Wenn ein Fußballverein in eine Krise schlittert, dauert es oft nicht lange, bis ein Name in der öffentlichen Debatte fällt: Jürgen Klopp. Der Trainer hat an seinen bisherigen sportlichen Stationen bewiesen, dass er es kann. In Mainz, Dortmund und Liverpool hat Klopp geliefert und mit den ihm zur Verfügung stehenden Mitteln große Erfolge gefeiert.
Seit wenigen Monaten ist er Bundestrainer und versprüht bei seinen öffentlichen Auftritten viel Charisma. Für viele der 83 Millionen „Bundestrainer“ ging mit seiner Nominierung ein Traum in Erfüllung. Bis 2030 hat Klopp jetzt Zeit, die Nationalmannschaft auf die großen Turniere vorzubereiten und vielleicht auch wieder Titel zu holen.
Seine „Mission“ beginnt heute mit dem Nations-League-Spiel gegen die Niederlande. Apropos Mission: Es ist interessant, welche religiösen Attribute dem überzeugten Christen Klopp in den Medien zugeschrieben werden. Vielen gilt er nach drei enttäuschenden Fußball-Weltmeisterschaften als „Heilsbringer“ und „Messias“. Eurosport hat bei seiner Vorstellung sogar von einer „Krönungsmesse zum Heilsbringer des deutschen Fußballs“ gesprochen.
Vetrauen und extrem harte Arbeit
Diese Sehnsucht scheint zutiefst menschlich. Ob Klopp zum Erlöser taugt oder das verkörpern möchte, bezweifle ich. Nicht umsonst hat der bodenständige Fußballtrainer seit seiner Zeit in Liverpool den Spitznamen „The Normal One“. „Nah bei de Leut“, wie es der frühere SPD-Ministerpräsident von Rheinland-Pfalz, Kurt Beck, formuliert hat.
Fakt ist: Der Menschenfänger Klopp kann Energie entfachen, Mannschaften entwickeln und Hoffnung vermitteln. Fragen Sie mal die Unterstützer seiner bisherigen Vereine! Klopp wird nicht alle Erwartungen erfüllen können. Und eines ist auch klar: Seine Erfolge waren das Ergebnis längerer Prozesse, von Vertrauen und extrem harter Arbeit.
Wer als Messias gehandelt wird, kann schnell an zu hohen Erwartungen scheitern. Jeder Misserfolg kann zum „Sündenfall“ werden, um in der religiösen Sprache zu bleiben. Das zeigen derzeit vor allem auch Beispiele in der aktuellen Politik. Klopp ist ein Mensch mit Haltung und Überzeugungen. Das hat mir nicht nur die Lektüre seiner neuen Biografie gezeigt. Der Glaube ist die Kraftquelle seines Lebens.
„Habe jemand, auf den ich mich verlassen kann“
Eine Anekdote des Buches ist mir besonders in Erinnerung geblieben. Als Klopp 2004 dem Kicker die Frage nach der wichtigsten Person der Weltgeschichte beantworten sollte, hat er dies mit „Jesus“ getan. Er selbst habe in seinem Glaubensleben spüren dürfen, „dass ich da jemand habe, auf den ich mich verlassen kann“.
Er glaubt an einen Gott, der immer wieder die Chance für einen Neuanfang bietet. Um das ganz persönlich zu verkörpern, positioniert sich Klopp regelmäßig für die schwachen und nicht so privilegierten Menschen der Gesellschaft. Klopp kann Menschen begeistern, aber er muss sie nicht erlösen.
Aber wenn sich viele an seinem Vorbild orientieren, Menschen in den Blick nehmen, auf die sonst keiner schaut, dann wäre unserer Gesellschaft viel geholfen. Denn nicht nur sportlich, sondern auch politisch wünschen sich viele, dass es einen gibt, der den „gordischen Knoten“ zerschlägt und die bestehenden gesellschaftlichen Probleme lösen kann. Auch deshalb sind Populisten links wie rechts dieser Tage so erfolgreich.
Angesichts dessen kann „Kloppo“ gerne ein Vorbild für alle sein: in einer Zeit, in der die Gesellschaft so gespalten ist, wie vielleicht noch nie. Ich persönlich nehme mir für die kommende Woche vor, von Jürgen Klopps Demut und Dankbarkeit zu lernen. Er kann Menschen mitreißen und motivieren. Die Rolle des „Heilands“ und „Messias“ hat ein anderer inne.