Die Wahrheit als Riss zwischen Menschen

Verschwörungstheorien haben Hochkonjunktur, auch in Form von christlich anmutenden Sekten. Der ZDF-Dokumentarfilm „Zwischen uns die Wahrheit“ geht einem Riss nach, der durch die ganze Gesellschaft geht.
Von Jörn Schumacher
Drei Lebenswelten, drei Wahrheiten: "Zwischen uns die Wahrheit" blickt hinter Überzeugungen – und auf die Menschen dahinter. Von links: Claudia, Cecilia und Fritz

Er hat sich mit seinen Kollegen im Stadtrat von Offenburg überworfen und gilt gemeinhin als gefährlicher Verführer. Der Arzt Fritz Düker tritt seit der Corona-Pandemie öffentlich als scharfer Kritiker staatlicher Maßnahmen gegen die Krankheit auf. Weil er unrechtmäßige Maskenatteste ausstellte, wurde er zu einer Geldstrafe verurteilt. Der 56-jährige Oralchirurg ist überzeugt, Zusammenhänge zu erkennen, die andere übersehen, und hält unbeirrt an seiner Sicht auf gesellschaftliche Entwicklungen fest. Im ZDF-Film „Zwischen uns die Wahrheit“ ist er eine von mehreren Personen, anhand derer der Dokumentarfilmer Max Damm einem Riss nachgehen will, der die ganze Gesellschaft spaltet. Und dabei geht es längst nicht mehr nur um Corona.

Düker spricht bei seiner Argumentation im Film häufig vom „Gefühl“. „Ich habe ein Gefühl für richtig und falsch“, ist er überzeugt. Und er stellt sich die Frage: „Warum weicht das, was ich erfahre, so stark von dem ab, was die Medien und Politiker uns hier verkaufen?“ Corona und alles, was damit einherging, habe sein „Vertrauen in die Welt“ erschüttert, sagt er. Er habe Angst vor dem Untergang gehabt. Auch während der Dreharbeiten steht er erneut vor Gericht. Der Prozess könnte ihn seine Approbation als Arzt kosten. Doch das Gericht sah es als unzweifelhaft an, dass Düker im Internet ein Bild geteilt hatte, das das Hakenkreuz und die Israelflagge nebeneinanderstellt. Der Arzt wurde deswegen im Juni – nach Beendigung der Dreharbeiten – zu einer Geldstrafe von 16.900 Euro verurteilt. Er selbst sagt im Film, er habe das Bild nicht geteilt. Vor Gericht behauptet er, der eigentliche Grund für die Anzeige sei gewesen, dass er „seine Meinung“ gesagt habe.

Die „Organische Christus-Generation“ und die Weltverschwörung

Außerdem begleitet der Film eine ehemalige Mitarbeiterin des Internet-Fernsehsenders „Kla.TV“, der seinen Sitz in der Schweiz hat und Verschwörungstheorien verbreitet. Die Abkürzung steht für „Klagemauer TV“. Claudia war 13 Jahre Teil der „Organischen Christus-Generation“ (OCG), laut Bundesregierung eine sektenartige Gemeinschaft. Ihre Mitglieder produzieren maßgeblich die Inhalte von „Kla TV“. Die Inhalte warnen unter anderem vor einer geheimen Weltregierung sowie davor, dass die Massenmedien angeblich den Freimaurern gehören.

Claudia arbeitete selbst drei Jahre lang in der Redaktion. Jetzt, nach ihrem Ausstieg, fühle sie sich befreit. Nach dem Ausstieg half ihr ein Freund aus einer anderen christlichen Gemeinde. „Ich habe geglaubt, dass der Staat und die Politiker böse Absichten haben, die Medien sowieso“, sagt sie im Beitrag. Überall machen die Initiatoren des Senders Satanisten aus, die man erkennen könne, wenn man genau hinschaut.

Die OCG hat sogar eigene Spielfilme produziert, erklärt Claudia. Darin geht es etwa um die angebliche Gefahr durch Mobilfunk sowie um Reinkarnation. „Sie greifen im Kern wahre Dinge auf und bauen darauf ein großes Lügenkonstrukt darauf auf“, analysiert Claudia. Nun ist sie froh: „Ich habe erlebt, dass man von einer ideologischen Gefangenschaft wieder in eine Freiheit aufgenommen werden kann, ohne dass man irgendwem Vorwürfe macht.“ Sie konstatiert: „Die größte Gefahr ist, dass Menschen in Hass, Wut und Aggression geführt werden und entsprechend handeln.“

„Meinungsäußerungen müssen sich bewähren im Austausch von Meinungen“

Protagonistin Cecilia wiederum erlebte, wie Verschwörungstheorien einen Bruch zwischen sie und ihre Mutter brachten. Sie habe das Gefühl, ihre Mutter an eine andere Wirklichkeit zu verlieren. Die wiederum misstraut Medien und Institutionen, glaubt an alternative Erklärungsmodelle und hält Corona für eine Lüge. Die Mutter spricht nur von der „C-Zeit“, wenn sie Corona meint, so als bringe allein das Aussprechen des Wortes „Corona“ Unglück. Vorher habe sie sich „überhaupt nicht für Politik interessiert“, gibt die Mutter zu. Sie sei bis dahin „nur spirituell unterwegs“ gewesen. Doch auf einmal kannte sie sich gut aus mit der Politik und musste ihr Umfeld davor warnen.

Die Transformationsforscherin Maja Göpel weist im Film auf die „unterschiedlichen Räume insbesondere durch Social Media“ hin, in denen ganz eigene Erklärungen nebeneinander existieren könnten. „Verschwörungserzählungen erlauben mir, in einem Weltbild weiter zu navigieren und klare Schuldige zu benennen“, sagt Göpel. Sie erlaubten es, zu vermeiden, den eigenen Anteil an Problemen zu suchen. Der Soziologe Hartmut Rosa ist überzeugt, dass die betroffenen Menschen keineswegs in unterschiedlichen Realitäten lebten. Vielmehr gebe es Grundannahmen über die Wirklichkeit, die alle grob teilten.

Was ist Wahrheit?


Er gibt sich optimistisch: „Es bestreitet auch keiner, dass der Hamas-Überfall am 7. Oktober stattgefunden hat, und auch nicht, dass russische Truppen in die Ukraine eingedrungen sind.“ Die Fakten würden nicht infrage gestellt, sondern deren Deutung. Rosa macht einen wichtigen Unterschied deutlich zwischen der Unterdrückung einer Meinung und dem gefühlten Ausgrenzen von Meinungen: „Meinungsäußerungen müssen sich bewähren im Austausch von Meinungen.“ Man komme nicht ins Gefängnis, wenn man den Klimawandel leugnet. „Aber du wirst dann natürlich diskursiv ausgegrenzt.“

Der empfehlenswerte Film geht auf interessante Weise und nüchtern der Frage nach, woher das wachsende Misstrauen in unserer Gesellschaft kommt? Laut Wissenschaftsbarometer der Initiative „Wissenschaft im Dialog“ sehen 54 Prozent der Menschen in Deutschland die Gesellschaft in zwei unversöhnliche Lager gespalten, klärt der Film auf. „Der Riss verläuft längst durch Familien und Freundschaften.“ Filmemacher Max Damm, der bereits die ZDF-Dokumentation „Der Teufel in mir – Exorzismus heute“ (PRO berichtete) produzierte, die zu Pfingsten 2026 im ZDF lief, geht dabei auch der Frage nach: Was ist eigentlich Wahrheit, oder: Auf welche Wahrheit kann man sich denn wenigstens einigen?

Die vielleicht wichtigste Feststellung des Films macht Claudia, die unter dem Bruch mit ihrer Mutter leidet, die diesen aber auch genau analysiert hat: „Wenn wir davon sprechen, was wahr ist, dann müssen wir dafür auch Argumente und Beweise haben. Ansonsten müssen wir halt darüber sprechen, was wir fühlen, und das ist nicht unbedingt wahr. Aber das vermischt sich tatsächlich ganz schön.“

„Zwischen uns die Wahrheit“, Dokumentation, 45 Minuten, 4. August, 22.15 Uhr, ZDF in der Reihe „37 Grad“

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