Es gab mal eine Zeit, da war es rebellisch, wenn man der Kirche den Rücken zukehrte. Heute ist es fast schon andersherum: Wer freiwillig seine Freizeit in der Kirche oder im Kloster verbringt, ist verdächtig. Ist da etwa jemand Opfer von Gehirnwäsche geworden?
Im erfreulich tiefgründigen und sehenswerten Spielfilm „Glaube“ spielt ein 17-jähriges Mädchen mit dem Gedanken, in ein Kloster einzutreten. Dass sie einen Ruf von Gott gehört hat, scheint für manche Familienangehörigen undenkbar.
Spanien war jahrhundertelang eine Bastion des Katholizismus. Heutzutage bezeichnen sich aber nur noch 55 Prozent der Spanier offiziell als katholisch; davon sieht sich nur noch ein kleinerer Teil als praktizierend. 39 Prozent geben an, keiner Religion anzugehören. Doch seit einigen Jahren gibt es eine kleine Trendwende: Die Zahl junger Katholiken hat überraschend deutlich zugenommen, ergab eine Umfrage erst Anfang 2026. Während sich 2020 nur 31,6 Prozent der Befragten zwischen 15 und 29 Jahren als katholisch bezeichneten, waren es zuletzt 45 Prozent. Zugleich hat die Zahl der Agnostiker und Nichtgläubigen unter den jungen Menschen im Land abgenommen.
Liebe kann man nicht begründen oder verteidigen
Der Spielfilm „Glaube“ der baskischen Regisseurin Alauda Ruiz de Azúa greift diesen Trend auf. Doch angesichts der Dialoge über das Für und Wider von Kirche scheint er manchmal die Verhältnisse geradezu umzudrehen.
Im Zentrum steht Ainara, die vor allem mit ihrer Tante Maite zu kämpfen hat. Denn für diese ist allein die Vorstellung, dass ihre Nichte Nonne werden könnte, ein Graus. Sie sollte studieren, die Welt bereisen und das Leben genießen.
Eigentlich, so denkt sie, könne dahinter nur der böse Einfluss der Nonnen stecken, mit denen Ainara seit ihrer Kindheit in ihrer katholischen Schule zu tun hatte. Und sobald von einem jungen Priester die Rede ist, der sie betreut, liegt der Verdacht des sexuellen Missbrauchs für sie nicht weit entfernt. Also versucht Tante Maite, alles in Bewegung zu setzen, um dem Mädchen die Idee wieder auszutreiben.
Über die tatsächlichen Absichten Ainaras lässt der Film indes keinen Zweifel offen. Sie fühlt sich von Gott berufen. Was erst wie eine kurzfristige Flause eines Teenagers aussieht, ist eine ernste und klare Herzensangelegenheit. „Ich fühle mich von Jesus geliebt“, versichert Ainara ihrer Tante. „Das ist so eine schöne Liebe, dass es leicht ist, sich ihr hinzugeben.“ Vor allem aber ist klar: Liebe kann man nicht mit Argumenten begründen oder verteidigen. „Liebe ist etwas, das man im Inneren spürt.“
Keine Karikaturen, sondern glaubhafte Charaktere
Ainaras Vater wiederum steht zwischen den beiden Polen und will am Ende vor allem das Beste für seine Tochter und dass sie glücklich wird. Er ist überzeugt, dass seine Tochter in der Lage ist, eine eigene Entscheidung zu treffen.
Der Film geht das Thema einfühlsam an. Beide Seiten – die von der Liebe Gottes überwältigte Teenagerin sowie die skeptische Tante – werden sehr glaubwürdig dargestellt. Die katholische Gemeinschaft ist für Ainara der Ort, an dem sie Gott kennenlernen kann. Die Frage, warum es ein Klostereintritt sein muss und sie Gott nicht auch außerhalb der Klostermauern dienen kann, wird hingegen nicht thematisiert.
Der vielleicht interessanteste Aspekt des Films ist, dass am Ende eigentlich der Atheistin, Tante Maite, die Rolle einer religiösen Fanatikerin zugedacht wird. Sie betont zwar stets ihre religiöse Toleranz allem und jedem gegenüber. Doch geht es um den katholischen Glauben ihrer eigenen Nichte, ist ihre Toleranz schnell am Ende. „Ich bin zwar nicht gläubig“, sagt sie ihrer Nichte, „aber ich respektiere deinen Glauben. Aber dass Du Nonne werden willst, ist etwas anderes!“
Erstaunlich ist daraufhin ihr rigoroser Kampf gegen die Pläne ihrer Nichte. Was anfänglich vielleicht lediglich Skepsis den Nonnen gegenüber ist, bricht sich irgendwann als blanke Abscheu Bahn: „Die Nonnen belügen dich, wie sie selbst belogen wurden!“ Tante Maite bezirzt sogar eine enge Freundin Ainaras, damit sie mit dem Mädchen mehr feiern geht und mit Jungs anbandeln soll.
Interessanterweise ist die Tante durchaus der Meinung, dass man sich als junger Mensch bei der Entscheidung, in ein Kloster zu gehen, möglichst Zeit lassen sollte; wenn es aber darum geht, mit einem Jungen ins Bett zu gehen, kann es ihrer Meinung nach eigentlich nicht schnell genug gehen.
Vielleicht ist „Glaube“ ein wenig zu einseitig, was die Glorifizierung des Klosterlebens für ein 17-jähriges Mädchen und die Ablehnung der atheistischen Tante angeht. Dennoch wird keine der beiden Seiten in ihrer Haltung karikiert. Die spanisch-französische Produktion wurde bei ihrer Premiere auf dem San Sebastián International Film Festival als Bester Film ausgezeichnet. Bei den GOYA-Awards erhielt er 2026 fünf Auszeichnungen (unter anderem als bester Film und bestes Drehbuch). Dass hier der Glaube und ein offenbar von der Liebe Gottes gepackter Teenager nicht lächerlich gemacht werden, sondern ihre ehrlichen inneren Beweggründe thematisiert werden, spricht vielleicht in der Tat für einen Trend in Spanien, wieder zurück zu mehr Neugierde auf Gott, besonders unter jungen Menschen. „Glaube“ läuft am 29. Oktober in den deutschen Kinos an.
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