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„Die Organisation Kirche hat bei den Protesten versagt“

Die Proteste in Belarus lassen nicht nach. Die Orthodoxe Kirche als gesellschaftlich relevante Kraft hat während der Proteste versagt, war der Tenor einer Diskussionsveranstaltung am Dienstag.
Von PRO
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Tausende Menschen demonstrieren friedlich gegen Präsident Alexander Lukaschenko: die Rolle der Kirchen wird bei den Protesten von zwei weißrussischen Wissenschaftlerinnen kritisch gesehen
Tausende Menschen demonstrieren friedlich gegen Präsident Alexander Lukaschenko: die Rolle der Kirchen wird bei den Protesten von zwei weißrussischen Wissenschaftlerinnen kritisch gesehen

Die orthodoxe Kirche als gesellschaftlich relevante Kraft hat bei den Protesten in Belarus versagt. Zu diesem Ergebnis kommt die Historikerin und Theologin Alena Alshanskaya. Sie hat die Rolle der Kirchen in dem Land erforscht. Die Münsteraner Theologin Yauheniya Danilowitsch beobachtet aber auch ein gewisses Potential in den Gemeinden selbst, das die Proteste unterstützt. Die beiden Wissenschaftler haben bei der Veranstaltung der Katholischen Akademie Berlin das Thema „Die Kirchen in Belarus – zwischen Politik und Glauben“ erörtert.

In der orthodoxen Kirche sei der leitende Geistliche abgelöst worden, der in Nächstenliebe gehandelt habe. Sein Nachfolger Metropolit Benjamin zeichne sich durch „Schweigen und Nichthandeln“ aus. Er absolviere zwar öffentlichkeitswirksame Auftritte an Hochschulen. Diese seien aber konstruiert und fänden mit loyalen Studenten statt: „Der Präsident versucht auf diesem Weg die Jugend für sich zu gewinnen.“ Sie frage sich, ob die Gesellschaft eine Organisation brauche, die sich nur um sich selbst drehe.

Repressionen vor Gericht

Alshanskaya ging auch auf die Haltung der Europäischen Union (EU) ein, die Lukaschenko nicht als Präsident anerkennt: „Die EU hat damit das Wichtigste getan. Den meisten Demonstranten ist aber auch klar, dass dies allein Lukaschenko nicht umstürzen kann.“ Sie nehme insgesamt eine schleichende Enttäuschung und Skepsis gegenüber der EU und ihrer Werte wahr.

Lukaschenko sei nicht das einzige Hindernis auf dem Weg zur Demokratie: „Auch der große Bruder im Osten wünscht kein Abdriften Weißrusslands in Richtung Demokratie und Rechtsstaatlichkeit.“ Auch die Basis der katholischen Kirche wünsche sich viel mehr Unterstützung. Die Bestrebungen der Gläubigen würden aber durch die Entscheidung der Weltkirche ad absurdum geführt.

Danilowitsch verdeutlichte, dass sich die Proteste im Laufe der Zeit gewandelt haben. Viele bedeckten mittlerweile bei den Demonstrationen ihr Gesicht. Repressalien erlebten sie eher durch die Gerichtsprozesse als durch Gewalt auf der Straße. Hier gebe es immer neue Gesetze und Verordnungen, um Menschen möglichst schnell verurteilen zu können.

„Der Staat möchte keinen Dialog“

Viele Oppositionelle verließen das Land in Richtung Ukraine, Polen oder das Baltikum. In den Gefängnissen würde nicht nur physischer Druck, sondern auch psychische Gewalt ausgeübt: „Der Staat ist nicht bereit, den Dialog anzufangen.“ Viele schauten noch immer Oppositionsführerin Swjatlana Zichanouskaja und versuchten gemeinsam die Ressourcen im Land zu mobilisieren: „Nicht mehr auf der Straße, sondern durch Vernetzung im Hintergrund.“

Sie nannte auch Beispiele von der Basis. Etliche Gläubige hätten Spenden für einen protestantischen Pfarrer gesammelt. Weil er seine Jalousien in den Farben der Demonstranten angemalt hatte, sei er mit einer Geldstrafe belegt worden. Für Plakate mit religiösen Motiven habe ein anderer Demonstrant 26 Tage Arrest bekommen. „Das religiöse Motiv in den Protesten ist wahrzunehmen. Zumindest in den Gemeinden gibt es ein gewisses Potential, das die Proteste unterstützt.“

„Die Wahrheit wird siegen“

Von den Christen in Deutschland wünschte sie sich Solidarität. Beide Wissenschaftler betonten, dass es darum gehe hinzuschauen, nachzufragen und praktisch zu helfen. Danilowitsch zeigte sich wenig optimistisch auf eine baldige Besserung der Lage: „Es wird ein Marathonlauf sein. Es geht darum, Strategien im Kampf gegen Lukaschenkos langen Atem zu entwickeln.“ Alshanskaya hofft, dass die Wahrheit siegen wird: „Ich bin aber auch irritiert, wie kurzsichtig sich die Leitung der orthodoxen Kirche verhält.“

Moderiert hat die Veranstaltung der katholische Theologe Thomas Bremer von der Universität Münster. Er gehört zur Redaktion der Zeitschrift Ost-West „Europäische Perspektiven“. Marc Frings, Generalsekretär des Zentralkomitees der Deutschen Katholiken, begrüßte die Zuhörer des digitalen Formats. Er betonte, wie undemokratisch die Wahl in Belarus abgelaufen sei. Auch der Winter und die Pandemie hätten die Demonstrationen nicht abgehalten.

Von: Johannes Blöcher-Weil

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