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„Die Kirche hat es nicht sehen oder wissen wollen“

In Frankreich sind seit den 1950er Jahren Hunderttausende Kinder durch Priester, Ordensleute und Angestellte der Katholischen Kirche sexuell missbraucht worden. Das hat die Untersuchung einer unabhängigen Kommission ergeben.
Von Norbert Schäfer
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Jean-Marc Sauvé

Foto: Conseil d'État | CC BY-SA 4.0 International

Der ehemalige Richter Jean-Marc Sauvé (Archivbild) hatte den Vorsitz der unabhängigen Untersuchungskommission

Seit den 1950er Jahren sind etwa 330.000 Kinder und minderjährige Jugendliche zu Opfern sexualisierter Gewalt in der Katholischen Kirche in Frankreich geworden. Das hat eine unabhängige Untersuchungskommission (CIASE) unter dem Vorsitz des ehemaligen Richters Jean-Marc Sauvé ermittelt. Die französischen Bischöfe hatten die Arbeit der Kommission im November 2018 beauftragt. Der rund 500 Seiten umfassende Abschlussbericht ist am Dienstag in Paris veröffentlicht worden.

Demnach haben Priester, Ordensleute oder Mitarbeiter der Katholischen Kirche in rund 216.000 Fällen Kinder sexuell missbraucht. Der 2.500 Seiten umfassende Bericht legt offen, dass 80 Prozent der Opfer Jungen im Alter zwischen dem zehnten und dreizehnten Lebensjahr waren. Ein Fünftel der Opfer waren Mädchen unterschiedlicher Altersgruppen. Bei den ermittelten Taten habe es sich in rund einem Drittel der Vergehen um Vergewaltigung gehandelt.

Die Zahlen seien erschütternd und könnten nicht folgenlos bleiben, erklärte der Kommissionspräsident. Die Opfer hätten Leiden, Isolation, Scham und Schuldgefühle in einem Missbrauchssystem erlitten. „Die Kirche hat es nicht sehen oder wissen wollen“, erklärte Sauvé.

22 Fälle beim Staatsanwalt

Die Kommission in Frankreich hat mutmaßliche Missbrauchsfälle an die Staatsanwaltschaft übergeben. In 22 Fällen könnten die Straftaten noch verfolgt werden, weil die Verjährungsfrist noch nicht abgelaufen sei. Die strafrechtliche Verfolgung ist bei 40 weiteren Fällen wegen der Verjährung der Taten nicht mehr möglich, die mutmaßlichen Täter lebten aber noch. Die mutmaßlichen Täter hat die Kommission der Kirche mitgeteilt.

Papst Franziskus hat sich am Mittwoch in einer Generalaudienz beschämt zu dem Missbrauchsbericht aus Frankreich geäußert. „Ich möchte den Opfern meine Trauer und meinen Schmerz über das erlittene Trauma und meine Scham darüber ausdrücken, dass die Kirche es zu lange versäumt hat, sie in den Mittelpunkt ihrer Bemühungen zu stellen, und sie meiner Gebete versichern“, erklärte Franziskus.

Erzbischof kündigt Entschädigungszahlungen an

Der Vorsitzende der französischen Bischofskonferenz, Éric de Moulins-Beaufort, hat die Opfer des Missbrauchs um Vergebung gebeten und kündigte an, dass die Opfer von sexuellem Missbrauch von der Kirche anerkannt werden müssten und eine finanzielle Entschädigung erhalten sollen. Zur Höhe möglicher Zahlungen an die Opfer sagte Erzbischof Moulins-Beaufort nichts.

In Deutschland hatte 2018 ein interdisziplinäres Forschungsprojekt, die sogenannte MHG-Studie, das Ausmaß von sexuellem Missbrauch in der Katholischen Kirche in Deutschland offengelegt. Laut der Studie haben sich zwischen 1946 und 2014 mindestens 1.670 Kleriker und Ordensleute der Katholischen Kirche in Deutschland an Schutzbefohlenen vergangen.

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9 Antworten

  1. Wenigstens hat man so lange mit der Untersuchung wartet, bis die meisten Verbrechen verjährt sind. Die Entschädingunsgzahlungen sind für die Kirche mit ihrem Multimilliarden-Vermögen ja eher Peanuts.

  2. Die KK in der westlichen Welt ist am Ende, von diesen Skandalen wird die Kirche sich nicht mehr erholen, der Schaden ist zu groß, das Vertrauen zerstört. Synodaler Weg und Liberalisierung lösen weder das Problem noch bieten sie Perspektive, es ist nur der Versuch die missliche Lage zu nutzen um eine verweltlichte Agenda durchzusetzen. Was wirklich helfen würde ist ernsthafte Buße und Umkehr, verbunden mit der Abkehr von unbiblischen Praktiken wie dem Zölibat. Sicher gibt es Kräfte die den Ernst der Lage erkennen und auch Schritte gehen wollen, aber ich glaube nicht, dass sie gehört werden.
    So wird die geschwächte Kirche wohl den Wölfen zum Fraß vorgeworfen werden, besser die Knochen die
    übrig sind. Eine Bastion gegen den Weltgeist fällt vor unseren Augen, “der Lohn der Sünde ist der Tod” ! Bleibt die Frage wo und wie sammeln sich die wahren Kinder Gottes ?

    1. Gläubige Christus Nachfolger sammeln sich dort, wo Jesus Christus in der Mitte steht und die Bibel die Grundlage des Glaubens und Lebens bildet. Ich denke, dass man viele dieser Christen in den freien evangelischen /@evangelikalen Gemeinden findet. Solus Christus, sola fide, sola gratia, sola scriptura.

      1. ich wollte andeuten, auch in der KK gibt es bekennende Christen, das Bürgerrecht des Himmels ist nun mal nicht den Evangelikalen vorbehalten. Ich vermute wir werden noch spannende Entwicklungen erleben und die echten Kinder Gottes werden sich finden !

      2. Aber leider hat es auch in unseren sog. evangelikalen Gemeinden sexuellen Missbrauch gegeben. Auch wir sind schuldig geworden und wir sollten die Betroffenen und Jesus Christus um Vergebung bitten.

  3. Die Sexualverbrechen an über 300.000 Kindern dürfte wohl als eines der abscheulichsten Verbrechen in die Menschheitsgeschichte eingehen.

  4. Jean-Marc Suavé sagt: Was an so vielen KIndern geschehen ist, lässt sich nicht mehr ändern. Es geht jetzt um das Heute und Morgen: Die seelisch obdachlos Gewordenen dürfen sich “bemerkbar” machen, indem sie “zum Wort befreit” werden und ihr Leid anderen nachvollziehbar machen. Damit gewinnen sie ein kleines Stück Würde und Menschlichkeit zurück, und diejenigen, die ihnen Gehör und Mitgefühl (nicht Mitleid!) schenken, holen sie aus der schambesetzten Einsamkeit heraus, die sie bislang von der Gemeinschaft trennte.

  5. Mir fällt in diesem Text – wie bei bisher allen anderen zum Thema – auf, dass die Zahlen so genannt werden, dass man nicht zuordnen kann, aus welcher Zeit denn nun der Großteil der Straftaten stammt. Ist das Absicht? Ob fast alle Verbrechen aus den 60er Jahren stammen oder viele nach 2000 geschahen, wäre ja eine völlig andere Sache. Könnte es darum gehen, die heutige katholische Kirche in ein möglichst schlechtes Licht zu rücken? Ich weiß nicht.

  6. Erstaunlich ist, dass die Kirche nicht die volle Konsequenz für diese Missstände in 100-tausendfacher Wiederholung übernimmt! Es ist ganz offensichtlich falsch, Keuschheit erzwingen zu wollen. Da ist die evangelische Kirche realistischer, obwohl auch dort Missbräuche geschehen sind. Die Geschichte der katholischen Kirche ist voller Gewalt und Missbrauch; allein die 100.000 ‘Hexen’ wurden gefoltert, vergewaltigt und verbrannt. Gleichzeitig macht sie scheinheilig weiter damit, ‘Religion’ zu verkünden deren Stifter Armut predigte, ist der größte Grundbesitzer in Deutschland (Paradies Versprechen für vererbten Besitz). So kostbar das religiöse Empfinden an sich ist, organisierte Formen sind meistens entartet. Ich hätte Respekt, wenn die Kirche sich auflösen würde und ihr Kapital den Armen der Welt zur Verfügung stellen würde. Ich weiß: das wäre Utopia!

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