführen, ohne Notar, Standesamt oder Geistlichen. Die Urkunden werden auf der Blockchain hinterlegt. Staatsbürger mit Wahlrecht ist man damit aber nicht. Die „Bit­nation“ ist ein digitales Land, hier kann jeder eine nationale Identität bekommen. Hilfreich etwa für Flüchtlinge. Die EU-Kommission hat bereits 2018 eine „Blockchain-Beobachtungsstelle“ auf den Weg gebracht, um die Möglichkeiten auszuloten.

Das geheimnisvolle biblische Zeichen?

Warum nicht auch digitale, fälschungssichere demokratische Wahlen mittels Blockchain realisieren? „Ein Problem dabei ist: Würde man eine Wahl über eine dezentrale Blockchain durchführen, wäre sie nicht mehr geheim“, sagt Christoph Meinel vom Hasso-Plattner-Institut. Der Informatiker warnt: „Für manche ist die Blockchain ein regelrechter Heilsbringer für alles. Doch die Technologie muss sich im echten Leben erst noch bewähren.“ Die Blockchain als technologischer Heilsbringer? Viele Christen dürften die Möglichkeiten der Blockchain auch aus anderen Gründen aufhorchen lassen. Etwa im Hinblick auf das Buch der Offenbarung in der Bibel, das davon spricht, dass Kaufen und Verkaufen am Ende der Zeit nur noch mit einem geheimnisvollen Zeichen möglich sein sollen. Ein Hinweis auf den Code in der Blockchain? Wird alles Wirtschaften, die Bürokratie und das gesellschaftliche Leben zukünftig daran hängen?

Der Unternehmer Holler, der auch Vorsitzender der Gesellschaft zur Ausbreitung des Evangeliums ist, sieht hier keinen Grund zur Beunruhigung. „Wenn wir in die Geschichte der Christenheit schauen, gab’s da schon mehrere Gelegenheiten, um aus den Worten der Offenbarung dann düstere Voraussagen für aktuelle Entwicklungen zu sehen. Wenn man das möchte.“

Die Entdeckung, dass die Erde eine Kugel ist, die Entwicklung der Dampfmaschine und die Erfindung des Internet hätten viele erschreckt. „Ich glaube nicht, dass die Blockchain-Technologie ein untrügliches Zeichen ist dafür, dass die Zeit reif ist.“ Holler rechnet sich selbst nicht zu denen, die hinter technischen Entwicklungen mögliche negative Folgen sehen. In seinen Augen liegen solcherlei fromme Spekulationen auch daran, dass die Technikaffinität von Christen überschaubar sei. „Unser Auftrag ist: ‚Gehet hin in alle Welt‘. Wie könnten wir es besser machen als mit den Mitteln, die wir heute haben?“ Er hat jedenfalls gerade – auch deutschen – Behörden eine Blockchain-Software für einen digitalen Impfpass angeboten.

Von: Norbert Schäfer und Jörn Schumacher

Dieser Artikel erschien in der neuen Ausgabe des Printmagazins von PRO. Das können Sie kostenlos hier online bestellen oder telefonisch unter 0 64 41 / 5 66 77 00.

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4 Antworten

  1. Ja, so wird einem die “schöne, neue Welt” schmackhaft gemacht. Christen sollten dann jedes Involviertsein in die Gesellschaft beenden, wenn man nur noch bargeldlos kaufen oder verkaufen kann. Dann hat sich die biblische Offenbarung (Offb. 13, 16-17) erfüllt! – https://manfredreichelt.wordpress.com/2017/07/08/was-ganz-gewiss-auf-uns-zukommt/ – (Zu keinem früheren Zeitpunkt würde dergleichen möglich gewesen sein!).
    Davor habe ich schon vor ca. 50 Jahren gewarnt!

  2. Lieber Manfred, oft ist es durchaus sinnvoll, neu umzudenken und alte Festlegungen nochmals zu hinterfragen.
    Ich freue mich sehr, dass es uns heute möglich ist, dank dieser Technik viele Millionen Menschen mit der Frohen Botschaft des Evangeliums zu erreichen. In meiner Jugend haben wir noch kleine Faltblättchen in die Briefkästen der Nachbarn gesteckt. Und heute hören und sehen hunderttausende Menschen zu, wenn wir das Evangelium verkünden.
    So wie am Weihnachten 2020, wo wir den Heiligen Abend über das Fernsehen mit hunderttausenden Menschen “Gemeinsam statt einsam” erleben durften. So hieß unsere Sendung.
    Und heute nutzen wir diese Technik, um das Evangelium weiterhin zu vielen tausenden Menschen zu bringen.
    Wenn dann Menschen uns durch Spenden unterstützen wollen, dann tun sie dies natürlich online.
    Ich sehe in diesen technologischen digitalen Entwicklungen Möglichkeiten, die wir nutzen sollten. Es liegt ganz an uns, ob wir dies zum Wohle oder zum Nachteil der Menschen tun.
    Wenn wir uns davon fernhalten, dann überlassen wir dieses Feld nur denen, die vielleicht damit andere negative Ziele verfolgen.
    Einiges dazu findet ihr hier auf unserer Webseite der GAE – Gesellschaft zur Ausbreitung des Evangeliums: http://www.g-a-e.de

    1. Natürlich kann man die digitalen Medien JETZT noch nutzen. Ich schreibe hier ja auch. Aber das muss alles ein Ende haben, wenn das Bargeld abgeschafft wird. Wer dann weiter im gesellschaftlichen System bleibt, wird “keine Ruhe haben, Tag und Nacht” (Offb. 14,11). In dieser Hinsicht muss NICHT umgedacht werden. Das WIRD kommen!

  3. Einen weiteren Aspekt sollte man nicht außer Acht lassen:
    Was passiert, wenn beim im Artikel erwähnten Beispiel der “volldigitalen” Autovermietung inkl. Schlüsselcode für das Auto irgendwo kein Internet verfügbar ist (Stromausfall am Mobilfunk-Sendemast, Netzstörung beim Provider, Handyakku leer oder auch nur “weißer Fleck” auf der digitale Landkarte)? Diese und weitere Szenarien gelten natürlich nicht nur beim Blockchain-Verfahren, sondern auch bei allen anderen vom Internet abhängigen Anwendungen. Diese Zusammenhänge werden bei aller Begeisterung gerne vergessen, sind aber vielleicht auch noch für lange Zeit ein Grund, “analoge” Verfahren wie Bargeld oder lokal begrenzte Technik wie auf direkter Funkverbindung basierende Autoschlüssel nicht ganz abzuschaffen.

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