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„Die Kirche ist derzeit nicht zukunftsfähig“

Pfarrer Alexander Garth geht mit seiner Kirche hart ins Gericht: In ihrer jetzigen Form sei sie nicht zukunftsfähig. Statt sich der Gesellschaft anzupassen, müsse sie Jesus wiederentdecken und die Welt verändern. PRO hat ihn gefragt, wie das aussehen soll.
Von Anna Lutz
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Foto: privat

Alexander Garth ist Pfarrer – und findet kritische Worte für seine Kirche

PRO: Sie stellen den Kirchen in Ihrem neuen Buch „Untergehen oder umkehren“ ein denkbar schlechtes Zeugnis aus: angepasst, mittelmäßig, unbeweglich, farblos, banal. Wen oder was meinen Sie?

Alexander Garth: Ich stelle eine Diagnose, aber das soll eigentlich nicht im Zentrum meines Buches stehen, sondern die Therapie. Mir geht es nicht darum, meine Kirche schlecht zu machen. Dennoch müssen wir erkennen: Sie ist in ihrer jetzigen Form nicht zukunftsfähig. 

Die härteste Kritik trifft die Evangelische Kirche in Deutschland: Sie werfen ihr „religiösen Populismus“ vor. Die Kirche wolle alles über Bord werfen, was in einer säkularen Gesellschaft auf Ablehnung stoßen könnte. Was zum Beispiel?

Der Mainstream der Kircheneliten ist politisch einseitig. Und es gibt wenig Klarheit darüber, wer Jesus ist. Und die Volkskirchen setzen auf Anpassung: Sie senken die Preise, um die Menschen nicht zu vergraulen. Dadurch wird die Kirche beliebig und verwechselbar. Sie ist nicht mehr würziges Salz, wie Jesus es in der Bibel sagt: „Ihr seid das Salz der Erde.“ Vor allen Dingen ist die Christologie der Kirchen beschädigt. Sie sagen nicht mehr, dass er der Retter ist. Die Einzigartigkeit Jesu Christi gerät aus dem Blick. Er steht in einer Reihe mit Mohammed oder Buddha. Der Markenkern der Kirche ist verloren gegangen.

Es wird also in der Kirche zu wenig über Jesus gesprochen?

Nein, es wird über Jesus gesprochen. Aber es existieren alle möglichen Jesus-Bilder. Er ist Sozialrevolutionär, moralischer Influencer, Religionsstifter und vieles mehr. Aber das waren andere ja auch. Wichtig ist: Jesus ist der Messias und der Sohn Gottes. Kirchen, die das nicht predigen, sind nicht missionarisch und generieren erst recht keinen Aufbruch in unserer Gesellschaft.

„Jesus Christus ist der Retter von Sünde, Tod und Teufel. Das ist das Herz der Reformation. Das ist unser evangelischer Markenkern.“

Alexander Garth im Gespräch mit PRO

Welcher Satz über Jesus Christus fällt denn zu selten in den Kirchen?

Ein Satz von Martin Luther, der sicher erklärungsbedürftig ist und wie ein Brühwürfel je nach kulturellem Kontext aufgekocht werden muss: „Jesus Christus ist der Retter von Sünde, Tod und Teufel.“ Das ist das Herz der Reformation. Das ist unser evangelischer Markenkern. 

Sie schreiben, die Kirche sei eine Moralagentur geworden. Ist sie damit nicht ebenfalls anstößig? Moral ist doch in Zeiten des Individualismus alles andere als angesehen, oder?

Wir leben in völlig moralisierten Zeiten. Das Moralisieren in der Politik und der Religion ist ein Megatrend. Wer nicht an bestimmte Dinge glaubt oder auf eine bestimmte Art und Weise denkt, der wird sofort moralisch unter Druck gesetzt. Das Christentum aber ist vom Kern her eine Erlösungsreligion. Aus dieser Erfahrung der Erlösung folgt erst das moralische Engagement.

Die Kirche hat in Ihren Augen „Mission verlernt“. Wie sollte denn Mission heute in Deutschland aussehen?

Mission kann nur funktionieren, wenn sie auf Basis einer gesunden Christologie steht. Jesus Christus ist der Erlöser. Dann müssen Menschen die Möglichkeit haben, Gott zu erfahren und zu erleben. Drittens muss die Kirche das Evangelium in die unterschiedlichen gesellschaftlichen Milieus bringen. Derzeit ist sie sehr stark auf das Bildungsbürgertum fixiert. Damit erreichen wir die meisten Menschen gar nicht. Wir müssen uns breiter aufstellen. Wir brauchen charismatische Gemeinden, sozial engagierte Gemeinden, evangelikal-konservative Gemeinden und vieles mehr. Vor allen Dingen müssen wir unsere Binnenorientierung aufgeben und neu erkennen: Kirche ist für andere da und nicht für sich selbst.

Teile der Evangelischen Kirche setzt derzeit stark auf das Konzept der Fresh Expressions of Church aus Großbritannien, das kultursensibel und niedrigschwellig auf Menschen in unterschiedlichen Kontexten zugeht. Also macht sie doch alles richtig?

Ich mag Fresh X sehr! Aber das Ganze kann nur funktionieren, wenn die Kirche ihre Christologie klärt. Spirituelle Dynamik entsteht im Christentum, wenn Jesus, der Erlöser, verkündigt wird und nicht irgend ein Kuschelgott. Wir brauchen außerdem eine erneuerte Lehre vom Heiligen Geist. Und wir müssen wiederentdecken, dass Mission unser Auftrag ist. Und dass die Gemeinde Gottes Werkzeug ist, um die Welt zu verändern.

Ihr Buch ist auch ein Aufruf, die Mystik wiederzuentdecken. Wie sieht das aus in einem klassischen lutherischen Gottesdienst?

Wir leben in Zeiten des Aufschwungs gewählter Religiosität und des Abebbens geerbter Religiosität. Die Menschen werden ihren Glauben zunehmend frei wählen. Alle erfolgreichen missionarischen Gemeinden hierzulande, die ich kenne, arbeiten deshalb mit einer Doppelstrategie: Sie bearbeiten das Feld der traditionellen Gemeinde und sie brechen auf zu den Menschen in ihrem säkularen Umfeld. Also sie sind einerseits traditionell in der Form. Und andererseits gehen sie mit dem Evangelium hinein in die Kultur kirchenferner Menschen. Wir in Wittenberg machen einen traditionellen Gottesdienst, aber wir haben auch Church@Night. Das ist ein spiritueller Nachtgottesdienst mit mystisch beleuchteter Kirche, Interviews und Musik mit Band. Klassische Liturgie ist sehr bildungsbürgerlich und abgehoben, sie trifft selten das Herz der Menschen, die noch keinen Zugang zu ihr haben.

Sie sagen von sich, Sie seien ein evangelikal-liberaler Lutheraner mit katholischen und pfingstlerischen Neigungen. Sieht so die Zukunft der Kirche aus? Ein Mix aus allem?

Nein, natürlich nicht. Aber ich persönlich leiste mir diese Weite. Ich mag die Leidenschaft der Pfingstler für Mission. Davon können wir lernen. Ich bin aber auch Lutheraner, weil ich die Kindertaufe nicht aufgeben möchte. Ich erkenne an, dass Liturgie für meine katholischen Freunde wichtig ist und ich kann dem etwas abgewinnen. Ebenso der Marienfrömmigkeit und der Beichte. Ich schätze, dass die Evangelikalen die Bibel hochhalten. Dieser Mix überfordert sicher viele. Aber für alle Kirchen gilt: Das Christentum ist nicht an eine bestimmte Kultur gebunden, sondern wir müssen die Kultur mit der Botschaft von Jesus durchdringen und verändern.

Sie schreiben in Ihrem Buch: „Ich rechne damit, nachdrücklich Widerspruch zu ernten.“ Kam der schon?

Ich werde geliebt und gehasst. Wir brauchen in der Kirche eine neue Diskussionskultur. Ich beobachte, dass die Menschen immer weniger dazu bereit sind, sich mit anderen Positionen auseinanderzusetzen. Es wird immer gleich moralisiert. Mir wird oft vorgeworfen, ich würde die Kirche schlechtreden. Aber das ist so ähnlich, als würde man einem Arzt sagen, er rede die Gesundheit des Patienten schlecht, nur weil er sagt, was er sieht. Wir müssen miteinander sprechen, aber immer in dem Wissen, dass unser Erkennen Stückwerk ist, wie die Bibel sagt.

Herr Garth, vielen Dank für das Gespräch!

Alexander Garth: Untergehen oder Umkehren. Evangelische Verlagsanstalt Leipzig, 240 Seiten, 15 Euro

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17 Antworten

  1. „Ihr Buch ist auch ein Aufruf, die Mystik wiederzuentdecken.“
    Genau, dort im Mittelalter neu anfangen, das mittlerweile verbreitete Bild eines Kumpels, den es vielleicht gibt, als Gottesbild radikal ersetzen.
    Jesus und was er über das Reich Gottes gelehrt hat mit der Sprache der modernen Psychologie und den Naturwissenschaften neu interpretieren.
    Glaube sucht Vernunft und mit der überhandnehmenden feministischen Theologie geht‘s jetzt noch schneller in Richtung einer Kleinkinderkirche mit grün-pantheistisch-sozialistischen Zügen.
    Eine Weltsynode der römischen Kirche, die Suggestivfragen organisatorisch-struktureller Art vorlegt, dabei aber behauptet hören zu wollen.
    Sowenig Wissenschaft eine demokratische „Mitarbeit“ toleriert, sowenig kann sich die Kirche als Interpretin der Offenbarungsschriften in ihre Kernkompetenzen dreinschwatzen lassen. Die Rechtfertigung zu dieser Abwehr muss sie generieren aus einer Dynamik heraus, die sie befähigt unendlich gültige Botschaft in die Zeit hinein zu verkünden. Da liegt die Verantwortung und Kompetenz der Theologie, welche unter keinen Umständen blockiert werden darf durch „ewige Glaubenssätze“.

  2. Gutes Interview.
    Jesus Christus ist das Fundament
    unseres Glaubens.
    Als ich Jesus als Retter und Herrn in mein Herz ließ und ich mich IHM anvertraute, wurde mein Leben neu.
    Ich folge Jesus nach und weiß mich trotz
    meiner Fehler von Gott geliebt.
    Das ist Evangelium.

  3. Hört sich gut an, für mich als “Neo-Pietist” fehlt nur noch die Betonung eines heiliges Lebens und die Liebe zum Wort Gottes !

  4. “You must not lose confidence in God because you lost confidence in your pastor. If our confidence in God had to depend upon our confidence in any human person, we would be on shifting sand.”
    Francis Schaeffer

  5. Der Mainstream schafft die Kirche ab, bzw. Kirche schafft sich selber ab. Es geht um das Zentrum unseres Glaubens, um Gott und Jesus Christus!

  6. Das ist enorm viel zum nachdenken.
    Ich denke manchmal auch an die Predigten in den Gottesdiensten.. so nach sozialem Vorbild – es sollte für jeden etwas dabei sein! Aber was? –
    Oft fehlt das klare Bekenntnis zu Jesus Christus dem Sohn Gottes aus der Predigt.
    – Billy Graham hat immer am Ende seiner Predigten – den Aufruf zur Umkehr angeboten – den Weg zum Kreuz erklärt. –
    Und noch was fällt mir oft auf.. – Die Predigt das Wort Gottes in der Anwendung. Ganz wichtig: Verstehen des Textes – was kann ich mitnehmen in meinen Alltag. –

  7. Mir ist bei diesen zutreffenden Analysen ganz neu aufgegangenwas nicht nur ein interessanterNebenschauplatz ist sondern fundanental für die Zukunft sein wird: zur Kennrnis nehmen die messianisch jüdische Bewegung. vgl. Johannes Fichtenbauer das Gegeimnis des Ölbaums)Burk

  8. Solche Bücher mit ähnlichen Thesen gibt es derzeit haufenweise. Wir brauchen nicht noch mehr davon. Wir brauchen aber Modelle. Wenn seine Gemeinde in Wittenberg das ist, sollte er es beschreiben. Dazu muss er aber andere Modelle nicht schlechtschreiben.

  9. Ich bin froh, dass seine Stimme auch im “RUF”, Zeitschrift der Missionsbenediktiner aus Münsterschwarzach, erschienen ist. Auf diesen Beitrag habe ich lang gewartet.

  10. Super wurde der Markenkern herausgearbeitet “Jesus Christus ist der Retter von Sünde, Tod und Teufel. Das ist das Herz der Reformation.” Noch besser und kürzer wäre: “Christus ist der Retter von Sünde, Krankheit und Tod” das ist ja das Teuflische.

  11. Preußentalar mit Bartschutz (Beffchen), in welchem Jahrhundert lebt denn die Kirche?
    Die Liturgie erinnert mich an das Abfragen in der Schule und wer will sich beherrschen lassen?

    Nciht jeder, der ein geistliches Amt ausübt, ist von Jesus Christus berufen.
    Manch einer wollte Medizin, Jura usw. studieren und hat keinen Studienplatz bekommen und dann Theologie studiert.
    Bei anderen war das Motiv, dass man als Pfarrer ja nicht einer Aufsicht und den Anforderungen wie in einem Wirtschaftsunternehmen unterliegt…
    Andere wollten ein sicheres Einkommen und nichts für ihre Altersvorsorge einzahlen.

    Wie viele Pfarrer glauben überhaupt an die wesentlichen Aussagen der Bibel?
    Es ist eben sehr bequem, den Glauben nur ein bisschen zu verwalten. Aber laue Christen wird Jesus aus Seinem Mund ausspucken (Offenbarung 3,14-22)

  12. Die aus dem Mittelalter stammenden Kirchenlieder sind derart veraltet, dass man den Text nicht versteht und die tragenden Melodien gar nicht mitsingen kann. Wie lange will man daran noch festhalten? Es gibt doch so schöne moderne Anbetungslieder, in denen Jesus verherrlicht wird. Die Predigten sollten ebenfalls viel mehr auf Christus bezogen sein und wie das in unser heutiges Leben passt.

  13. Alle Kommentare sind gut und jeder denkt dabei auf seine Weise. Gott hat uns nicht alle gleich geschaffen und wir müssen bei ihm alle einmal miteinander auskommen. Das wird für so manchen nicht ganz leicht sein! Fakt ist: Die Kirche muss sich verändern, ohne ihre Botschaft aufzugeben. Sie muss sich besser gesagt wieder an sie erinnern… Das bedeutet: Lebendige Predigten und Gottesdienste, die anziehend wirken. Zur Zeit passt sie sich dem Zeitgeist an und relativiert immer mehr. Das geht eines Tages so weit, dass sie eine verwaltete Organisation unter vielen wird, die kaum noch eine spezielle Prägung ausstrahlt und somit uninteressant und lediglich noch toleriert wird.

    1. Immer mehr muss ich erkennen, dass die derzeitige Kirche nicht mehr die Kirche ist, die ich in meiner Jugend kennenlernte.
      Ich wünsche mir, das ich mich irre, aber:
      Ich stellte schon bei anderen Kommentaren fest, dass die Barmer Theologische Erklärung (z.B. Einflussnahme der Politik und der Gesellschaft auf kirchliche Entscheidungen) anscheinend bei den kirchlichen Entscheidungen kaum noch eine Rolle spielt.
      Dabei gilt doch: Bibel, Bekenntnisse, Barmer Theol. Erklärung.
      So habe ich es gelernt.

      Soweit wie ich das Buch bereits gelesen habe, stimme ich dem zu: “Back to the Roots”.
      Das wird ein schmerzhafter Prozess.

  14. … Christus wählt sich seine Kirche unter den Menschen auf dieser Welt – dort wo Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft einen Platz bekommen, dort blitzt sie auf, ist sie angebrochen, und jeder ist immer wieder neu zur Teilnahme eingeladen. Vielleicht spielt heute weiter gehend noch der in Liebe geübte Respekt vor einer gesunden Umwelt und den anderen Lebewesen auch eine Rolle. Und wenn die Gemeinde zusammentrifft, dann sind, mag sein, das Kirchendach über dem Kopf und eine zündende Impulsrede ein weiteres Plus – – “… und führe uns auch in der Ent-Täuschung … “, so möchte man es vielleicht manchmal auch sprechen.

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