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„Die Solidarität ist umwerfend“

Nur noch Flügel und Orgel sind im Gemeindehaus: Pastor Ronald Hentschel berichtet, wie seine „Kirche am Widey“ in Hagen überflutet wurde. Von der Hilfsbereitschaft anderer Christen ist er überwältigt.
Von Nicolai Franz
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Foto: Kirche am Widey, EFG Hagen
Die Kirche am Widey in Hagen hat eigentlich Platz für 500 Besucher. Vergangene Woche stand sie komplett unter Wasser.

PRO: Wie haben Sie die Flut erlebt?

Ronald Hentschel: Wir waren vor Ort beim Gemeindehaus, dachten, wir könnten uns auf die Flut vorbereiten. Doch da hatten wir uns geirrt. Die menschlichen Mittel, etwas zu bewahren, sind uns aus der Hand genommen worden. Vor dem Gemeindehaus fließt das eigentlich kleine Flüsschen Volme. Als die Flut kam, zerbarst eine Begrenzungsmauer regelrecht, die Steine wurden weggeschleudert. Es war eine Flutwelle, die in rasender Geschwindigkeit auf das Haus getroffen ist, der Wasserstand stieg sehr schnell und kontinuierlich. Da war nichts zu machen.

Wie groß ist das Gemeindehaus?

In den Gottesdienstraum passen etwa 500 Besucher, das ist für eine evangelische Freikirche sehr groß. Das Haus ist gebaut nach dem Vorbild des Zeltes Gottes in der Wüste, eine sehr schöne Architektur, ebenerdig, barrierefrei. Das hat allerdings dazu beigetragen, dass wirklich in jedem Raum das Wasser stand. Deswegen ist der Schaden für uns als Gemeinde kolossal. Es ist quasi alles weg.

Wie ging es dann weiter?

Am Mittwoch vergangener Woche war nach dem Unwetter überhaupt noch nicht ans Aufräumen zu denken. Ich habe alle gewarnt: Es ist viel zu gefährlich, hier kommt keiner her. Ich habe Menschen beobachtet, die mit kleinen Kindern auf dem Arm ganz neugierig in der Nähe der Flussmauer standen. Ich habe sie sofort lautstark weggeschickt, weil Lebensgefahr drohte. Man kann sich gar nicht ausmalen, was passiert wäre, wenn ein Kleinkind vom Arm gerutscht wäre. 

Konnten Sie sich vorbereiten?

Wir haben hier alle keine Erfahrung mit einer solchen Flut, konnten die Gefahren nicht einschätzen und waren da etwas naiv. Wir wussten gar nicht, welche Vorbereitungen man überhaupt treffen kann. Wir dachten an Pumpen, dichteten Türen und Fenster ab, ich habe die Veranstaltungstechnik auf die 50 Zentimeter hohen Podeste im Gottesdienstsaal verteilt, wo sonst der Kirchenchor steht. Ich dachte: Gut, das hast du jetzt geschafft, das ist sicher. War’s aber natürlich nicht. Das Wasser war viel höher.

Ist jemand zu Schaden gekommen?

Gott sei Dank nicht.

Kann man den finanziellen Schaden schon beziffern?

Der Schaden wird epochal sein, womöglich im siebenstelligen Bereich. Es gibt auch Werte, wo man sie auf den ersten Blick nicht vermuten würde, zum Beispiel Chornoten. Wir haben einen gemischten Chor und einen kleinen Gospelchor, die haben ganze Schränke von Noten verloren. Und die sind teuer, wenn man sie ordnungsgemäß kauft. Im Kinder- und Jugendbereich, bei den Senioren, überall im Gemeindeleben zeichnet sich das gleiche Bild ab. Das Gebäude ist quasi entkernt. Alles ist weg, bis auf zwei Gegenstände: den Flügel auf der Empore und unsere Orgel.

Was ist mit den übrigen Gegenständen geschehen?

Wir mussten sie raustragen, weil alles kontaminiert war. Wir reden hier ja nicht von Trinkwasser, sondern von Flusswasser, vermischt mit Diesel, Benzin, Heizöl. Alles, was damit in Berührung kommt, ist für Menschen eigentlich nicht mehr nutzbar. Das aufzubewahren, wäre nicht zu verantworten. 

Bekommen Sie als Gemeinde Hilfe beim Aufräumen?

Die Solidarität ist umwerfend. Es fängt bei der praktischen Hilfe an. Mittwoch kam die Flut, Donnerstagfrüh stand das Wasser noch, Donnerstagmittag lief das Wasser ab – warum das so war, darüber rätsele ich noch immer. Anderswo pumpte die Feuerwehr Tiefgaragen aus, bei uns lief das Wasser einfach ab. Als ich kam, waren alle Zuwege knöchelhoch mit Schlamm und Unrat bedeckt. Selbst mit Gummistiefeln kam man kaum durch, bei jedem Schritt blieb man stecken. Ich watete zum Gemeindehaus durch, schaltete den Strom komplett ab, drehte ein paar Videos für die Gemeinde und räumte am Donnerstag zwölf Stunden lang nur die Straßen, um überhaupt ans Haus zu kommen. Das haben wir bewältigt mit einer unglaublichen Hilfsbereitschaft aller umliegenden Gemeinden. Die westfälische Kirche in der Gegend ist stark von Erweckung geprägt, die Gemeindepfarrer stehen uns dadurch ganz nah. Lutheraner, Baptisten, Brüdergemeindler, Pfingstler und FeGler haben Seite an Seite den ganzen Tag gearbeitet. Das war für alle Beteiligten selbstverständlich. Kollegen riefen an und vermittelten Hilfe. Das war extrem anrührend.

Foto: Kirche am Widey, EFG Hagen
Helfer haben das Inventar der Gemeinde herausgetragen

Auf Ihrer Website ist ein Bild des Gemeindehauses unter Wasser, darauf der Spruch aus Matthäus Kapitel 7: „Wenn ein Wolkenbruch niedergeht, das Hochwasser steigt und der Sturm am Haus rüttelt, wird es trotzdem nicht einstürzen, weil es auf Felsengrund gebaut ist.“ Was möchten Sie damit ausdrücken?

Dass es hier nur um ein Haus geht, nicht um die Gemeinde. Viele verwechseln das. Der Apostel Paulus schrieb mal im 1. Korintherbrief, dass die Gemeinde der Tempel Gottes ist. Er meint damit kein Haus aus Stein, sondern die Menschen. Das Heiligste in der Gemeinde ist nicht der Altartisch, sondern die Menschen, in deren Augen man sieht, wenn man sich umschaut. Das ist der Tempel Gottes.

Sie sind als Freikirche jetzt wahrscheinlich stark auf Spenden angewiesen.

Da würde ich gerne unterscheiden. Wer mit Herzblut an unserer Gemeinde hängt, den würde ich ermutigen, an unsere Kirche zu spenden. Aber wir haben hier eine flächige Katastrophe, von der sehr viele Gemeinden, Christen und andere Menschen in NRW und Rheinland-Pfalz betroffen sind. Deshalb bitte ich alle anderen darum, an die überregionalen Hilfseinrichtungen zu spenden.

Vielen Dank für das Gespräch.

Spendenmöglichkeiten

Evangelische Allianz Bonn
„Allianz Katastrophen-Hilfe“
Bankverbindung:
Evangelische Allianz Bonn
DE13 3705 0198 0035 1017 65
Sparkasse KölnBonn

Hilfsfonds des Bundes Evangelisch-Freikirchlicher Gemeinden:
Flutkatastrophe Deutschland 2021
Projektnummer 45021
Bund Evangelisch-Freikirchlicher Gemeinden in Deutschland K.d.ö.R.
IBAN: DE14 5009 2100 0000 0333 08
BIC: GENODE51BH2
Spar- und Kreditbank Bad Homburg v.d.H.

Samaritan’s Purse (Die barmherzigen Samariter, online)

Rettungskräfte
Stiftung THW (Hilfe für THW Helfer)
DE23 3705 0198 1902 639093 (Sparkasse Köln Bonn)

Landesfeuerwehrverband RP (Hilfe für Feuerwehrleute)
DE86 5765 0010 0020 013595 (Kreissparkasse Mayen)

Deutsches Rotes Kreuz (online)

Diakonie Wuppertal

Diakonisches Werk Wuppertal
Stadtsparkasse Wuppertal
IBAN: DE31 3305 0000 0000 5589 24
BIC: WUPSDE33XXX
Stichwort: Hochwasser

 

 

 

 

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2 Antworten

  1. “Deshalb bitte ich alle anderen darum, an die überregionalen Hilfseinrichtung zu spenden.”
    –> Vielleicht sollte man auch ein bisschen an die pro-Redaktion spenden, damit die Hilfseinrichtungen ihre letzten beiden Buchstaben zurück bekommen?

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